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Politik

Der Hollywood-Tsunami

Wenn es ums Geld geht, kennt die Regierung Thailands keine Grenzen. Tsunami-Filme bringen ihr das große Geld ein. Wen kümmern da dann noch die Hinterbliebenen?

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Die ersten Bildbände waren schon wenige Tage nach der Katastrophe erhältlich. Sie wurden als Dokumentationen des Schreckens verkauft. Ein Polaroid-Rückblick auf ungeheures menschliches Leid. Einige Monate später folgten Bücher, gefüllt mit Collagen, von Kindern, die die Tragödie teilweise als Vollwaisen überlebt hatten. Die Erlöse der Bücher werden weitgehend gespendet.

Tsunami-Literatur

Im Januar nun erschien die erste Post-Tsunami-Prosa, "Nach den Wellen", geschrieben von einem in Thailand recht angesehenen schriftstellernden Philanthropen, Tew Bunnag. Das dünne Bändchen ergreift einen in seiner Ungeschminktheit; die Kurzgeschichten erkunden die Verfassung des thailändischen Menschentums – oder der Menschlichkeit – nach dem 26. Dezember 2004. Bunnag ergeht sich nicht in unfassbarer Trauer oder kühler Distanziertheit. Ihm ist da ein kleines Kunstwerk gelungen.

Auch hier wird gespendet. Weder der Autor noch der Verlag scheinen mit dem Werk Geld machen zu wollen. Dies wäre auch ziemlich untunlich, geradezu daneben. Sich finanziell zu bereichern an Tausenden von Toten. Das würde niemandem einfallen, und falls doch, würde es niemand wagen.

Thailand verdient am Katastrophen-Tourismus

Außer vielleicht das Königreich Thailand, wenn auch nur indirekt. Stolz verkündete das Tourismusministerium vergangene Woche, dass die drei Küstenprovinzen, die am stärksten vom Tsunami betroffen waren, 2005 richtig viel Geld gemacht haben – rund 20 Millionen Euro. Krabi, Phangna und Phuket waren 2005 noch viel erfolgreicher als Schauplätze für Filme, Musikvideos und Reklamefilmchen als 2004. Über 500 Teams drehten, was das Zeug hielt. Japaner waren die Geschäftigsten, gefolgt von Indern.

Vor allem amerikanische Teams aber sind es, die an der gerade wieder erblühenden Andaman-Küste ihre Fernsehfilme abdrehen, die auf nicht wirklich wahren Begebenheiten beruhen – Tsunami-Filme. Allein im Januar 2006 brachten die Produktionen den Provinzen acht Millionen Euro ein.

Irrsinnige Wirklichkeit

Natürlich wird nur der kleinste Teil der Einnahmen zurückgeschleust in die Gemeinden. Gemeinnützigkeit? Nein, danke. Die einheimische Bevölkerung soll mal trauern, verarbeiten, allein wieder aufstehen. Das Ministerium buhlt derweilen um noch mehr ausländische Produktionsteams. Abenteuerstreifen, Mini-Serien und Reality-TV, während noch über 2000 Menschen vermisst werden. Das kann dann auch nicht einmal mehr mit Ironie erklärt werden. Das ist die Irrsinnigkeit der Wirklichkeit.