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Wirtschaft

Der Herr der Bohrer

Seine Tunnelbohrmaschinen gelten in der Branche als das non plus ultra. Martin Herrenknecht hat auf der ganzen Welt gebohrt, nun haben seine Maschinen in der Schweiz einen Tunnel durch das Gotthard-Massiv gefräst.

Baugerüst mit dem Schriftzug Herrenknecht (Foto: AP)

Martin Herrenknecht kennt die Welt von unten. Mit seinen Bohrern wurden in Shanghai ein Autotunnel und im brasilianischen Sao Paulo U-Bahnschächte in den Untergrund gefräst. Auch die Röhre durch das Schweizer Gotthard-Massiv, wo am Freitag (15.10.2010) der Durchbruch gelang, wurde von Herrenknecht durch den Granit gebohrt. Seine Leistungen auf diesem Gebiet haben international Anerkennung gefunden – so ist er beispielsweise der erste Europäer, der den "Moles-Award" der amerikanischen Bauindustrie erhalten hat - das englische Wort Mole bedeutet Maulwurf.

Dieser Bohrkopf hat sich durch den Katzenberg gefressen (Foto: Richard Fuchs, DW)

Dieser Bohrkopf hat sich durch den Katzenberg gefressen

Das Gotthard-Projekt ist nicht der erste Eisenbahntunnel, den die Firma gebohrt hat. Am Katzenberg im Rheintal, das ist im deutsch-schweizerischen Grenzgebiet, war Herrenknecht am Bau des drittlängsten Tunnels in Deutschland beteiligt. Dort hatten seine Maschinen zwei jeweils fast 10 km lange Röhren durch den Fels gefräst. Wenn der Tunnel fertig ausgebaut ist, das wird voraussichtlich im Dezember 2012 sein, sollen dort ICE-Züge mit bis zu 250 Stundenkilometern durch die Röhren rasen. Auch finanziell ist der Beitrag, den die Firma Herrenknecht für ein solches Projekt leistet, durchaus gewichtig: Die Baukosten für den Katzenbergtunnel etwa sind zur Zeit auf rund eine halbe Milliarde Euro kalkuliert, die Hälfte davon, rund 250 Millionen Euro also, entfallen allein auf den Tunnelrohbau.

Aus kleinen Anfängen

Erste Erfahrungen mit Tunnelbohrmaschinen hatte Martin Herrenknecht zu Beginn der 70er Jahre in der Schweiz gesammelt. 1975 kehrte er in sein Heimatland Deutschland zurück und wollte vor allem eines: seine eigene Firma gründen. "Mein Vater war Polstermeister und hatte damals zwölf Leute angestellt", sagte er im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Im Krach habe ich ihm mal gesagt, dass ich mich selbstständig machen will und dass ich einmal doppelt so viele Leute beschäftigen werde.“

Martin Herrenknecht, der Herr der Bohrer (Foto: DW)

Martin Herrenknecht, der "Herr der Bohrer"

Als der Ingenieur Herrenknecht sich schließlich im Tunnelbaugeschäft selbstständig machte, erlebte er einen wahren Boom, das war zur Mitte der 80er Jahre. Da waren die Bohrköpfe, mit denen man damals arbeitete, bereits um die zehn Meter im Durchmesser groß. Einige Jahre zuvor war die Technik noch nicht ausgereift, da bohrte man deutlich kleinere Löcher. Bohrungen mit einem Durchmesser von mehr als einem Meter galten schon als groß und kaum zu beherrschen. Aber nicht nur die Bohrer wurden über die Jahre größer, auch die Belegschaft wuchs. Es sind deutlich mehr Mitarbeiter als die angestrebten zwei Dutzend geworden. Heute arbeiten knapp 2000 Menschen für Herrenknecht weltweit – allein die Hälfte davon in seinem Heimatort Schwanau bei Offenburg.

