Der IOC-Deal mit Russland: Ein abgekartetes Spiel | Sport | DW | 28.02.2018
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Olympia

Der IOC-Deal mit Russland: Ein abgekartetes Spiel

Russland betrügt in beispielloser Weise die Sportwelt, weigert sich, die Schuld für das Dopingsystem anzuerkennen - und wird dennoch nun vom IOC begnadigt. Ein trauriges Spiel, meint Joscha Weber.

Olympische Winterspiele 2018 | Eröffnungsfeier | Team OAR (picture-alliance/dpa/J. C. Hon)

Einmaliges Ereignis? Der Einmarsch der russischen Athleten unter neutraler Flagge.

Wer genau zugehört hatte, den konnte diese Entscheidung nicht wirklich überraschen. Nur drei Tage nach dem Ende der Olympischen Winterspiele in Pyeongchang kehrt das Russische Olympische Komitee (ROK) in den Kreis der olympischen Familie zurück. Andeutungen in dieser Richtung gab es genügend: Schon während der Spiele wurden die Bemühungen der Russen,sich im Anti-Doping-Kampf zu bessern, gelobt. Immer wieder wurde darauf verwiesen, dass keine andere Nation derzeit so oft getestet werde. Und natürlich war fest eingeplant, dass Russlands Athleten bereits bei der Schlussfeier der Winterspiele am vergangenen Sonntag wieder mit ihrer Fahnen und in den nationalen Farben einmarschieren können. Dumm nur, dass gleich wieder zwei Mitglieder der "Olympischen Athleten Russlands", wie die russische Delegation in Pyeongchang genannt wurde, während der Spiele positiv getestet wurden: Curling-Bronzemedaillengewinner Alexander Kruschelnizki und Bobfahrerin Nadeschda Sergejewa. Also nichts gelernt? Nein, schon während der Spiele stellte das Internationale Komitee (IOC) in Aussicht, Russland als Nation wieder aufzunehmen, wenn denn die weiteren Dopingproben negativ bleiben würden.

Und genau das geschah nun. "Die Rechte des Russischen Olympischen Komitees wurden vollständig wiederhergestellt", freute sich ROK-Chef Alexander Schukow, der sich übrigens beharrlich weigert, die Existenz eines staatlichen Dopingsystems in Russland anzuerkennen. Schuldeingeständnis? Fehlanzeige. Nach zahlreichen Dopingsperren im Vorfeld zwei frische Betrugsfälle. Und dennoch wird die Sanktion gegen Russland aufgehoben. Ein abgekartetes Spiel.

Auflagen so hart wie ein Pudding

Weber Joscha Kommentarbild App

DW-Sportredakteur Joscha Weber: "Das IOC vergibt eine große Chance im Kampf um mehr Glaubwürdigkeit und Chancengleichheit"

Allein schon die Bedingungen für eine mögliche Wiederaufnahme Russlands ließen erahnen, was das IOC wirklich will: Sportler, Trainer, Funktionäre und Zuschauer sollten sich wieder an "Wort und Geist" der Beschlüsse der IOC-Exekutive halten. Eine Auflage so hart wie ein Pudding. Auch die Betitelung als "Olympische Athleten Russlands" statt "Russland" dürften die meisten russischen Athleten mit einem Achselzucken zur Kenntnis genommen haben, wenn man - wie zum Beispiel im Eishockey - wie gewohnt in traditionellem Rot auflaufen durfte. Dass Russland noch 15 Millionen US-Dollar "Wiedergutmachung" ans IOC zahlen musste, kann man getrost als Ablasshandel einstufen. Das IOC suchte ganz offensichtlich nach Wegen, den mächtigen russischen Verband nur ein ganz klein bisschen zu bestrafen, also eher symbolisch für die Öffentlichkeit. Danach möge endlich wieder Normalität einkehren. Ab jetzt gilt: Olympic business as usual.

Dass sich sowohl das Russische Olympische Komitee als auch die russische Sportpolitik sowie nahezu alle Athleten des Riesenreichs weigern, den staatlich organisierten Doping-Betrugs von Sotschi 2014 einzugestehen oder gar die nötigen Konsequenzen daraus zu ziehen, zeigt, wie wenig das IOC in Wahrheit vom Sünder Russland erwartet. Der wurde zwar zur Beichte zitiert, musste aber nichts sagen. Es reichte, dass er dabei andere Kleidung trug.

Die schärfste Waffe bleibt ungenutzt

Das IOC vergibt zudem eine große Chance: Die Glaubwürdigkeit des Anti-Doping-Kampfes ist seit dem Skandal von Sotschi längst erschüttert, das Vertrauen vieler sauberer Athleten in die Strafverfolgung ohnehin aufgebraucht. Mit einer verlängerten Sanktion unter Auflagen hätte man ein Zeichen der Konsequenz setzen können. Denn leider bleibt so die vielleicht schärfste Waffe des IOC ungenutzt: Nachtests. Diese hatten bei den Spielen von Peking 2008 und London 2012 dank neuer Analysemethoden im Nachhinein Dutzende positive Ergebnisse geliefert, einige von russischen Athleten. Warum nicht auch die aktuellen Proben zu einem späteren Zeitpunkt nachtesten? "Ein weiterer kurzlebiger Deal", kritisieren die führenden Anti-Doping-Agenturen zu Recht, die Interessen der sauberen Athleten hätten beim IOC "keine Priorität". Das trifft den Nagel leider auf den Kopf.

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