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Welt

Der Internet-Zensur den Spiegel vorhalten

Kein Zugang, leider gesperrt: Für Internetuser in vielen Ländern bittere Realität. Doch es gibt Mittel und Wege, die Zensur zu umgehen. Hilfreich dabei: Spiegel, Wolken und Riesen, wie Reporter ohne Grenzen zeigt.

Ein Klick und - nichts passiert. Bleibt der Bildschirm weiß, ist die Enttäuschung groß. Meist hat einfach nur die Technik versagt, wenn sich Webseiten nicht aufbauen. In Ländern wie China, Russland oder dem Iran jedoch ist der weiße Bildschirm mit Fehlermeldung oft staatlich gewollt. "Zahlreiche autoritäre Regierungen beschäftigen ganze Heere an Zensoren und unterdrücken kritische Informationen in Nachrichtenwebseiten, Blogs und Social Media", sagt Matthias Spielkamp von Reporter ohne Grenzen in Berlin.

In Russland etwa können seit Februar 2014 Webseiten blockiert werden, die "Aufrufe zur Teilnahme an ungenehmigten Demonstrationen verbreiten". Und zwar ganz ohne richterliche Entscheidung. Auch grani.ru ist seit exakt einem Jahr in Russland nicht erreichbar. Die Macher der Seite publizierten offenbar zu viele Berichte zum Ukraine-Konflikt, die den russischen Behörden nicht gefielen. "Wir sind eine der ältesten unabhängigen Webseiten in Russland", sagt Yulia Berezovskaya, Geschäftsführerin von grani.ru, im Gespräch mit der DW. "Manche nennen uns auch Oppositions-Seite oder Anti-Putin-Seite. Wir konzentrieren uns stark auf die Themen Menschenrechte und staatliche Unterdrückung. Dabei sind wir stets sehr kritisch gegenüber der Regierung gewesen."

Rettung aus der Cloud

Finanziert wird grani.ru von der US-Stiftung National Endowment for Democracy, Spenden von Nutzern sowie aus Werbeeinnahmen. Wer sich über technische Hilfsmittel zur Zensurumgehung informiere, könne auch in Russland auf die Seite zugreifen, sagt Berezovskaya. "Unsere loyalen Nutzer finden den Weg zu uns. Aber wer nur einmal kurz einen Link zu grani.ru etwa auf Facebook gesehen hat und dann die Seite nicht erreichen kann, der gibt eben auf."

Grani.ru Screenshot

Bunte Seite statt weißer Fläche: grani.ru

Doch zurzeit ist grani.ru auch in Russland wieder zu erreichen, ganz ohne aufwendige technische Maßnahmen zur Zensurumgehung. https://gr1.global.ssl.fastly.net lautet die etwas kryptische Webadresse, unter der Nutzer in Russland die Seiten des regierungskritischen Portals erreichen. Dies funktioniert, weil Reporter ohne Grenzen ein Abbild der Webseite auf den Servern großer Anbieter wie Microsoft, Google und Amazon hinterlegt hat.

Die Behörden müssten nun deren Cloud-Angebote sperren, um den Zugriff auf grani.ru zu verhindern. Das jedoch würde zahlreiche Unternehmen treffen, die von den Angeboten der Internetriesen abhängig sind.

Meinungsfreiheit ist in deinem Land leider nicht verfügbar

Diesen Service hat Reporter ohne Grenzen nicht nur für grani.ru eingerichtet, sondern auch für gesperrte Seiten aus China, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain, Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Vietnam, Iran und Kuba. "Mit dieser Aktion hebt Reporter ohne Grenzen in einigen der am schärfsten kontrollierten Länder weltweit die gezielte Zensur von Webseiten wieder auf und macht blockierte Informationen verfügbar", so Vorstandsmitglied Matthias Spielkamp.

Allerdings: Langfristig sei die Betreuung von gespiegelten Seiten auf den Cloud-Servern der Internetriesen keine Lösung, sagt Spielkamp. Denn jede Änderung auf der eigentlichen Webseite müsse dann auch auf der gespiegelten Seite vollzogen werden. Dies sei bei tagesaktuellen Seiten zu viel Aufwand. Die Aktion von Reporter ohne Grenzen soll deshalb in erster Linie aufmerksam machen auf die Internetzensur weltweit. Und auf neue Möglichkeiten, sie zu umgehen.

Für grani.ru hat sich der Einsatz jedenfalls gelohnt, sagt Yulia Berezovskaya. "Die gespiegelte Seite war sehr beliebt, wir hatten zahlreiche Aufrufe", so die Geschäftsführerin des Portals. Eine genaue Zahl könne man leider nicht erheben. Der Andrang war jedenfalls so groß, dass grani.ru am Ende des Tages wieder nicht zu erreichen war. Diesmal jedoch nicht wegen der Zensur. Die vielen Anfragen hatten schlicht die Server überlastet.

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