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Politik

Der hungrige Tiger der Justiz

Die Zustände in den Gefängnissen Thailands werden oft kritisiert. Als Reaktion legt die Gefängnisbehörde beeindruckende Pläne vor, die allerdings nicht viel mit der Realität zu tun haben.

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Den Groβen Tiger nennen die Thais sie respektvoll, aber jeder kennt sie auch als das Bangkok Hilton – die Bangkwang-Strafanstalt in Bangkok. Das Hochsicherheitsgefängnis ist Thailands berüchtigstes, weil hier diejenigen verwahrt werden, die mehr als 25 Jahre absitzen müssen – und die zum Tode Verurteilten. Jedem Zehnten der etwa 8000 Insassen droht irgendwann die Hinrichtung, traditionell durch Erschieβen, seit letztem Jahr durch tödliche Injektionen. Der Groβe Tiger verschlingt seit 80 Jahren Männer – Thais wie Ausländer.

Weibliche Verurteilte sitzen ihre Strafen im Lad Yao-Gefängnis ab, und unter ihnen finden sich erstaunlich viele ausländische Insassinnen, vor allem aus Burma, Laos und Kambodscha, aber auch aus Nepal, Nigeria, Südafrika und Australien. Die meisten sind wegen Drogenschmuggels zu langen Haftstrafen verurteilt worden.

Schlafen nur im Sitzen

Thailändische Anstalten sind selbstverständlich nicht mit deutschen zu vergleichen. Die Zellen sind gewöhnlich hoffnungslos überfüllt. Schlafen kann man oft nur im Sitzen. Oft sind 20 oder mehr Insassen in eine Zelle gepfercht, in der eine Glühbirne 24 Stunden lang brennt. Gerade die Zustände im zentralen Frauengefängnis werden von Menschenrechtsgruppen kritisiert. Die Insassinnen müssen für ein paar Cent die Woche hart arbeiten und schlafen in überfüllten Zellen auf nacktem Zement. Viele Frauen, vor allem Ausländerinnen, erkranken psychisch und physisch, aufgrund des Stresses und der fehlenden Hygiene. Zu essen gibt es zweimal täglich eine Handvoll Reis, mit etwas Fleisch und Gemüse, serviert auf einem Stück Papier. Gefangene mit schweren Strafen tragen Ketten und werden nachts damit angeschlossen.

Frischluft für Triebtäter

Die thailändischen Behörden sehen es natürlich nicht gern, wenn solche Berichte kursieren. Immer wieder versuchen sie, die Augen der Öffentlichkeit auf die Anstrengungen der Haftanstalten zu lenken, die Bedingungen zu verbessern. Dass seit letztem Jahr Verurteilte per Injektion getötet werden, sei schlieβlich humaner als vor 70 Jahren, als die Verurteilten noch geköpft oder gar – falls es sich um einen adligen Häftling handelte – mit Holzstöcken zu Tode geschlagen wurde.

Die Behörde hat tatsächlich einiges in die Wege geleitet, will man den Berichten in den Medien glauben. Triebtäter sollen 40 Wochen in einem Reha-Programm ausserhalb Bangkoks verbringen können, wo Frischluft-Sport ganz oben auf der Tagesordnung steht. Und Drogenkriminelle werden auf Militärlager im ganzen Land verteilt, wo sie sich einer Ausbildung im Agrarsektor unterziehen dürfen.

Der Fortschritt kommt...

Nach dem Willen der thailändischen Gefängnisbehörde soll das erst der Anfang sein. Das Internet und elektronische Verwaltung soll die Haftanstalten des Landes auf Vordermann bringen. E-Geld, E-Konsulationen, gar E-Besuche sind in Planung. Videokonferenz heisst die schlichte, wenn auch nicht billige Lösung. Damit werden Insassen sich demnächst von Psychologen und Ärzten helfen lassen können. Familienangehörige können sich elektronisch für einen realen Besuch anmelden oder den Häftling nur virtuell treffen.

... doch wann?

Aber vielleicht plant man doch zu rasch im Justizpalast. Kürzlich gab die Direktorin des zentralen Frauengefängnisses zu, dass es an Geld fehlt. An richtig viel Geld. Das Budget für ihre Anstalt erlaube es nicht mehr, die Insassinnen mit Unterwäsche zu versorgen. Normalerweise werden ihnen zwei Slips pro Jahr zur Verfügung gestellt, plus zehn Binden (BHs müssen erstanden werden). Doch dieses Jahr musste die Direktorin eine Hilfeaktion starten: Mitfühlende Frauen schickten insgesamt 74.000 Slips und BHs ein, die nun per Lastwagen in den Gefängnissen des Landes verteilt werden. Die Reaktion im Ministerium: Schweigen. Bestimmt basteln die Justizbeamten eifrig an weiteren schönen Plänen – die zu schön sein werden, um je wahr zu werden.