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Geschichte

Der Held der Berliner Luftbrücke

Schokolade für die "Kids" von Westberlin: Während der Luftbrücke warf ein US-Pilot Süßigkeiten aus seinem Flugzeug. Dafür verehren die Kinder von damals ihn bis heute. Die DW hat den "Rosinenbomber" getroffen.

Pilot Gail S. Halvorsen wirft 1948 auf dem Flughafen Berlin-Tempelhof amerikanische Süßigkeiten aus seinem Transportflugzeug, die von Kindern auf dem Flugfeld aufgefangen werden (c) dpa - Report

Bildergalerie 65. Jahrestag Luftbrücke Berlin

Berlin im Sommer 1948. Der junge amerikanische Pilot Gail S. Halvorsen läuft über die Landebahn des Westberliner Flughafens Tempelhof. Hinter dem Drahtzaun stehen 30 Kinder. "Gimme chocolate", bitten sie den 27-Jährigen. "Sie bettelten nicht, sie fragten nur nach Schokolade", erinnert er sich. Doch der Pilot hat nur zwei Kaugummis in der Tasche. "Zwei! Für 30 Kinder!" Er teilt die Streifen in vier Teile und verteilt sie. Zu seiner Überraschung gibt es kein Gedränge: "Selbst am Papier rochen sie begeistert, verbargen es in ihren Händen, um es mit nach Hause zu nehmen. Da wusste ich, ich musste mehr tun."

Sowjets riegeln Westberlin ab

Gail Halvorsen besichtigt im Juli 2013 einen ehemaligen Rosinenbomber im Museum Haus der Geschichte in Bonn (c) DW/Marie Todeskino

Gerne in Deutschland unterwegs: Gail Halvorsen besichtigt im Juli 2013 einen ehemaligen "Rosinenbomber" im Museum "Haus der Geschichte" in Bonn

Die Situation im geteilten Berlin ist zu diesem Zeitpunkt angespannt. Wenige Wochen zuvor hat die sowjetische Armee den Westteil der Stadt abgeriegelt. Nach der Einführung der neuen Währung D-Mark will sie die Westmächte zum Rückzug zwingen. Kein Lastwagen, kein Schiff, kein Zug kann mehr nach Westberlin kommen. 2,2 Millionen Menschen sind von der Grundversorgung mit Nahrungsmitteln und Kohle abgeschnitten.

Doch die Alliierten lassen sie nicht im Stich. Mit der Berliner Luftbrücke ist die bis dahin größte Hilfsaktion aller Zeiten angelaufen. Täglich dröhnen hunderte amerikanische und britische Flugzeuge am Himmel. Sie bringen Versorgungsgüter zum Flughafen Tempelhof. Als "Rosinenbomber" werden sie in die Geschichte eingehen.

Schokolade an Fallschirmen

Zu ihnen gehört auch der heute 92-jährige Gail Halvorsen. Unzählige Einsätze wird er bis zum Ende der Berlinblockade im Mai 1949 ins abgeriegelte Berlin fliegen. Die Begegnung mit den Berliner Kindern bringt ihn auf eine Idee: "Ich versprach ihnen: Morgen komme ich zurück, mit Schokolade." Woran sie seine Maschine erkennen würden? "Wenn ich ankomme, wackele ich vor der Landung mit den Tragflächen."

Gail S. Halcorsen zeigt 1948, wie er die Fallschirm-Schokolade abwirft (Foto: dpa)

Gail S. Halvorsen zeigt 1948, wie er die Fallschirm-Schokolade abwirft

Später sammelt er die Schokoladenvorräte seiner Kameraden ein. "Ich hatte zwei Hände voll Schokolade." Am 18. Juli 1948 sieht er beim Landeanflug auf Tempelhof die Kinder und wackelt mit den Flügen. Durch einen Schacht wird die Schokolade abgeworfen. Befestigt an kleinen weißen Fallschirmen segeln die Süßigkeiten zu Boden. Jubelnd stürzen sich die Kinder darauf.

