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Bildung

Der harte Kampf um den Doktortitel

Schlagzeilen über Plagiate in Doktorarbeiten, Berichte über Ghostwriter – für viele Doktoranden ist das mehr als nur ein Ärgernis. Sie fürchten um das Ansehen ihrer wissenschaftlichen Arbeit.

Sieben Etagen, fünfzig Wissenschaftler, ein Forschungsbereich – das alles findet man in der Warburgstraße 26 in Hamburg. Nur wenige Minuten vom Campus der Universität entfernt wird hier die Manuskriptkultur in Asien, Afrika und Europa erforscht. Dazu arbeiten Wissenschaftler von elf asiatischen, afrikanischen und europäischen Philologien, aus der Kunstgeschichte und historischen Musikwissenschaft, Informatik und Materialforschung zusammen. Unter ihnen viele Doktoranden.

Meike Zimmermann promoviert in Japanologie. Gemeinsam mit 20 Kollegen sitzt sie im Pavillon des schlichten weißen Neubaus. Sie genießt die Atmosphäre in diesem Haus. "Man hat hier automatisch Kontakt mit anderen Wissenschaftlern und Doktoranden und arbeitet nicht allein im stillen Kämmerlein", betont die Doktorandin. Es sei schön, sich den ganzen Tag mit der Wissenschaft befassen zu können.

Doktorarbeit im strukturierten Promotionsprogramm

Vortrag im Colloquium des Sonderforschungsbereichs 950 an der Universität Hamburg im Pavillon der Warburgstraße 26 (Foto: DW / Janine Albrecht)

Vorträge im Colloquium gehören zum Promotionsprogramm

Interessiert hört Meike Zimmermann dem Vortrag im Colloquium zu. Die wöchentliche Präsentation und Diskussion von Forschungsarbeiten ist nur ein Teil des strukturierten Promotionsprogramms. Dazu kommen Vorlesungen und externe Vorträge. Finanzielle Sorgen müssen sich die Doktoranden des Graduiertenkollegs nicht machen. Meike Zimmermann bekommt rund 1.500 Euro netto für ihre Arbeit an der Uni.

Immer mehr deutsche Hochschulen bieten solche Promotionsprogramme an, um im Wettbewerb um junge Wissenschaftler internationalen mithalten zu können. Doch noch schreiben nur zehn Prozent der Nachwuchswissenschaftler im Rahmen solcher Programme ihre Dissertation. Denn die Gelder dafür sind begrenzt und somit gibt es noch viel zu wenig Graduiertenschulen für alle Doktoranden. Deutschlandweit promovierten laut einer Hochrechnung des Statistischen Bundesamtes im Wintersemester 2010/2011 etwa 200.000 Studenten.

Ihre Zahl ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen, denn wer einen Doktortitel vorweisen kann, macht international oft schneller Karriere. Das gilt auch für die Japanologie, wie der Hamburger Professor Jörg Quenzer betont. "Wenn man in Japan als Sprachspezialist an einer japanischen Uni eingestellt werden möchte, wird dort mittlerweile auf jeden Fall der Doktortitel verlangt", sagt er. Frühere Zeiten, in denen Fachwissen allein ausreichte, um eine Stelle zu bekommen, seien vorbei. Zudem sei die Wertschätzung, dass jemand sich über Jahre intensiv mit einem Thema beschäftigt hat, gerade in den Kulturen Ostasiens sehr groß, weiß der Japanologe.

Plagiatsversuche in kleinen Fächern selten

Vortrag im Colloquium des Sonderforschungsbereichs 950 an der Universität Hamburg im Pavillon der Warburgstraße 26 (Foto: DW / Janine Albrecht)

Im Anschluss an die Präsentation diskutieren die Doktoranden die vorgestellte Forschungsarbeit

Meike Zimmermann entschied sich nicht aus Karriere-Gründen für die Promotion. Sie hatte bereits eine Stelle in Japan. Doch ihr Interesse für japanische Geschichte ließ sie an die Uni zurückkehren. Für sie ist die Doktorarbeit eine Art Weiterbildung, in die die 29-Jährige viel Energie steckt. Daher ärgert sie die aktuelle Diskussion über Plagiatsvorwürfe gegen Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Sie fürchtet, dass dadurch die Wertschätzung von Doktorarbeiten sinkt.

Auch am Hamburger Hiob Ludolf Zentrum für Äthiopistik, an dem die Kultur und Sprache Äthiopiens und Eritreas erforscht wird, verfolgt man die Berichterstattung über Täuschungsversuche in Doktorarbeiten. Doch in diesem kleinen Fachgebiet seien Plagiatsversuche kein großes Problem, meint Professor Alessandro Bausi, der das Forschungszentrum leitet. Es würde hier schneller auffallen, wenn Doktoranden aus anderen wissenschaftlichen Arbeiten abschreiben, da es schlicht nicht so viel Literatur gebe. "Die Universität stellt uns einige Software zur Verfügung, damit wir auch überprüfen können, ob Passagen oder Texte tatsächlich ein Plagiat sind oder nicht", erklärt Bausi.

90 Prozent promovieren nebenbei

Äthiopistin Angela Müller in ihrem Büro an der Uni (Foto: DW / Janine Albrecht)

Angela Müller arbeitet als Assistentin für ihren Doktorvater

Nur zwei Türen weiter sitzt eine seiner Doktorandinnen an ihrem Schreibtisch. Angela Müller hat ihr Promotions-Thema - die Veränderung des Rollenverständnisses und Körperverständnisses äthiopischer Frauen - selbst gewählt und dann Professor Bausi gebeten, ihr Doktorvater zu sein. 90 Prozent der Doktoranden gehen in Deutschland diesen traditionellen Weg zum Doktortitel. Entweder finanzieren sie sich mit Hilfe von Stipendien oder Halbtags-Jobs.  Angela Müller arbeitet als Assistentin für ihren Doktorvater. Ihre Dissertation schreibt sie nebenher.

Die 34 Jahre alte Äthiopistin hat bereits 2010 mit ihrer Doktorarbeit angefangen, doch ein Ende ist bisher nicht in Sicht. Sie versucht immer wieder, sich Tage freizuschaufeln, an denen sie sich auf ihre Arbeit konzentrieren kann. Es habe auch schon Phasen gegeben, da habe es sie frustriert, neben ihrem Job nicht genug Zeit für ihre Promotion zu haben, gibt sie zu. Doch ihre große Begeisterung für Äthiopien motiviert sie weiterzumachen. "Ich empfinde es als großen Gewinn, mein Thema wissenschaftlich bearbeiten zu können, das ist einfach nicht mit Geld aufzuwiegen."

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