Vor Ort

Vor drei Jahren hatte ein Reporter der Deutschen Welle Martin Herrenknecht am Katzenbergtunnel besucht und mit ihm gesprochen. Damals hatte der Ingenieur mit berechtigtem Stolz "seine" Bohrmaschine vorgestellt. Ein solcher Tunnelbohrer ist ein wahres Ungetüm, das ungefähr 2.500 Tonnen wiegt. "Sie ist", sagte Herrenknecht dazu "ungefähr 140 bzw. 200 Meter lang, je nach Durchmesser und Ausrüstung. Im vorderen Bereich wird mit dem Schneidrad das Material abgebaut, über eine Förderschnecke aufs Förderband geschüttet und darauf nach Draußen gebracht."

Mit einer solchen Maschine wird gleichzeitig gebohrt und ausgebaut. Der vordere Teil, also der Bohrkopf, frißt sich in den Fels. Er schabt und bricht das Gestein heraus, das auf ein Förderband gehoben und darauf ans Tageslicht gebracht wird. Zur selben Zeit, in der vorn gebohrt wird, werden hinter dem Bohrkopf sogenannte Tübbinge eingesetzt. Das sind Betonteile, die zusammengesetzt das Profil einer Röhre ergeben, sechs dieser Tübbinge ergeben einen geschlossenen Rundbogen. Innerhalb der so entstandenen Röhre, die später noch mit einer weiteren Schicht Beton ausgebaut wird, kann dann der Gleiskörper installiert werden.

Arbeiter erwarten den Durchbruch im Gotthardtunnel (Foto: AP)

Arbeiter warten den Durchbruch im Gotthardtunnel

Martin Herrenknecht ist fest davon überzeugt, dass diese Methode, bei der gleichzeitig gebohrt, abgesichert und ausgebaut wird, konkurrenzlos ist. „Ich würde behaupten", sagte er, als er mit unserem Reporter im Tunnel stand, "dass wir nicht hier stehen würden, wenn wir das mit konventionellen Vortriebsmethoden versucht hätten.“ Und auch die Präzision, mit der seine Maschinen die Arbeit vorantrieben, sei einzigartig, fügte er hinzu.

Harte Arbeit

Entscheidend für den Erfolg der Arbeit und die Geschwindigkeit, in der sie vorangetrieben werden kann, ist die Qualität des Gesteins, das durchbohrt werden muß. In regelmäßigen Intervallen gehen daher Geologen vor den Bohrkopf, um Gesteinsproben zu nehmen. Je nachdem, welches Material vor dem Bohrer liegt, kann man den Aufwand abschätzen, der nötig sein wird und so Aussagen über das Arbeitstempo machen. An guten Tagen ging es beispielsweise am Katzenberg bis zu 25 Meter am Tag voran, an schlechten Tagen kann der Vortrieb schon mal gegen Null gehen.

In solchen Fällen muß sich Martin Herrenknecht auf seine Leute und deren Kompetenz verlassen, sagte er. "Das ist das große Know-how, das die Menschen hier haben müssen, um dann Verklumpungen, Verstopfungen zu überbrücken, und das so zu handhaben, dass es kontinuierlich fließt. Manches Mal kommen sie ganz schön ins Schwitzen.“

Bereits fertiger Teil des Gotthardtunnels (Foto: AP)

Bereits fertiger Teil des Gotthardtunnels

Tunnelbau ist trotz aller Automatisierung und der Hilfe solcher Giganten, wie die Firma Herrenknecht sie einsetzt, immer noch Knochenarbeit, aber eine gut bezahlte: Beim Gotthardtunnelbau konnte auch ein ungelernter Arbeiter bis zu 4600 Euro im Monat verdienen. Für den Chef Martin Herrenknecht ist ein solches Projekt sowieso mit einem großen persönlichen Einsatz verbunden. Beim Gotthard-Projekt ist er genauso wie beim Katzenbergtunnelbau rund um die Uhr im Einsatz: "Ich bin ja selbstständiger Unternehmer, ich kann meine Arbeitszeit wählen. Ich hab meine 35 Stundenwoche am Dienstag schon erledigt.“

Autor: Richard Fuchs / Dirk Kaufmann

Redaktion: Henrik Böhme

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