1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

Der Insulaner verliert die Ruhe nicht

Mal wieder ein Jahrhundertwinter in Deutschland. Während die meisten Regionen dies sicherlich alle paar Jahre für sich reklamieren können, ist lang andauernder Schneefall in der Hauptstadt eher selten.

default

Der typische Berliner Winter sieht so aus: Es schneit ein bisschen, die Kinder jubeln, die Eltern fluchen, weil sie nun Schlitten über Asphalt ziehen müssen, da der Schnee meist nur punktuell liegen bleibt. Feuerwehren und Rettungswagen sind unterwegs, Autos hupen und schlittern, an den KFZ-Werkstätten bilden sich lange Schlangen, weil vielen erst jetzt einfällt, dass sie Winterreifen brauchen. Allerorts ist von Chaos die Rede, obwohl nur ein paar Flocken vom Himmel fallen.

Berlin - ein Wintermärchen

Bettina Stehkämper, D(Foto: DW)

Bettina Stehkämper, DW

Nachbarn schreien ihre Hauswarte an, wenn nicht jede Flocke sofort beseitigt wird, Verkäufer schauen einen hasserfüllt an, weil man mit nassen Schuhen den Laden betritt, Busfahrer sehen sich nicht mehr in der Lage, jede Haltestelle anzufahren. Der ohnehin als uncharmant geltende Hauptstädter läuft zur Höchstform auf. Die einzig positive Zeitungsmeldung berichtet von Kindern, die einen Schneemann in Zwergengröße bauen konnten, weil ihre übereifrigen Eltern ihnen mittels einer Kühlbox Schneematsch aus dem Nachbarbezirk besorgten.

Und jetzt haben wir einen richtigen Winter. Schnee satt, seit fast vier Wochen. Schnee, der auch liegen bleibt. An den Straßenrändern sogar richtige Schneeberge. Und was ist? Nichts ist. Kein Chaos, keine Hektik, keine unfreundlichen Hauptstädter. Stattdessen haben viele ihre angestaubten Langlaufskier aus dem Keller geholt. Man sieht sie auf den Mittelstreifen der Straßen, in den Parks und Wäldern durch die weiße Landschaft staksen. Wessen Auto eingeschneit ist, kann damit rechnen, dass Nachbarn mit Schaufeln zu Hilfe eilen. Freiwillig rücken die Leute in Bussen und Bahnen zusammen, damit keiner am kalten Bahnhof bleiben muss. Mit leuchtenden Augen erzählen einem wildfremde Menschen, wann sie zum letzten Mal soviel Schnee gesehen haben. Auch der berühmte Berliner Autofahrer ist nicht mehr wiederzuerkennen. Sie hupen nicht, sie fahren langsam und umsichtig und wenn einer mit seinem Gehwägelchen nicht schnell genug über die Ampel kommt, überfahren sie ihn nicht. Ein Wintermärchen?

Extrem ist für Berliner wohltuend normal

Liebesbotschaft im Schnee - auf der Heckscheibe eines Autos(Foto: AP)

Wer erinnert sich nicht an das Sommermärchen 2006. Die Fußball-WM in Deutschland und sechs Wochen ununterbrochen Sonnenschein. Wer sein Essen warm machen wollte, brauchte keine Mikrowelle, der stellte sein Essen einfach auf den Balkon. Auch da war der Berliner wie ausgewechselt. Nur dürftig bekleidet, verströmte er diesen heißen Sommer-Charme, Zuvorkommenheit und Gastfreundlichkeit.

Die Hauptstädter sind scheinbar erst dann richtig zufrieden, gelassen und freundlich, wenn die Wetterbedingungen extrem sind. Vielleicht liegt es an der früheren Insellage und der Berlin-Blockade, dass die Berliner am besten sind, wenn sie irgendwem trotzen müssen. Und da sich durch die weltpolitischen Veränderungen für die Stadt alles zum Guten gewendet hat, bleibt nur noch das Wetter als Herausforderung, um sich von der besten Seite zu zeigen.

Wünschen Sie also uns und allen Touristen einen extremen Frühling. Die Blumen müssen meterhoch schießen, die Vögel mehrsprachig zwitschern, die Hasen bunte Eier verteilen und keine Wolke den Berliner Himmel trüben. Wir werden uns für dieses Wetterextrem mit ungeheurer Freundlichkeit bedanken.

Autorin: Bettina Stehkämper
Redaktion: Hartmut Lüning