1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Nahost

Der König kämpft ums Überleben

Seit einem Jahr regiert in Saudi-Arabien König Salman. Der 80-jährige Sohn des Staatsgründers Ibn Saud sieht sich innen- und außenpolitisch etlichen Problemen gegenüber. Und seine Finanzmittel schrumpfen rasant.

"Schachspielen verboten." So steht es in der jüngst bekannt gewordenen Fatwa des saudischen Großmuftis Scheich Abdelasis al-Scheich. Die Begründung des ranghöchsten Religionsgelehrten: Schach sei ein Glücksspiel und ebenso wie Alkohol ein Werk des Satans.

Die Fatwa liest sich wie ein subtiler Kommentar zur Lage des Landes ein Jahr nach dem Amtsantritt des saudischen Königs Salman. Dass Schach ein Glücksspiel ist, das Arme ärmer und Reiche reicher mache, mag wohl stimmen. In diesen Polen dürften sich allerdings auch viele Bürger des Königreichs selber wiedererkennen: Bis zu vier Millionen der knapp 30 Millionen saudischen Bürger leben unter der Armutsgrenze, schätzt die NGO Borgen Project. Die Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei elf Prozent. Sie könnte aber tatsächlich bis zu 25 Prozent betragen, schreibt der US-amerikanische Geheimdienst CIA in seinem "World Fact Book" und bezieht sich dabei auf Schätzungen lokaler Banken. Verschärft wird die Situation durch den drastischen Preisverfall des Erdöls: Die soziale Spaltung schreitet fort.

Subtil aber ist der Kommentar des Großmuftis auch, weil Schach eine Bühne des strategischen Denkens ist. Dessen höchstes Ziel: der Sturz des Königs. Dies dürfte das eigentliche Motiv sein, das den königstreuen Religionsgelehrten zu seiner Abneigung treibt, scherzen Saudis in den sozialen Medien.

Bedrohliches Staatsdefizit

Vergleichbare Sorgen treiben offenbar auch König Salman bin Abdulasis al-Saud selber um. Gründe, um die Zukunft seiner Dynastie zu fürchten, hat er reichlich. So verzeichnete das Königreich 2015 aufgrund des

gesunkenen Ölpreises

erstmals in seiner Geschichte ein Defizit: Der Fehlbetrag summierte sich auf umgerechnet rund 90 Milliarden Euro. Zugleich schmolzen die ausländischen Devisenreserven von 728 auf 640 Milliarden Euro.

Ein Haus in Jemen nach einem saudischen Luftangriff (Foto: Picture Allianz)

Teurer Krieg: Ein Haus im Jemen nach einem saudischen Luftangriff

Das Minus ist in mehrfacher Hinsicht dramatisch für den König und das Land. So fehlt das Geld etwa für die Ausgaben des Wohlfahrtsstaats. Mit diesen hat sich das Land nach Beginn der arabischen Revolutionen im Jahr 2011 die Ruhe seiner Bürger erkauft. Ob - und falls ja, wie lange - diese Ruhe angesichts des sich schmälernden Budgets weiterhin hält, ist ungewiss.

Das Defizit vergrößert sich auch darum besorgniserregend, weil Riad viel Geld in die Kämpfe im

Jemen

steckt. Dieser, zitiert Bloomberg TV einen Forscher des Think Tanks Wilson Center, kostet das Land rund 200 Millionen Dollar - pro Tag. Im Monat macht das sechs Milliarden Euro. In dem kleinen Land an der Südspitze der Arabischen Halbinsel führt Saudi-Arabien gegen den Iran einen Stellvertreterkrieg um die hegemoniale Vorherrschaft in der Region. Das saudischen Engagement hier ist eng mit dem in

Syrien

verbunden. Auch dorthin fließen enorme Summen - staatliche, aber auch private. Ein Teil davon geht an islamistische Organisationen, berichtet etwa die BBC.

Keine klare Strategie

König Salman, Jahrgang 1935, ist somit nach innen wie nach außen stark gefordert. Seit sich die traditionelle Schutzmacht USA neu orientiert - am deutlichsten ablesbar an der Einigung im Atomstreit mit dem Iran -, ist der Herrscher gezwungen, den außenpolitischen Kurs seines Landes neu zu bestimmen. Ob der, den er eingeschlagen hat, das Land wirklich nach vorne bringt, ist in den Medien umstritten.

"Saudi-Arabiens neue Politik ist Ausdruck der im Königreich verbreiteten Auffassung, dass die Vereinigten Staaten sich aus dem Nahen Osten zurückziehen", schreibt der politische Kolumnist Fahad Nazer im Internetmagazin "Al-Monitor". "Wenn sie nun darauf reagieren, scheint ihnen eine klare Strategie zu fehlen."

Saudische Schiitinnen protestieren gegen die Hinrichtung des Predigers al-Nimr (Foto: STR/AFP/Getty Images)

Saudische Schiitinnen protestieren gegen die Hinrichtung des Predigers Al-Nimr

Die Opposition wächst

Auch innenpolitisch steht der König Herausforderungen gegenüber. Immer mehr Saudis wagen es, das Königshaus zu kritisieren - worauf dieses mit aller Härte reagiert. Das zeigen einige Gerichtsurteile, die auch im Westen bekannt wurden: etwa die gegen den liberalen Bürgerrechtsaktivisten Raif Badawi verhängte zehnjährige Freiheitsstrafe plus Geldstrafe und 1000 Peitschenhiebe. Oder das Todesurteil für den der Apostasie, also des Abfalls vom Glauben, beschuldigten Lyrikers Aschraf Fajadh. Anfang des Jahres wurde der oppositionelle schiitische Prediger Nimr al-Nimr hingerichtet.

Instagram-Screenshot des Dichter Aschraf Fajadh (Foto: Instagram/Ashraf Faydah)

Des "Abfalls vom Glauben" angeklagt: Aschraf Fajadh

Kritiker rückten Saudi-Arabien daraufhin in die Nähe der Terrororganisation "Islamischer Staat". "Brauchen wir Araber in Zeiten des 'Islamischen Staats' wirklich noch weitere Skandale, die mit abgeschnittenen Hälsen zu tun haben?" fragte der Kolumnist Amjad Nasr lakonisch in der Internetzeitung "Al-Araby al-jadeed".

Andere hingegen begrüßten den Vollzug des Todesurteils. "Saudi-Arabien hat Gottes Gesetz umgesetzt", zitiert "Al-Araby al-jadeed" den Theologen Fawzi al-Zafzaf von der Azhar-Universität in Kairo.

Wohin der innenpolitische Kurs des neuen Königs die saudische Gesellschaft kulturell und sozial letztlich führt, ist ungewiss. Beobachter erwarten bereits seit Längerem eine für das Königshaus gefährliche Entwicklung. Der Widerstand aus säkularen Kreisen könnte wachsen, vor allem aber der aus gemäßigten ebenso wie extremistischen religiösen Kreisen. "Junge Saudis haben ein eher oberflächliches Verständnis des Islam", schreibt der Journalist John R. Bradley in seinem Buch "Saudi Arabia Exposed". Bradley hat mehrere Jahre in dem Land verbracht. "Ihr religiöses Weltbild wird ihnen von den Hardlinern unter den Religionsgelehrten und Klerikern eingetrichtert. Es nistet sich in ihrem Kopf wie ein hoch entzündlicher Stoff ein, den ein Funke jederzeit entflammen könnte. Der Kollaps des Wohlfahrtsstaates könnte diesen Funken entzünden."

Die Redaktion empfiehlt