1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Lebensart

Der Herr der Dinge: Design von Stefan Diez

Er gilt als einer der besten deutschen Jungdesigner. Anlässlich der Internationalen Möbelmesse in Köln zeigt das Museum für Angewandte Kunst einfallsreiches Interior Design aus der Werkstatt von Stefan Diez.

"It's showtime!" Die internationale Design-Saison 2017 ist eröffnet und die Ausstellungsreihe "Passagen" lädt wieder zur "Interior Design Week" im Rahmen der imm cologne in die Domstadt ein. Die größte deutsche Designpräsentation hat Köln längst den Ruf als "Design-Mekka" der jungen, wilden Kreativen eingebracht. Das Spektrum ist breit gefächert: innovative Design-Werkstätten, internationale Netzwerke, Startups und renommierte Möbelhersteller präsentieren nicht nur Neues, sondern auch Klassiker der Möbelbranche – oft im neuen zeitgenössischen Gewand.

Das Kölner Museum für Angewandte Kunst (MAKK) widmet derweil einem einzelnen Designer eine ungewöhnliche Werkschau: Stefan Diez gehört zu den bedeutendsten Designer der jüngeren Generation, der seine Designobjekte in dieser Ausstellung nicht nur als gut ausgeleuchtete Museumsstücke, sondern in ihrem industriellen Entstehungsprozess präsentiert.

Reine Formsache: Möbeldesign

Stefan Diez, geboren 1971, stammt aus Freising bei München und kommt aus einer Schreinerfamilie. Bevor er an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart die künstlerische Seite des Möbelbauens kennen lernte, absolvierte er zuerst eine solide Schreinerlehre. Als Student für Industriedesign assistierte er dann Designer Richard Snapper und bekam dort gleich einen Einblick in die serielle Produktion. Danach verschlug es Diez nach Indien, er entwarf erste eigene Möbel und nahm die Formensprache des asiatischen Kontinents mit zurück nach Europa.

Später arbeitete er als Assistent im Team von Star-Designer Konstantin Grcic. 2003 gründet der talentierte Designer Diez sein eigenes Studio. Seitdem entwirft er alles, was gutes Design verträgt: vom klassischen Möbelstück, Stuhl, Sofa, Tisch über innovative Lampen, praktische Koffer, futuristische Küchenmaschinen bis hin zur Serienfertigung von edlem Porzellan aus einer alten japanischen Manufaktur.

Schön soll es sein, aber nicht modisch. Einfach und nicht kompliziert in der Anwendung. Für Museumsdirektorin Petra Hesse ist Dietz der Vertreter einer jungen Designer-Generation, die international arbeiten, ohne ihre Wurzeln in der deutschen Handwerkstradition zu vergessen: "Das ist ja die große Herausforderung, wenn man in einer globalen Welt lebt und arbeitet, dass man sich auch auf die Kulturen der anderen Länder einlässt."

Gutes Design muss nicht teuer sein

Stefan Dietz setzt mit seinem Team in München nicht nur auf einfallsreiche Ideen, sondern vor allem auf dieses solide Handwerk. Ein schlichter Stapelstuhl wird bei ihm wie das Karosserieteil eines Autos gestanzt und dann in einer Industriepresse in Form gebracht. Die Einzelteile seiner Designerstücke, wie das metallen Untergestell eines Tisches (Foto unten), sind kunstvoll in farbigen Ausstellungskojen drapiert. Die Museumshalle im Eingangsbereich wird von einem 20 Meter hohen Regalsystem, made by Stefan Diez, flankiert. Einzelne Stuhlmodelle, als solitäre Objekte ausgestellt, zeigen noch mal seine Formprinzipien als Designer. "An manchen Projekten sitzen wir Jahre, bis es sitzt", sagt Stefan Diez. Die Fertigung aus einfachsten Materialien steht bei ihm immer an erster Stelle.

Das "Aldi-Prinzip", serielle Massenproduktion von schönen Designobjekten - um sie auch für weniger gut betuchte Käufer bezahlbar zu machen - ist für ihn eine klare Option. Für einen preiswerten Büro-Drehstuhl eines Massendiscounters hat er ein genial einfaches Drehgelenk entworfen, das seinen Ansprüchen in Form und Funktionalität trotzdem entspricht. "Gutes Design muss nicht teuer sein", sagt er im DW-Gespräch. Nicht zuletzt deshalb wurden einige seiner Stücke mit dem Designpreis der Bundesrepublik Deutschland und dem "Red Dot Award" ausgezeichnet.

Die Kraft der Materialität

Seine Designideen haben System, in jeder Hinsicht. Inzwischen fertigt er längst moderne Designklassiker für große Firmen wie Thonet, Bosch und Rosenthal. Die Globalisierung bietet der Branche in ihrer internationalen Vernetzung ganz neue Möglichkeiten. Diez experimentiert zum Beispiel gern mit klassischem asiatischen Baumaterialien wie Bambus, und entwirft daraus leichte, extrem stabile Sitzbänke und Tische, die weltweit verkauft werden. "Anfang der 2000er Jahre war es auf einmal auch für kleinere Firmen in Deutschland möglich, preiswerte Produktionsbetrieb in Asien zu finden. Was in den 90er Jahren eben nicht ging", erzählt er beim Rundgang durch seine Ausstellung. "Plötzlich gab es einen unglaublichen Run Richtung Asien." 

Prototypen aus seiner deutschen Designerschmiede konnten auf einmal enorm preiswert in China hergestellt und als umweltfreundlich verpackte Kartonware nach Europa geliefert werden, wurden hier montiert und in ihre endgültige Form gebracht.

Viele seiner Entwürfe gingen als Industriedesign in hoher Auflage in Serie. In der Kölner Ausstellung ist das als "work in progress" zu sehen. Auch hochkreative Projekte, die erst gar nicht in Serie gingen, sind ausgestellt. Ein formschöner Entwurf für den berühmten Thermomix, der alles allein kocht, ist in all seinen formalen Entwicklungsphasen als praktisch-schöne Küchenmaschine der Zukunft zu bewundern. Realisiert wurde er nicht. Vielleicht steht er in der Küche des Jahres 2020.

Formgebung als Ordnungsprinzip

Im Mittelpunkt der "Full-House"-Ausstellung steht für Stefan Diez immer der jeweils entscheidende Augenblick, in dem aus der Idee eine realisierbare Formgestaltung wird. Das Museum hat dieses Ordnungsprinzip gern als Ausstellungskonzept übernommen.

Manche Entwürfe waren den Herstellerfirmen allerdings auch zu modern oder zu schlicht. Diez liebt die funktionale Einfachheit industriell hergestellter Materialien, wie man sie auch im Baumarkt kaufen kann. Für eine grazile Stehlampe verwendet er schon mal billige netzartige Plastikhüllen, mit denen in Industrieanlagen Kabel gebündelt werden. Formal beeindruckend in ihrer Farbigkeit und künstlerischen Form: man könnte sie auch als Skulptur ausstellen.

Die Ausstellung "Full House: Design by Stefan Diez" ist bis zum 11. Juni 2017 im Museum für Angewandte Kunst (MAKK) in Köln zu sehen. 

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema