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Asien

Der Gwangju-Aufstand in Südkorea

Vor 30 Jahren schoss das südkoreanische Militär in Gwanju auf demonstrierende Studenten - die mehr Demokratie forderten. Von der blutigen Niederschlagung des Protests bekam die Welt damals nur relativ wenig mit.

Ein Student drohend in Richtung auf die militärischen Panzersperren (Foto: Jürgen Hinzpeter)

Ein Student hebt drohend die Hand in Richtung der militärischen Panzersperren

"Bei den blutigen Unruhen sollen nach ersten Berichten rund 130 Menschen ums Leben gekommen sein. Augenzeugen schätzen die Zahl der Todesopfer auf über Tausend. Die Krankenhäuser sind mit Verletzten überfüllt. Filmaufnahmen zeigen viele Schwerverletzte." So meldet es der Tagesschau-Sprecher in einem Mitschnitt aus dem Jahr 1980. Den Mitschnitt der Sendung hat Young-Sook Choi-Rippel bis heute aufbewahrt.

Bewaffnete Studenten haben einen Militärjeep erobert: Die Parole auf dem Banner: Weg mit Chun Doo Wan“ (Foto: Jürgen Hinzpeter)

Bewaffnete Studenten haben einen Militärjeep erobert: Die Parole auf dem Banner: "Weg mit Chun Doo Wan“

Sie erinnert sich genau daran, wie geschockt sie damals vor dem Fernseher saß. Zuerst habe sie gar nicht fassen können, was in Südkorea vor sich ging. Aber dann habe sie allmählich begriffen, worum es ging: Soldaten schlugen auf junge Leute und Studenten ein. "Da war ich entsetzt, wie kann man die eigene Bevölkerung so niederschlagen? Was haben die denn überhaupt getan?“ Selbst nach 30 Jahren ist Young-Sook Choi-Rippel die Empörung anzuhören. Die 65jährige mit den kurzgeschnittenen, mittlerweile braungetönten Haaren, ist stellvertretende Vorsitzende des Koreaverbandes in Deutschland. Sie war Anfang 20, als sie als Krankenschwester nach Deutschland kam. Damals regierte in Südkorea noch Diktator Park Chung Hee. Als dieser 1979 nach 18 Jahren an der Macht ermordet wurde, hofften viele südkoreanische Studenten auf Demokratie und gingen dafür auf die Straße.

Tod des Diktators weckt Hoffnung auf Demokratisierung

Die Stadt Gwangju ist vom Militär abgeriegelt (Foto: Jürgen Hinzpeter)

Die Stadt Gwangju ist vom Militär abgeriegelt

Die Übergangsregierung schien zwar verhandlunsbereit zu sein, doch dann putschte sich Armeegeneral Chun Doo Hwan an die Macht. Am 17. Mai 1980 verhängte Chun Doo Hwan das Kriegsrecht über Südkorea. Politische Aktivitäten wurden verboten, alle Hochschulen des Landes geschlossen. Tags darauf protestierten Studenten in Gwangju. Das Militär setzte Fallschirmjäger gegen sie ein. Die ARD berichtete: " In Gwangju 250 km südlich von Seoul, entbrennt eine Schlacht zwischen demonstrierenden Studenten und Fallschirmjägern. Dabei gehen die Soldaten mit einer Brutalität sondergleichen vor. Sie provozieren die Studenten, bewerfen sie mit Steinen, um wieder beworfen zu werden und losschlagen zu können. Nicht nur auf junge Leute, sondern auf alles. Jung und alt. Männer und Frauen. Das bringt, die Bevölkerung gegen sie auf. Auf einmal kämpft das Militär gegen eine ganze Stadt“.

Stark bewaffnete Studenten in der Innenstadt von Gwangju (Copyright: Jürgen Hinzpeter)

Stark bewaffnete Studenten in der Innenstadt von Gwangju

Für die ARD vor Ort ist Kameramannes und Journalist Jürgen Hinzpeter. Er filmt Taxifahrer und Busfahrer, die mit ihren Autos demonstrieren und beschossen werden - und Hausfrauen, die Essen zubereiten für tausende von Demonstrierenden. Und er filmt Studenten, die sich bewaffnen und ein eigenes Bürgerkomitee für die Stadt bilden. Doch am 27. Mai 1980 nimmt der Aufstand der Stand Gwangju ein brutales Ende.

Der Aufstand wird niedergeschlagen

Im Einverständnis der in Südkorea stationierten Amerikaner rollen Panzer ein. In nur 90 Minuten haben sie den Aufstand mit Waffengewalt niedergeschlagen. Dabei kommen mehr als zweihundert Menschen ums Leben, Tausende werden schwerverletzt oder verschleppt. Doch von dem Massaker erfährt kaum jemand in Südkorea. "Wir haben angerufen", erzählt Han-Kyeung Lee, der das Geschehen im deutschen Fernsehen verfolte. Doch bei den Telefonaten mit der Heimat stellt er fest "die merken gar nicht, was los war". Die Medien waren fest in der Hand der koreanischen Regierung. Nach außen dringt nichts. Bis auf die Bilder des deutschen Fernsehjournalisten Jürgen Hinzpeter, dem es gelingt, Aufnahmen aus Südkorea herauszuschmuggeln.

Die Reaktion der Koreaner in Deutschland

In Deutschland moblisieren die Fernsehbilder die hier lebenden Koreaner. Young-Sook Choi-Rippel organisiert Protestaktionen und bekommt Drohanrufe. Doch sie lässt sich nicht mehr einschüchtern.

Die Särge mit den Toten, eingehüllt in die südkoreanische Flagge (Foto: Jürgen Hinzpeter)

Die Särge mit den Toten werden mit der Nationalflagge bedeckt und in einer Turnhalle in der Innenstadt aufgebahrt

Inzwischen ist Südkorea ein demokratisches Land. Viele Koreaner interessieren sich heute nicht mehr für die Ereignisse. Und die konservative Regierung legt keinen Wert auf das Thema. Nur in Gwangju selbst gibt es wie in jedem Jahr eine Gedenkveranstaltung und auch die Koreaner in Deutschland versammeln sich zum Gedenken. Young Sook Choi Rippel ist dieses Jahr zum 30. Mal dabei. "Gwangju das ist der Grundstein der Demokratie und Menschenrechte", betont sie. Dieses Wissen will sie nun auch der nachkommenden Generation von Koreanern in Deutschland vermitteln. Und den Stolz darauf, dass es in Südkorea einen solchen Widerstand gegeben hat.

Denn der Aufstand in Gwangju ist für Young-Sook Choi-Rippel mehr als nur ein Symbol für den Kampf um Demokratie in Südkorea. Das Geschehen hat ihr Leben verändert. Seither ist sie politisch aktiv und kämpft für Menschenrechte - inspiriert vom Mut der Bürger von Gwangju.

Autorin: Rebecca Roth
Redaktion: Esther Broders