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Deutschland

Der hartnäckige Mythos von der weißen Weste

Früher als im Auswärtigen Amt hatten Historiker die Rolle der Wehrmacht im Nazi-Reich untersucht. Aber auch sie mussten große Widerstände überwinden. Die Wahrheit war vielen zu unbequem.

Wehrmachtssoldaten ermorden eine Geisel in Krusevac/ Serbien. Das Foto wurde in der Wehrmatsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung gezeigt(Foto: AP)

Auch Wehrmachtssoldaten begingen Kriegsverbrechen

Von Anfang des NS-Regimes an war die Wehrmacht Teil von Hitlers Mordmaschinerie. Doch auch Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hielt sich in der deutschen Öffentlichkeit die Legende, die reguläre Armee sei am systematisch geplanten Massenmord an Juden und Gegnern des Nazi-Regimes nicht beteiligt gewesen. Diese Taten seien vor allem durch die SS verübt worden. Zwar begann in den 60er Jahren die historische Aufarbeitung der Rolle der Wehrmacht. Die breite Öffentlichkeit akzeptierte aber erst in den 90er Jahren, dass die Truppe nicht "soldatisch und ritterlich" in einem klassischen Krieg gekämpft hatte, sondern zentraler Teil von Hitlers verbrecherischer Strategie war, und zwar schon ab 1933.

Säule des NS-Staates

"Die erste Institution, die Hitler nach seiner Ernennung zum Reichskanzler zu einem umfassenden Gespräch eingeladen hat, waren die Befehlshaber des Heeres und der Marine und der neue Reichswehrminister", so der Hamburger Historiker Hannes Heer.

Porträt von Hannes Heer (Foto: Horst Rudel/ Hannes Heer)

Heer: Die Reichswehr begrüßte Hitlers Strategie

Bei diesem Treffen habe Hitler sein Programm in aller Klarheit vorgelegt: "Lebensraum im Osten, Revanche für Versailles; und im Inneren: Wehrhaftmachung des Volkes und Ausschaltung aller pazifistischen und auch marxistischen Kräfte." Dieses klare Programm habe die Reichswehrführung bereitwillig akzeptiert.

Die Reichswehr, die aufgrund des Friedensvertrages von Versailles, nach dem Ersten Weltkrieg nur eine Truppenstärke von 100.000 Mann haben durfte, sah ihre Chance gekommen, das Schicksal zu wenden. Das Nazi-Regime versprach Macht und Stärke. Der neue Reichswehrminister und die entsprechenden Führungsgremien hätten sich deshalb "sehr intensiv vom ersten Augenblick an unersetzbar gemacht, indem sie in vorauseilendem Gehorsam mit einer Nazifizierung der Reichswehr begonnen haben," betont Heer. Somit habe Hitler schon nach einem Jahr sehr zufrieden feststellen können: "die Reichswehr ist die zweite Säule unseres Staates neben der Partei". Das wurde auch darin sichtbar, dass ab 1934 die Soldaten auf Hitler persönlich vereidigt wurden.

Die Reichswehr leistete Hitler dann auch Unterstützung bei der Ausschaltung von Gegnern innerhalb der Nazi-Bewegung, so bei der als "Röhm-Putsch" bezeichneten Ermordung von Hitler-Rivalen im gleichen Jahr. Und schon ein Jahr bevor das Regime mit den Nürnberger Rassegesetzen 1935 die systematischen Judenverfolgungen einläutete, warf die Reichswehr alle jüdischen Militärangehörigen heraus. Auch wurde antisemitische "Rassenkunde" zentraler Teil der Offiziersausbildung. Hitler belohnte dies: Aus der Reichswehr wurde 1935 die Wehrmacht. Sie wuchs im Laufe des Krieges auf 19 Millionen Angehörige an, womit am Ende jeder vierte Deutsche dazu gehörte.

Deportation von Juden aus Lodz, 1940 (Foto: AKG Berlin)

Viele wußten von den Dimensionen des Massenmordes

Täterschaft der "Volksgemeinschaft"

Nicht zuletzt deshalb, weil dadurch die Schuld praktisch auf der ganzen "Volksgemeinschaft" lastete, nahm die deutsche Öffentlichkeit nach 1945 den Mythos gerne auf, die Wehrmacht – im Gegensatz zur SS - sei nicht an den Judenverfolgungen beteiligt gewesen sei. Dies stimme allerdings nicht, so Heer. Zwar habe die Wehrmacht keine Vernichtungslager betrieben aber sie habe "Judenmord auf freiem Feld" ausgeführt. Einsatzgruppen der Armee hätten systematisch Massenerschießungen betrieben. "Die Hälfte der ermordeten europäischen Juden sind in den besetzten Gebieten am helllichten Tag erschossen worden, mit Karabinern," betont der Historiker.

