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Filme

Der Hirnforscher in Cannes

Mit "Die fetten Jahre sind vorbei" schaffte es zum ersten Mal seit elf Jahren ein deutscher Film nach Cannes. DW-WORLD hat mit Regisseur Hans Weingartner (33) über Cannes, Kino und Neurochirurgie gesprochen.

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Hans Weingartner: Sein zweiter Film führt ihn nach Cannes

DW-WORLD: Mit Ihrem Film ist zum ersten Mal seit elf Jahren wieder ein deutscher Film in Cannes mit im Rennen. Wie fühlt sich das an?

Hans Weingartner: Ich mache mich nicht abhängig von Preisen und Auszeichnungen. Genau so gut kann mein nächster Film wieder in die Hose gehen. Dann muss ich versuchen, nicht total abzustürzen, genau wie ich jetzt versuchen muss, nicht total auszuflippen. Ich glaube, das gelingt am Besten, indem man sich auf seine Arbeit konzentriert und sich unabhängig macht von äußeren Einflüssen. Aber ich hoffe schon, dass wir den Film in die ganze Welt verkaufen können, damit ihn möglichst viele Leute sehen. An den Preis denke ich gar nicht. Für mich ist es schon eine Riesenauszeichnung, dass wir da überhaupt laufen.

In Deutschland liefen letztes Jahr viele deutsche Filme sehr erfolgreich. Warum wurde ausgerechnet Ihrer ausgewählt?

In Cannes setzen sie dieses Jahr sehr stark auf junge Regisseure und auf politisches Kino. Beides trifft auf meinen Film zu. Dann ist es auch noch eine Dreiecksgeschichte. Das ist ein ur-französisches Thema. Und es geht um Revolution - auch das ein französisches Thema.

Ist das der Beginn eines Comebacks für den deutschen Film?

Ich glaube, in Deutschland kommt jetzt ein neues, junges Kino, das eben vor allem auf den Festivals erfolgreich ist. Das kommt dadurch zustande, dass man durch die digitale Technik billiger drehen kann. Und es ist jetzt leichter, unkonventionelle Stoffe zu verfilmen. Hier ist einfach nicht so viel Geld für Filme da, wie zum Beispiel in Frankreich. Da muss jeder zweite Film im Fernsehen französisch sein. Am Tag der Kinostarts dürfen im Fernsehen gar keine Filme gezeigt werden.

Würden Sie solche Regelungen auch für Deutschland begrüßen?

Absolut. Mein Vorschlag wäre, die Bundesliga nächstes Jahr wieder dem Privatfernsehen zu geben. Und die ARD soll mit dem Geld für die Bundesliga 100 deutsche Filme produzieren. Stellen Sie sich mal vor, was das für Auswirkungen hätte auf die Kultur in diesem Land.

Wird der besagte neue deutsche Film international mehr Chancen haben als der alte?

Das hängt doch nur von Trends ab. Vielleicht ist es jetzt ein Trend, dass der deutsche Film international gut läuft. Es könnte sein, dass da jetzt eine Lawine losgetreten wird, durch "Good bye, Lenin", "Gegen die Wand" und "Die fetten Jahre sind vorbei".

Sie haben - wie in ihrem Erstling - "Das weiße Rauschen" - wieder mit Daniel Brühl gedreht. Zufall?

Er wohnt auch in Berlin und wir sind sehr gut befreundet. Eigentlich wollten wir eine Filmpause machen, weil wir den nächsten Film auch wieder zusammen drehen. Und wir wollen ja nicht in dieses Klischee von Truffaut und Jean Pierre Léaud verfallen. Er wollte eigentlich Urlaub machen zu der Zeit, dann habe ich ihm aber das Drehbuch gegeben, und er hat gesagt, "Verdammt, Hans, das ist ziemlich gut. Ich glaube, da habe ich doch Interesse dran." Und dann kam er zum Casting und das war eine super Kombination. Ich wusste einfach, ich muss es mit ihm machen.

Und der nächste Film mit ihm?

Das wird ein ganz großes Projekt, das ich auch nicht mehr selber produzieren kann. Ein richtig breiter, fetter Kinofilm. Ein Thriller. Mehr kann ich leider noch nicht sagen. Das ist alles noch geheim.

Wenn Sie nicht mehr selber produzieren, dafür aber mehr Geld zur Verfügung haben - beschneidet das nicht Ihre Freiheit?

Ja, ich befürchte schon, dass das ein harter Kampf wird. Vielleicht wird das auch mein letzter Big-Budget-Film. Ich hätte aber das Gefühl gehabt, etwas zu verpassen, wenn ich das nicht auch mal probiere. Ich habe in Österreich mal einen High-Budget-Film gedreht. Der war allerdings nur 15 Minuten lang - und total schlecht.

Sie werden in Cannes gegen Leute wie Wong Kar Wei und die Coen-Brüder antreten. Was ist das für ein Gefühl?

Ich werde wahrscheinlich zur Salzsäule erstarren, wenn ich die berühmten Leute da treffe. Es ist halt eine Riesenehre. Andererseits lasse ich mich nicht verrückt machen. Das sind auch nur Menschen; die kochen auch nur mit Wasser.

Wer ist filmerisch Ihr großes Vorbild?

Truffaut, John Cassavetes, Ferrara. Was mich sehr beeindruckt hat, war meine Arbeit für Richard Linklater bei "Before Sunrise" in Wien. Da habe ich meinen Respekt vor Schauspielern gelernt. Der hat zwei Monate lang mit Julie Delpy und Ethan Hawke im Hotelzimmer gesessen und mit ihnen zusammen am Text gearbeitet und geprobt.Man hat gemerkt, dass die ganze Produktion total auf die Schauspieler abgestimmt ist. Vorher konnte ich mit Schauspielern nichts anfangen. Danach ist mir erst bewusst geworden, wie fundamental das eigentlich ist: Wir gehen ins Kino, um Menschen zu sehen.

Beim Lesen Ihrer Biografie drängt sich eine Frage besonders auf: Sie haben Neurochirurgie studiert - wie wird man da Regisseur?

Ich habe ja nicht zuerst studiert und mir dann überlegt, Regisseur zu werden. Ich habe das schon mit 14 gemacht und hatte immer eine Kamera. Ich finde, das Leben ist zu kurz, um immer nur eine Sache zu machen. Ich war immer sehr naturwissenschaftlich interessiert und bin es immer noch. Und wer sagt, dass ich ab jetzt nur noch Filme mache?

Die Option auf eine Rückkehr zur Hirnforschung ist also noch offen?

Eine Rückkehr sicher nicht, aber ich würde gerne mal wieder was in diese Richtung machen. Mir fehlt das.

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