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Welt

Der IS und die Notwendigkeit einer muslimischen Reformation

Zwar verurteilen viele Muslime den IS als un-islamisch. Und doch identifizieren sich immer wieder Muslime mit dem Islambild der Dschihadisten. Deshalb fordert Hakim Khatib eine Kritik des islamischen Glaubens.

Der sogenannte "Islamische Staat" (IS) hat bisher nichts als Zerstörung, Chaos und Sektierertum hervorgebracht. Mit ihrer Terrorstrategie haben sich die Dschihadisten schnell über große Teile des östlichen Syriens und des nördlichen wie zentralen Irak ausgebreitet.

Sie rekrutieren Menschen aus allen Ländern der Welt. Auch aus Europa kommen die Dschihadisten, doch hauptsächlich aus muslimischen Staaten – besonders aus der arabischen Welt. Während der IS Unterstützer und Sympathisanten warb, riefen sunnitische Geistliche immer wieder zu "materieller wie moralischer" Unterstützung für die syrischen Rebellen auf. Tausende ausländischer Kämpfer strömten nach Syrien.

Fester Bestandteil der Gesellschaften

Der "Islamische Staat" scheint eine klar durchdachte ideologische Strategie zu verfolgen. Es sollte den Muslimen bekannt sein - vor allem den politischen und religiösen Eliten, dass diese Lehren noch immer in islamischen Büchern zu finden sind, im Freitagsgebet gepredigt werden und sogar in Schulbüchern stehen.

Die Ideologie des "Islamischen Staates" ist eine von mehreren Lesarten der beiden wichtigsten Texte des Islam, also des Koran und der Überlieferungen der Aussprüche, Taten und Handlungen des Propheten Muhammad. Doch solch eine rückwärtsgewandte Interpretation des Islam ist für die Mehrheit der Muslime nicht akzeptabel.

Der oberste Imam der Al-Azhar-Universität in Kairo, Ahmed al-Tayeb, sagte, dass die extremistischen Gruppen, die Menschen im Namen des "Islamischen Staates" töten und regelrecht abschlachten, weder die Muslime allgemein vertreten, noch den Propheten Mohammed und seine Lehren. Die verabscheuungswürdigen Taten dieser Gruppen würden vielmehr die tatsächliche Botschaft des Islam wiederholt besudeln und verzerren.

Vatikan Großimam Ahmed al-Tajib und Papst Franziskus (Foto: REUTERS/Stringer)

Der Imam der Kairoer Al-Azhar Universität bei einem Besuch im Vatikan. Für Ahmed al-Tayeb besudelt der IS die Botschaft des Islam.

Darüber hinaus erklärte der Großmufti von Ägypten, Shawqi Alam, dass es ein großer Fehler sei, eine Terrororganisation wie den IS als "Islamischen Staat" zu bezeichnen. Diese Organisation spreche und handele gegen die menschlichen und religiösen Lehren und gegen die Rechtsvorstellungen des Islam.

Der un-islamische IS

In der gesamten arabischen Welt werden die Medien geradezu überschwemmt mit Nachrichten, Erklärungsversuchen und Interpretationen, die alle den "Islamischen Staat" als un-islamisch verdammen. Prominente islamische Wissenschaftler aus vielen Teilen der Welt verurteilten die Aktivitäten des IS und unterstützten die Botschaft, dass der "Islamische Staat" nichts zu tun habe mit den Lehren des Islam, sondern, im Gegenteil, zur Zerstörung des Islam beitrage.

Wenn aber die Mitglieder des "Islamischen Staates" nicht islamisch sind und keine wahren Muslime, was sind sie dann? Alle Parolen der Dschihadisten berufen sich auf den Islam, genau wie ihre Glaubensinterpretationen. Auf ihrer Fahne steht: "Es gibt keinen Gott außer Allah und der Prophet Mohammed ist sein Bote".

Der IS könnte die Chance für eine wirkliche Reformation des islamischen Glaubens eröffnen – jenseits aller Versuche, eine solche terroristische Organisation aus der Sphäre des Islam auszuschließen. Schließlich kommen die meisten Rekruten des "Islamischen Staates" aus muslimischen, insbesondere aus arabischen Ländern. Sie gingen aus islamischen Gesellschaften und Gemeinschaften hervor und lernten an den Schulen und Universitäten mit den gleichen religiösen Büchern. Sie besuchten die gleichen Moscheen und empfingen die gleichen religiösen Botschaften wie der Rest ihrer Gemeinschaften. Sie könnten die Söhne, Brüder, Väter, Schwester und Mütter der sogenannten moderaten Muslime sein.