"Onkel Wackelflügel"

Fortan nennen sie Halvorsen nur noch "Onkel Wackelflügel". Denn das Abwerfen der süßen "Bomben" wird zur Routine. Bald bekommt auch die Presse davon Wind. "Das war zunächst ein Problem. Ein Reporter machte Fotos, auf denen meine Flugzeugnummer zu sehen war." Ein großer Artikel erscheint in der Zeitung. Halvorsen wird zum Kommandanten zitiert. "Ich dachte, das war's jetzt. Doch er sagte: gute Idee." Die Aktion zieht weitere Kreise. Bald sammeln auch Kinder in den USA Geld für die Schokoriegel, andere US-Piloten machen mit. Bis zum Ende der Berlinblockade werfen sie 22 Tonnen Süßigkeiten über dem Westteil der Stadt ab.

Die Berlinerin Traute Grier (Foto: DW/ Marie Todeskino)

Erlebte die Berliner Luftbrücke als 14-Jährige mit: Traute Grier

Traute Grier, damals 14, bekommt nicht einen einzigen Schokoladenriegel ab. Sie lebt damals im Berliner Stadtteil Neukölln. "Wenn Gail Halvorsen über uns flog und Hersheys (Schokoladenmarke, Anm. d. Red.) abwarf, liefen alle Kinder hin. Ich habe mich zurückgehalten. Die Jungs haben so gedrängelt." Traurig ist sie deshalb aber nicht, sondern zutiefst dankbar. "Ich bin in Gedanken heute noch bei den Piloten. Was die für eine Kraft aufgebracht haben! Und sie haben es für unsere Freiheit getan."

Die Luftbrücke ist ein logistischer - und menschlicher - Kraftakt. "Anfangs flogen wir Tag und Nacht", sagt Gail Halvorsen. Der Einsatz ist nicht ungefährlich: Mindestens 78 Menschen sterben bei Flugzeugunfällen. Die britischen und amerikanischen Maschinen starten und landen im Minutentakt. Doch die Luftbrücke ist ein Erfolg. Am 12. Mai 1949 hebt die Sowjetunion die Blockade auf. Der freie Teil Berlins ist gerettet.

Kinder begrüßen winkend ein US-amerikanisches Transportflugzeug (c) picture-alliance/dpa

Es lebe die Freiheit! Westberliner Jungs begrüßen winkend einen Rosinenbomber

Aus Feinden wurden Freunde

Die Berliner Luftbrücke hat noch einen anderen Effekt: Die Unterstützung der einstigen Siegermacht schweißt Deutsche und Amerikaner eng zusammen. Das prägt bis heute. Traute Grier sagt: "Aus unseren Feinden sind damals Freunde geworden." Der Einsatz von Gail Halvorsen steht dabei symbolisch für diese Freundschaft. Als US-Präsident Barack Obama im Juni 2013 eine Rede vor dem Brandenburger Tor in Berlin hält, wendet er sich persönlich an den Veteranen, der im Publikum sitzt: "Es ist für uns eine Ehre, den Pilot der Rosinenbomber, den 92-jährigen Colonel Halvorsen hier zu begrüßen."

Bereits 1974 wird "Onkel Wackelflügel" in Berlin das Bundesverdienstkreuz verliehen. Im Juni 2013 benennt sich eine Berliner Sekundarschule nach dem "Rosinenbomber". Gail Halvorsen, der mittlerweile fünf Kinder, 24 Enkel und 41 Urenkel hat, lässt es sich nicht nehmen, persönlich bei der Eröffnung dabei zu sein. Er kommt gerne nach Deutschland, pflegt hier viele Freundschaften. Die Begegnung mit den Berliner Kindern am Zaun von Tempelhof prägt ihn bis heute: "Wenn man jemandem hilft, fühlt man sich glücklich." Oberst Gail S. Halvorsen hat nicht nur sich selbst glücklich gemacht.

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