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Asien

Der Kampf der Dissidenten-Ehefrau Liu Xia

Der chinesische Dissident Liu Xiaobo wurde Ende 2009 zu einer elfjährigen Haftstrafe verurteilt. Seine Frau, die Künstlerin Liu Xia, ist seine wichtigste Verbindung zur Außenwelt.

Liu Xia (Foto: AP)

Liu Xia

Sie schaut sich kurz um und setzt sich dann in eines der Polstermöbel in der Lobby eines großen Pekinger Hotels. In ihrem schwarzen chinesischen Hemd, mit Brille und kurzgeschorenem Schädel wirkt sie fremd inmitten der Geschäftsleute und Touristenfamilien, die sich auf Ausflüge in der Stadt vorbereiten. Bei sich zu Hause kann Liu Xia keine Besucher empfangen. Seit der Verhaftung ihres Ehemannes Liu Xiaobo hat die Polizei einen Wachposten vor ihrem Haus aufgestellt. Wann immer sie aus dem Haus geht, grüßt ein Polizist.

Liu Xia bestellt einen doppelten Espresso und zündet sich nervös eine Zigarette an. "Das einzige, was ich tun kann, ist, ihn zu besuchen, ihm Bücher mitzubringen und ihm zu schreiben", sagt sie mit brüchiger Stimme. Seit einem Jahr dürfe er im Gefängnis lesen und schreiben. Und er dürfe inzwischen zweimal am Tag für eine Stunde auf den Gefängnishof. "Sie lassen ihn morgens und abends einmal die Sonne sehen."

Ein fremdes Leben

Liu Xiaobo im Freien mit einem Blatt Papier in der Hand (Foto: AP)

Liu Xiaobo im Oktober 2008

Liu Xia ist die Ehefrau Liu Xiaobos, Chinas berühmtestem Dissidenten, der im vergangenen Jahr zu elf Jahren Haft verurteilt wurde. Beide lernten sich Anfang der achtziger Jahre in Pekinger Literatenkreisen kennen. Zwei junge Studenten, die sich für Lyrik begeisterten. Als es wenige Jahre später zu Massendemonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens kam, trat Liu Xiaobo, inzwischen Dozent für Literatur, aus Solidarität mit den demonstrierenden Studenten in den Hungerstreik. Nach der Niederschlagung der Proteste wurde er verhaftet. Zweimal saß Liu Xiaobo in den neunziger Jahren im Gefängnis, der ständige Druck, Vorladungen der Polizei, all das ist seit vielen Jahren Alltag auch im Leben seiner Frau Liu Xia.

Zwischen Angst und Hoffnungslosigkeit

Sie leide seit Jahren unter der Angst und der Isolation, die ein Leben als Regimekritiker in China mit sich bringt und habe ihre Tage zu Hause verbracht, mit unzähligen Büchern. "In der realen Gesellschaft hatte ich vielleicht noch vier, fünf gute Freunde, meine alten Freunde", sagt sie. "Ich habe kein Handy benutzt und keinen Computer. Ich hatte das Gefühl, dass all das, was da draußen vor sich geht, nichts mit mir zu tun hat. Ich lebe das Leben eines Anderen."

Demonstranten halten Plakate mit dem Portrait von Liu Xiaobo in die Höhe (Foto: AP)

Mit Plakaten kämpfen diese Demonstranten in Hongkong für die Freilassung Lius

Nur selten fällt ein Schlaglicht auf das Schicksal der Angehörigen von Dissidenten. Zeng Jinyan, die Ehefrau des Aids-Aktivisten und Menschenrechtsanwalts Hu Jia, bloggte nach seiner Verhaftung über ihr Leben unter Hausarrest, und die Ehefrau des inhaftierten Menschenrechtsanwalts Gao Zhisheng kam 2009 kurz in die Meldungen, weil sie mit ihren Kindern durch den Dschungel über die Grenze nach Thailand geflohen war. Liu Xia, die eigentlich die Öffentlichkeit am liebsten meiden würde, ist nun Liu Xiaobos wichtigste Verbindung zur Außenwelt.

Im Dezember 2008 veröffentlichte Liu Xiaobo gemeinsam mit anderen Intellektuellen die Charta 08, die Meinungsfreiheit und Bürgerrechte einfordert. Mehr als 10.000 Chinesen unterschrieben die Petition im Internet. Sie habe sofort gewusst, dass das Regime ihm das nicht durchgehen lassen würde, sagt sie. "Viele hätten an seiner Stelle aufgegeben, aber Xiaobo ist unglaublich willensstark. Wenn er an ein Ziel glaubt, dann wird er in diese Richtung gehen, selbst wenn er genau weiß, dass er es niemals erreichen kann. Er hat so etwas unglaublich Stures an sich."

So viel gesprochen wie seit zehn Jahren nicht

Sicherheitskräfte vor dem Gerichtsgebäude in Peking beim Prozessauftakt am 23. Dezember 2009 (Foto: AP)

Unter großen Sicherheitsvorkehrungen stand Liu vor Gericht

Es dauerte nicht lange, bis sich ihre Befürchtungen bewahrheiteten. Bereits wenige Wochen später stand erneut die Polizei vor der Tür. Ein Jahr später wurde er zu elf Jahren Gefängnis verurteilt, auch für chinesische Verhältnisse eine harte Strafe. Liu Xia darf ihn einmal im Monat im Gefängnis in Jinzhou besuchen, 500 Kilometer nordöstlich von Peking, ihre Zurückgezogenheit musste sie aufgeben. "Ich habe zu Xiaobo gesagt, jetzt musst Du ein Leben in der Imagination führen und ich muss in der Wirklichkeit leben", erzählt sie. Erst nach seiner Verhaftung habe sie gelernt, wie man ein Handy und einen Computer bedient, habe begonnen den Kontakt zu seinen Unterstützern zu halten: "Im letzten Jahr habe ich so viel gesprochen, wie in den zehn Jahren zuvor nicht."

Porträt Liu Xia (Foto: DW / Mathias Bölinger)

Die Einsamkeit hinterlässt ihre Spuren im Gesicht von Liu Xia

Den Großteil ihrer Tage verbringe sie damit, seine Gedichte zu illustrieren, abstrakte Bilder zu malen oder mit ihrer Hasselblad-Kamera Szenen zu fotografieren, die sie zu Hause arrangiert - düstere Szenen meist, in denen sich gesichtslose Gestalten in schwarzen Gewändern versammeln. "Es ist für mich sehr wichtig, das zu tun", sagt sie und schiebt sofort hinterher, dass auch das Teil ihres Pflichtgefühls sei: "Wenn Xiaobo in zehn Jahren aus dem Gefängnis kommt, wird er meine Werke sehen wollen als Zeichen dafür, dass ich versucht habe, mein Leben so weit wie möglich unter Kontrolle zu halten. Er wird sehen wollen, dass es mir gelungen ist, eine gewisse Normalität zu wahren."

Dann, kurz, versagt ihre ohnehin brüchige Stimme. Sie kann die Tränen nicht mehr zurückhalten. Schnell kramt sie nach einem Taschentuch und wischt sich die Augen ab. Normalerweise passiere ihr das nicht, sagt sie sofort entschuldigend. Sie weine nur selten.

Autor: Mathias Bölinger
Redaktion: Esther Broders