Eine Moschee in der IS-Hauptstadt Raqqa (Foto: REUTERS/Stringer )

Auch der IS beruft sich auf den Koran. Moschee in der IS-Hauptstadt Raqqa.

Die schockierende Bilder der grausamen Gewaltexzesse und skrupellosen Brutalität der IS-Anhänger sollten die Aufmerksamkeit auf das eigentliche Problem nicht verstellen: der Islam bedarf einer grundlegenden Reformation und Erneuerung! Dabei geht es nicht darum, den islamischen Glauben um jeden Preis zu verteidigen. Eher geht es um eine schonungslose Kritik.

Diese Reformation des Glaubens muss schon sehr früh ansetzen – im Bildungssektor, in der Grundschule, bei religiösen Kinderbüchern, bis hin zur höchsten Form der theologischen Bildung. Eine solche Reformation könnte in den Moscheen beginnen und bei den Freitagsgebeten, um die Toleranz zu stärken und am Frieden zu arbeiten. Eine Reformation könnte auch damit beginnen, dass religiöse Institutionen in der arabischen Welt und in mehrheitlich muslimischen Ländern sich nicht mehr in die Politik einmischen. Andererseits müssten politische Institutionen damit, die Religion zu instrumentalisieren und religiöse Institutionen zum Zwecke des Machterhalts zu vereinnahmen.

Schulkinder in einem Bagdader Armenviertel (Foto: AP Photo/Enric F.Marti)

Schulen sollten Orte der Vermittlung eines aufgeklärten Islams werden

Appell zur Reformation

Der Aufstieg des "Islamischen Staates" sollte ein Weckruf sein für alle Muslime auf der Welt. Zwar bezeichnen Muslime den IS als un-islamisch und darauf verweisen, dass er nicht den wahren Islam vertrete. Den IS als un-islamisch zu bezeichnen, ist aber lediglich eine Geste der Rechtfertigung und hat keinen Bezug zur Realität. Es verhindert weder das Entstehen hunderter weiterer extremistischer Organisationen, noch verbessert es das Image des Islam und der Muslime. Eine tatsächliche Reform sollte deshalb an den Wurzeln ansetzen. Jedwede Quelle sollte einem gründlichen und kritischen Studium unterzogen werden.

Die Tatsache, dass der "Islamische Staat" einem arabischen Konflikt entsprungen ist und den Islam für politische Zwecke instrumentalisiert, sollte all diejenigen wachrütteln, die noch immer an eine Kongruenz von Staat und Politik glauben. Politik und religiöses Dogma deckungsgleich machen zu wollen, könnte die Zerstörung einer der beiden Komponenten zur Folge haben: Entweder die Politik dominiert und zerstört die Religion, oder die Religion ist es, die die Politik zerstört.

Im Fall des "Islamischen Staates", beherrscht die Politik die Religion. Aber das Hervortreten der Religion dient dem politischen Zweck – Macht, Legitimität und Dominanz. Sich einer solchen Form des Extremismus zu bedienen, isoliert den "Islamischen Staat" vollständig, wird doch auch nicht davor zurückgeschreckt, sich des Völkermordes zu bedienen, um seine Gegner zu beseitigen.

Islamgelehrte sollten sich an die Spitze einer Reformation des islamischen Glaubens stellen – jenseits aller Politik und jenseits der Trennlinie zwischen vermeintlich "richtigem" und "falschem" Glauben. Freilich braucht es dafür einen Rahmen, um den Grundstein für einen solchen Prozess zu legen. Auch müssen die politischen Führungen der Staaten diesen Prozess sorgsam im Auge behalten. Es ist nicht genug, wenn Muslime lediglich die Terrorakte verurteilen und sie als un-islamisch abkanzeln. Es muss einen wirklichen Wandel geben - und er muss jetzt beginnen.

Hakim Khatib ist Dozent für Journalismus, interkulturelle Kommunikation sowie Politik und Kultur des Nahen Ostens an der Fulda-Universität für Angewandte Wissenschaften sowie an der Phillips-Universität Marburg. Er ist zugleich Chefredakteur des Online-Journals "Mashreq Politics and Culture".

Der Beitrag erschien zuerst im Februar 2016 auf Qantara.de

Übersetzt aus dem Englischen von Daniel Kiecol

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