Sehr viele Soldaten wußten durchaus über die Täterschaft der Wehrmacht. Der Mainzer Historiker Sönke Neitzel hat Abhörprotokolle von Gesprächen unter deutschen Kriegsgefangenen analysiert, die der britische Geheimdienst zwischen 1941 und 1944 im Gefangenenlager Trent-Park in England angefertigt hat.

Der Mainzer Historiker Sönke Neitzel (Foto: Petra Killick/ Sönke Neitzel)

Neitzel: Die Soldaten wußten Bescheid

Dabei sprachen die Gefangenen offen über Kriegsverbrechen. Aus den Ptotokollen wurde eins klar: "Alle wissen es. Nicht jeder weiß jedes - aber über die Dimensionen wissen eigentlich alle Bescheid," so der Forscher.

Allerdings zogen nicht alle deutschen Kriegsgefangenen dieselben Schlüsse aus ihrem Wissen. Unter den Kriegsgefangenen hätten sich zwei Lager gebildet. "Die einen sagen: 'Es ist unglaublich, was im deutschen Namen geschehen ist, wir müssen den Krieg verlieren, denn wir haben versucht, ganze Völkerschaften auszurotten. Wir müssen die Täter zur Rechenschaft ziehen'," so Neitzel. Diese Fraktion habe auch den Standpunkt eingenommen, dass die Soldaten nicht alle Schuld auf die SS schieben können, "denn in unendlich vielen Orten hat die Wehrmacht ganz ähnliches getan.'"

Nicht nur die SS als Täterorganisation

Die andere Gruppe der Kriegsgefangenen habe hingegen versucht, die eigene Schuld klein zu reden. Einzelne Generäle hätten schon in Trent-Park ganz bewusst gesagt: "Ich werde alles auf die SS schieben." Dahinter erkennt Neitzel das Bestreben "alles zu tun, um die Wehrmacht rein zu halten, um auch das Militär mit seinem Wertesystem und als Stand rein zu halten."

Der Historiker Wolfram Wette (Foto: Wette)

Wette: Die Dokumente standen der Wissenschaft ab den 60er Jahren zur Verfügung

Was sich bereits in der Kriegsgefangenschaft andeutete, wurde nach dem Krieg zur Strategie. So setzten viele ehemalige Wehrmachtsangehörige alles daran, dieses Bild festzuschreiben. "Schon vor Ende des Krieges war den Generälen bewusst, dass sie sich um ihr zukünftiges Image würden kümmern müssen. Sie waren ja nicht nur verstrickt in den Vernichtungskrieg, sondern hatten ihn ja angeleitet," betont der Freiburger Professor Wolfram Wette.

Und so habe sich eine Gruppe von ehemaligen Offizieren, die dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal zuarbeiteten, eine Denkschrift verfasst, "in der sie alles schöngeredet haben, was die Rolle der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg angeht. Das war der erste Schritt zur Formung der Legende der sauberen Wehrmacht," erklärt Wette.

Der "ritterliche" U-Boot-Krieg

Besonders die ehemaligen Angehörigen der Kriegsmarine verteidigten in der Nachkriegszeit ihren Ruf als tapfere Soldaten, die nicht an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen seien, mit Vehemenz. So pflegte der Oberbefehlshaber der Marine, Großadmiral Karl Dönitz, in der deutschen Öffentlichkeit noch bis in die 60er Jahre das Image eines ehrenhaften Soldaten, der sich vor allem dem vermeintlich sauberen U-Boot-Krieg verschrieben hatte.

Auf der Anklagebank im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess sitzen am 06.12.1945 der ehemalige Großadmiral (l-r) Karl Dönitz, der ehemalige Reichsmarschall Hermann Göring und Hitlers ehemaliger Stellvertreter Rudolf Heß (Foto: dpa)

Dönitz war kein Vorbild für Soldaten der Bundeswehr

Dönitz habe gesagt "ich habe immer auf den Atlantik gesehen und nicht gewusst was im Binnenland passierte," so der Forscher und Fregattenkapitän Dieter Hartwig. Aber der Großadmiral habe verschwiegen, dass er an mindestens 120 Besprechungen mit Hitler teilgenommen habe, dass er die Rede des SS-Führers Heinrich Himmler am 6. Oktober 1943 in Posen gehört habe, wo es um die Judenverfolgung ging. Und er habe verschwiegen, dass Marinesoldaten an der Erschießung von Juden am Strand von Libau in Lettland im Sommer 1941 teilgenommen haben.

