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Nahost

Der junge alte König

Abdullah setzt auf vorsichtige Reformen und geht hart gegen Radikale vor. Doch von einer konstitutionellen Monarchie ist Saudi-Arabien noch weit entfernt.

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Setzt auf Reformen: der saudische König Abdullah

Noura Al-Fayez war überhaupt nicht zufrieden: Saudische Zeitungen hatten die erste stellvertretende Erziehungsministerin des Königreichs ohne Schleier abgebildet. Das sei ohne ihre Zustimmung geschehen, klagte sie. Keine vierzehn Tage nach der ersten Berufung einer Frau in ein Ministeramt hat Saudi-Arabien damit seinen ersten Skandal. Die Zukunft der Ministerin dürfte aber nicht gefährdet sein, denn sie hat die Rückendeckung König Abdullahs. Dieser scheint entschlossen, den Reformkurs fortzusetzen, den er in letzter Zeit in Gang setzte.

Trotz seiner 84 Jahre will Abdullah die Politik seines Landes verjüngen. Er will jene Kräfte isolieren oder gar ausschließen, denen Saudi-Arabien den Ruf verdankt, eines der konservativsten islamischen Länder zu sein. Der erst vor vier Jahren ins Amts gekommene Monarch macht sich damit zum Fürsprecher der jungen Generation: Zwei Drittel der Bevölkerung sind unter 25 Jahre alt. Die jungen Leute orientieren sich von ihrer Bildung und ihrem Berufsziel her immer deutlicher Richtung Westen - obwohl das konservative wahhabitische Establishment des Landes gerade dies zu verhindern sucht.

Die saudische Jugend hofft auf Liberalisierungen

Kommunalwahlen in Saudi Arabien

Eingang zum Wahllokal: unter Abdullah fanden zum ersten mal Kommunalwahlen statt

Die ersten "Opfer" des königlichen Reformkurses waren dann auch Vertreter dieses Establishments: der Oberste Richter, der kürzlich noch den Besitzern von Satelliten-Fernsehsendern die Todesstrafe androhte, und der Chef der Religionspolizei, die in Saudi-Arabien mit harter Hand über die Einhaltung der Scharia wacht. An ihre Stelle kamen jüngere Minister, die dem König gegenüber loyal sind. Besonders die Jugend des Landes erhofft sich von ihnen eine schrittweise Liberalisierung.

Doch diese Jugend leidet nicht nur an den täglichen Einschränkungen, die die Konservativen anordnen. Sie leidet an Arbeits- und Perspektivlosigkeit - und an dem breiten Misstrauen, das den Saudis besonders in den USA seit dem 11. September entgegengebracht wird. Trotz des großen Altersunterschiedes zeigt König Abdullah Verständnis für diese Nöte, denn er ist mit ähnlichen Problemen wie die Jugendlichen konfrontiert: Die Erzkonservativen und Radikalen haben sein Land in Verruf gebracht und er versucht seit Amtsantritt – und sogar schon länger - systematisch, dem entgegenzuwirken.

Für Dialog und gegen Radikalisiserung

So war es Abdullah, der noch als Kronprinz die Arabische Liga auf einen Friedensplan gegenüber Israel einschwor, es war Abdullah, der erste und relativ freie Kommunalwahlen abhalten ließ und der ankündigte, schrittweise würden auch andere Wahlen stattfinden. Und es war König Abdullah, der bereits zweimal zu internationalen Konferenzen des interreligiösen Dialoges einlud, um zu zeigen, dass es ihm ernst sei mit einer Verständigung zwischen den Weltreligionen. Gleichzeitig ging er unerbittlich gegen Sympathisanten und radikale Anhänger von Al Qaida vor, deren Anführer Osama Bin Laden zwar aus Saudi-Arabien stammt, von der herrschenden Klasse dort aber weiterhin als Staatsfeind Nummer eins betrachtet wird.

Saudi-Arabien beruft erstmals eine Frau in die Regierung

Mit Noura Al Fayez wurde zum ersten Mal eine Frau in ein Ministeramt berufen

Reumütige Anhänger Bin Ladens werden umerzogen und in die Gesellschaft entlassen, Radikale aber werden in wachsendem Maße isoliert. Ein wichtiges Mittel hierzu ist die Reform des Erziehungs- und Bildungssystems: Bisher stand es unter dem Einfluss der Konservativen – mit dem Ergebnis, dass die Jugend überwiegend in Religion und konservativer Religionsauslegung unterrichtet wurde. Das soll sich nun ändern: Die Lehrpläne sollen modernisiert und der Unterricht praxis-orientierter werden.

Von einer konstitutionellen Monarchie wird Saudi-Arabien trotzdem noch weit entfernt bleiben. Aber die ersten Schritte sind gemacht. Und Abdullah gibt sich keiner Illusion hin, dass er das Werk noch vollenden kann. Das müssen andere tun, die er heute in die entscheidenden Positionen bringt und mit deren Berufung er eine Rückkehr der Konservativen – auch aus dem sehr großen Kreis der königlichen Familie - zu verhindern hofft.

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