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Deutschland

Der gute Mensch von nebenan

Sie sind jung, gebildet und meistens weiblich. Ehrenamtliche Helfer leben vor, wie eine Willkommenskultur für Flüchtlinge in Deutschland aussehen könnte. Doch was treibt sie an? Eine Studie gibt Antworten.

Wer hilft Flüchtlingen - und warum? Eine Studie gibt Anhaltspunkte

Wer hilft Flüchtlingen - und warum? Eine Studie gibt Anhaltspunkte

Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte, Massendemos von Rechtspopulisten und Drohungen gegen jene, die sich für das Wohl von Flüchtlingen einsetzen: Häufig beherrschen negative Schlagzeilen die Berichterstattung über Einwanderer in Deutschland. Dass es bundesweit zugleich eine Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge gibt, geht angesichts teilweise schockierender Bilder nahezu unter.

Eine Studie des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) will das ändern. Die Forscher rücken all jene in den Mittelpunkt, die sich bundesweit freiwillig und unentgeltlich für Flüchtlinge einsetzen. Insgesamt 466 Ehrenamtliche und 70 Organisationen der Flüchtlingshilfe haben die Forscher in einer Online-Umfrage interviewt, um zwei Fragen zu beantworten: Wer hilft - und warum?

Gebildet und solidarisch

Vor allem Behördengänge sind für viele Flüchtlinge ohne freiwillige Helfer nicht zu machen

Vor allem Behördengänge können viele Flüchtlinge ohne freiwillige Helfer nicht bewältigen

Die Wissenschaftler sind sich sicher, trotz der kleinen, nicht-repräsentativen Studie hier bereits eindeutige Trends ablesen zu können, sagt Serhat Karakayali, Mitautor der BIM-Studie, einem Institut der Berliner Humboldt-Universität. 70 Prozent der Ehrenamtlichen seien weiblich, die meisten finanziell abgesichert und gebildet. 90 Prozent der Befragten verfügten über das Abitur. Flüchtlingshilfe in Deutschland sei also auch eine Frage der Bildung, sagt Karakayali.

Besonders junge Erwachsene und Senioren würden in

Flüchtlingsheimen

Hilfe anbieten. Religiöse Überzeugungen spielten dabei, so die Forscher, eher eine untergeordnete Rolle. Über die Hälfte der Befragten gab an, nicht religiös zu sein. Und gerade einmal zwölf Prozent der Befragten verwiesen darauf, das Engagement entspringe ihrem Glauben.

Bei vielen Freiwilligen gaben Berichte in den Medien den Ausschlag, sich zu engagieren. "Viele sind spontan aktiv geworden", so Serhat Karakayali. Dabei engagierten sich die meisten privat, in Nachbarschaftsbündnissen oder in kleinen Bürgerinitiativen. Rund ein Drittel der Befragten gab an, ihre Hilfe beispielsweise im Sportverein zu koordinieren. "Nur ganz wenige Helfer, nämlich 3,7 Prozent, sind in Verbänden tätig."

Vor allem junge und ältere Menschen helfen: sie sind gebildet, und meist nicht religiös

Begegnung: In Integrationskursen werden Einwanderer auf den deutschen Alltag vorbereitet

Kennzeichnend für die Helfer ist laut Studie ihr hohes politisches Engagement. "Es spielt für die Bürgerinnen und Bürger eher keine Rolle, weswegen die Menschen geflohen sind", sagt Serhat Karakayali. "Hier wird Verständnis für alle möglichen Formen von Migration und Flucht gezeigt."

Politische Ideale

Ziel des ehrenamtlichen Einsatzes sei eine andere Gesellschaft und weniger der eigene, berufliche Vorteil. "Dreiviertel aller Befragten gaben an, mit ihrem Engagement die Gesellschaft gestalten zu wollen", lautet ein Fazit der Studie.

Besonders häufig seien die Ehrenamtlichen vor allem damit beschäftigt, Flüchtlingen den Weg durch die deutsche Bürokratie zu weisen, so die Forscher. So bleibe es oft an ihnen hängen, den Kontakt zu Behörden herzustellen. Ferner fungierten sie als Übersetzer oder organisierten privaten Sprachunterricht.

Für die Wissenschaftler ist dies eigentlich nicht die Aufgabe, die ehrenamtlichen Helfern zukommen sollte, findet Olaf Kleist, Mitautor der Studie, der am 'Refugee Studies Centre' an der Universität Oxford in Großbritannien arbeitet: "Wir sehen hier ganz deutlich die Gefahr, dass Ehrenamtliche Aufgaben übernehmen, die eigentlich von

staatlichen Stellen

übernommen werden sollten".

Politik hinkt hinterher

Die Wissenschaftler sehen deshalb die Politik, ebenso wie private Wohlfahrtsträger und Stiftungen verstärkt am Zug. "Bestehende Organisationen sollten ehrenamtliche Initiativen finanziell und mit Wissen unterstützen", fordert Olaf Kleist. Nur so könne die Hilfe, die jetzt vielfach spontan entstanden sei, verstetigt werden.

Zudem müssten sich vor allem Behörden besser auf Flüchtlinge einstellen. Egal ob beim Sozialamt, in Schulen oder Jugendämtern: Formulare und Behördengänge müssten so organisiert und strukturiert sein, dass Asylsuchende auch ohne Ehrenamtliche zu ihrem Recht kommen könnten.

Deutschland Erste Anlaufstelle für Flüchtlinge in Berlin

Verloren in der Schlange? Ohne Helfer kommen viele Flüchtlinge in Deutschland nicht klar. Versagen da die Behörden?

Um Sprachbarrieren abzubauen, empfehlen die Autoren ein System, das sich in Australien bewährt hat. So könne die Bundesregierung einen staatlich finanzierten telefonischen Übersetzungsservice einrichten. Dies hülfe Flüchtlingen im Umgang mit Behörden weiter. Studienautor Serhat Karakayali ist überzeugt: "Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit leben vor, wovon Politiker seit Jahren reden, nämlich den Wandel hin zu einer Willkommensgesellschaft in Deutschland."

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