Auch gelang es Dönitz, sich als "Retter der zwei Millionen" ein Denkmal zu setzen, denn die Marine hatte in den letzten Kriegstagen eingeschlossene Flüchtlinge über die Ostsee evakuiert. Aber auch dies stellte sich als Mythos heraus, so Hartwig. So habe Dönitz noch bis zum Schluß gehofft, durch den U-Boot-Krieg eine Wende zugunsten Deutschlands herbeiführen zu können. Die Treibstoffreserven zur Evakuierung der Flüchtlinge habe er erst zwei Tage vor Deutschlands Kapitulation freigegeben. "Die Rettung der Flüchtlinge lag ihm überhaupt nicht am Herzen. Bis zum 1. Mai 1945 war das für ihn ein sekundäres Thema. Er hat sogar gesagt: 'dann müssen diese Flüchtlinge eben zurückbleiben'," so der Marinehistoriker.

Unwille, sich der Wahrheit zu stellen

Dennoch stoße er auch heute noch oft auf starken Widerstand, wenn er diesen Mythos hinterfrage. "Menschen die damals als Jugendliche gerettet wurden, sagten: Das Bild lasse ich mir nicht nehmen – Dönitz war mein Retter." Gerade auch in den Anfangsjahren der Bundesmarine habe sich dieses Bild verfestigt, sagt Hartwig. Das habe auch an denen gelegen, die die Marine und die Bundeswehr aufbauten.

Andernach am Rhein. Bundeskanzler Adenauer stattete am 20.1.1956 der Truppe des Heeres, der Luftwaffe und der Marine in der ersten Garnisionsstadt der neuen deutschen Streitkräfte seinen ersten offiziellen Besuch ab (Foto: dpa)

Die Bundeswehr musste auf Offiziere der Wehrmacht zurückgeifen

"Das waren die Jahrgänge, die vom 3. Reich total infiziert waren. Die waren natürlich im Glauben fest an das Bild einer sauberen Marine. Und das haben sie wiederum den ersten Nachkriegsgenerationen auch vermittelt." Deshalb hätten sie versucht, Dönitz als Vorbild darzustellen. "Und dagegen musste die Geschichtswissenschaft erst einmal anschreiben," sagt der Forscher

Der Durchbruch kommt mit einer Ausstellung

Erst im Jahre 1969 gewann die Aufarbeitung an Fahrt. Damals veröffentlichten die Historiker Manfred Messerschmidt und Klaus Jürgen Müller die ersten kritischen Untersuchungen über die Rolle der Wehrmacht. Dennoch dauerte es noch bis in die 90er Jahre, bis die breite Öffentlichkeit sich mit der Rolle der Armee auseinandersetzte.

Porträts deutscher Soldaten auf der Wehrmachts-Ausstellung in Berlin (Foto: AP)

Die Wehrmachts-Ausstellung löste ein starkes Echo aus

"Die Wehrmachtslobby war sehr stark. Sie war in etwa so stark wie die Lobby des Auswärtigen Amtes, über die im Moment ja heftig diskutiert wird. Sie hat es vermocht bis in die 90er Jahre, die Legende der sauber gebliebenen Wehrmacht in der Öffentlichkeit zu erhalten," erinnert sich der Freiburger Historiker Wette.

Eine Wende brachte eine Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung über die Verbrechen der Wehrmacht, zu deren Beteiligung am Vernichtungskrieg und der Judenvernichtung.

Diese Ausstellung nutzte das zuvor schon von der Forschung erarbeitete Wissen und setzte es mit Bildern erfolgreich in Szene. In Kombination mit dem Generationenwechsel habe dies dazu geführt, "dass jetzt endlich das rezipiert wurde, was schon seit langem in den Buchhandlungen zu kaufen war," erklärt Wette.

Die Ausstellung rief heftige Reaktionen hervor. So wurde den Veranstaltern beispielsweise vorgeworfen, Millionen von Deutschen zu diffamieren und die Geschichte deutscher Soldaten zu politischen Zwecken zu missbrauchen.

Die Ausstellungsmacher mussten zwar Fehler einräumen - so waren unter anderem wenige Fotos von Verbrechen des sowjetischen Geheimdienstes fälschlicherweise als Verbrechen der Wehrmacht tituliert worden. Doch änderte dies nichts daran: Das Bild der "sauberen Wehrmacht" war als Mythos entlarvt. Die Ausstellung wurde zudem zum Publikumserfolg: Sie zählte über 800.000 Besucher.

Autor: Fabian Schmidt
Redaktion: Jochen Vock