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Politik

Der islamistische Terror in Indien ist hausgemacht

In der Mitte der indischen Gesellschaft wächst eine neue Terroristengeneration heran. Die Regierung hat ihr bislang kaum etwas entgegenzusetzen. Das haben auch die jüngsten Anschläge von Bombay gezeigt.

Indische Polizisten verschanzen sich (Quelle: AP)

Hat die indische Regierung versagt?

Was können wir tun? Wie können wir uns schützen? Fragen, die man sich in Indien nicht erst seit den Attentaten in Bombay stellt. Meist islamistisch oder separatistisch motiviert, ist Terrorismus in Indien seit der Staatsgründung 1947 ein Ausdruck der Unzufriedenheit vieler Minderheiten gegenüber einem übermächtigen Staat. Die Anschläge in Bombay stellen jedoch in ihrer Brutalität und in ihrem Ausmaß einen traurigen Höhepunkt dar.

Neue, bislang unbekannte Gruppe

Indische Soldaten patrouillieren vor dem Taj Hotel (Quelle: dpa)

Indische Soldaten patrouillieren vor dem Taj Hotel

Nach den Anschlägen von Ahmedabad und Bangalore im Juli diesen Jahres, sowie den Terrorakten in Indiens Hauptstadt Neu Delhi im September hatten zahlreiche Hinweise zu den Drahtziehern der Anschläge, den Indian Mujahideen, geführt. Zu den Anschlägen in Bombay hat sich nun eine neue Gruppe, die Decan Mujahideen, bekannt.

"Solche Organisationen tauchen nach jedem Anschlag auf", betont Ram Puniyani, Terrorismusexperte aus Bombay. Über den Hintergrund der Deccan Mujahideen wisse man sehr wenig. Aber es sei durchaus möglich, dass sie mit einer großen aktiven terroristischen Organisation verbunden ist.

Kontakte zu Taliban und El Kaida

Tatsächlich wird vermutet, dass die Decan Mujahideen ein Ableger der Indian Mujahideen (IM) sind oder mit diesen in Verbindung stehen. Die IM sind eine Gruppe radikal islamischer Muslime, die sich 2008 aus der verbotenen Students Islamic Movement of India (SIMI) gebildet hat. Noch heute dient das SIMI-Netzwerk vielen islamistischen Terrorgruppen in Indien als Basis für die Koordination und Ausführung von Anschlägen.

Sowohl die IM als auch die SIMI stehen ideologisch der islamischen Schule der Deoband nahe, die im Westen vor allem durch ihre geistige Nähe zu den Taliban bekannt ist. Seitens der indischen Regierung wird zudem befürchtet, dass die IM und SIMI über Kontakte zu El Kaida verfügen. Eine Vermutung, die sich durch die Art der Anschläge, ihrer Logistik und ihrer Vorbereitung, zu erhärten scheint.

2007 unterhielt die SIMI sechs Terrorcamps im indischen Bundesstaat Gujarat, in denen die Anschläge in Bangalore, Ahmedabad und Delhi vorbereitet wurden. Mehr als 60 Aktivisten waren an diesen Attentaten beteiligt. Das zeigt, wie auch die Anschläge in Bombay, dass die islamistischen Terroristen in Indien längst fähig sind, große Operationen selbständig und ohne logistische Unterstützung von außen durchzuführen.

Neue Terroristengeneration ist "gut integriert"

Die jüngsten Terrorakte zeigen aber auch, dass der islamisch fundamentalistische Terror in Indien längst kein von außen geschürtes Problem mehr ist. Zwar stehen die alten Kader noch immer in gutem Kontakt zu gleich gesinnten Terroristen jenseits der Grenze - in Pakistan, Bangladesh aber auch in Afghanistan.

Doch die neue Generation der Islamisten ist anders. Ähnlich wie in Deutschland und Großbritannien besteht die neue Generation aus jungen radikalen Muslimen, die den Staat bekämpfen, sich aber zugleich in die Gesellschaft integrieren. Bewaffnet mit Laptop, glatt rasiert und gut geschult, fällt diese zweite Generation von Terroristen innerhalb der muslimischen Minderheit in Indien - diese umfasst immerhin 137 Millionen Menschen - kaum auf.

Ein Gefühl von Angst und Ohnmacht

Zwei Geiseln trösten sich gegenseitig nach ihrer Rettung (Quelle: AP)

Die Terroristen wollen ein Gefühl der Ohnmacht verbreiten

Die Anschläge in Bombay trafen daher die indischen Sicherheitsbehörden völlig unerwartet. Diese glaubten, durch die Festnahme von Mufti Abu Bashir, dem Drahtzieher der Anschläge von Bangalore, Ahmedabad und Delhi, den Terroristen die logistische Basis entzogen zu haben. Diese Annahme war offensichtlich falsch. Denn die Attentate in Bombay waren ebenso gut vorbereitet wie die in Bangalore, Ahmedabad und Delhi.

Dabei ist bei allen Anschlägen eine ähnliche Handschrift erkennbar. Es geht stets darum, Angst ein Gefühl der Ohnmacht zu verbreiten, sowohl unter den Einheimischen als auch unter den Ausländern. Die Sicherheitslage im Lande bleibt damit unübersichtlich, und der Terror lähmt Indiens Finanzmetropole Bombay und damit das Herz der indischen Wirtschaft.

Hat die Regierung versagt?

Bereits nach den Anschlägen in Bangalore, Ahmedabad und Delhi hatte Innenminister Shivraj Patil seine Absicht bekräftig, die innere Sicherheit zu erhöhen. Doch geschehen ist bislang kaum etwas. Die indische Regierung hat es bis heute versäumt, eine effektive Strategie gegen den inländischen Terrorismus zu präsentieren. Erst 2004 wurde der Posten eines nationalen Sicherheitsberaters eingeführt, und bis heute verweigert die Regierung in Delhi den Bundesstaaten Andhra Pradesh, Madhya Pradesh und Rajastan die Ratifizierung ihrer Anti-Terrorgesetze.

Längst fordern führende Sicherheitsexperten die Schaffung einer nationalen Anti-Terror-Behörde und eine einheitliche Strategie gegen den Terror. Gefordert wird auch eine indische Datenbank für Straftäter und Terroristen, eine Sondereinsatzgruppe, die landesweit operieren kann, sowie die personelle Aufstockung der Polizei. Derartige Maßnahmen haben in anderen Ländern beim Kampf gegen den Terrorismus bereits zu nachhaltigen Erfolgen geführt. Indien benötigt sie dringend.

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