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Musik

Der große Schüchterne: Kirill Petrenko

Der in Russland geborene, 43-jährige Dirigent wird Simon Rattles Nachfolger bei den Berliner Philharmonikern. Damit hat sich das Orchester für einen künstlerisch vielseitigen Musikperfektionisten entschieden.

Vor neun Jahren, im Frühling 2006, ging ich mit Kirill Petrenko durch Berlin. Zu diesem Zeitpunkt war er noch Chef der Komischen Oper und dirigierte gerade Mozart. Es war spät, aber er hatte noch Zeit für ein Interview. "Musik ist nicht zum Spaß da", sagte er anschließend im DW-Gespräch, "sondern dazu, dass wir ständig an uns arbeiten, auch das Tragische am Leben erkennen und dadurch womöglich bessere Menschen werden". Die Musik sei schlussendlich die höchste Form der Menschlichkeit.

"Ich will nie wieder ein Opernhaus leiten, man vergeudet viel zu viel Zeit mit dem administrativen Kram, das geht auf Kosten der Musik", sagte er, bevor wir uns verabschiedeten. Und: Man wird sich sicherlich bald zu einem größeren Interview treffen, das war ja ein so nettes Gespräch. Beide Versprechen hält er nicht: 2013 wird Petrenko Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, und Interviews gibt der "große Schweigsame" der Musikwelt immer seltener. "Der Maestro will sich einzig auf seine Tätigkeit als Dirigent konzentrieren", heißt es immer zur Begründung.

Der Perfektionist mit Herz und Verstand

Und das tut Petrenko tatsächlich: Ob in seinen Münchener Dirigaten oder in Bayreuth, wo er mit seiner "Ring"-Interpretation dem kriselnden Festival für eine Weile neuen Glanz verlieh und die Wagner-Fans in einen Glückstaumel versetzte. Die Sänger auf dem Grünen Hügel schwärmten von seinem selbstverneinenden Perfektionismus, stöhnten aber auch schon mal, dass der Maestro fast zu penibel sei. Stundenlang studierte Petrenko Wagners Partitur im Original, bei ihm muss jedes Sechzehntel genauestens sitzen. Vor allem aber beim Orchesterklang bewies Petrenko seine wahre Stärke: analytische Transparenz und Struktur mit einer bisweilen überwältigenden, emotionalen Wucht zu verbinden. Werktreue ist für Petrenko nie Selbstzweck, sondern immer ein Weg.

Auch in Bayreuth blieb er seinem Prinzip treu, das Menschliche als Überbegriff des Musikalischen zu deuten. So kommentierte er die jüngsten Zerwürfnisse in der Festspielleitung und den angeblichen Haus- und Hügelverbot für Eva Wagner-Pasquier mit den Worten: "Wo Wagner draufsteht, muss vor allem Mensch drin sein". Sein nun unvermeidlicher Weggang von den Wagner-Festspielen machte auch offensichtlich Raum frei, nicht nur im Terminkalender des Maestros, sondern womöglich auch in seiner Musikerseele, der es stets nach Großem dürstet.

"Sibirjak" mit Wiener Schule

Kirill Petrenko ist im sibirischen Omsk geboren. An seine Kindheit in der frostigen Stadt denkt er gern zurück, besonders ans Eishockey-Spielen, das dort von Oktober bis März im eigenen Hof möglich war. Dort wird das Musikerkind von seinen Eltern unterrichtet und kommt auch in den Genuss des vorzüglichen russischen Ausbildungssystems. Mit 11 Jahren debütiert er als Pianist, begleitet von den Omsker Symphonikern. Kirill ist 18, als die Perestroika beginnt und seine Eltern wie Tausende von Kulturschaffenden in Russland um ihre Existenz fürchten müssen. Sein Vater, ein Geiger, bekommt eine Stelle im Orchester des österreichischen Vorarlberg, die Familie reist 1990 aus.

Dirigent Kirill Petrenko (Foto: dpa)

Der Perfektionist: Kirill Petrenko

Wenige Jahre später startet Kirill als "Dirigenten-Wunderknabe" durch: Mit 25 wird er Kapellmeister an der Wiener Volksoper, mit 30 macht er in Meiningen mit seinem "Ring"-Marathon an vier aufeinanderfolgenden Tagen in der Musikwelt von sich reden. Auch in den darauffolgenden Jahren zeigt Petrenko keine Scheu vor einem Repertoire, das manches Mal als sperrig gilt: sei es die "Chowanschtschina" von Modest Mussorgski oder Hans Pfitzners "Palestrina".

Der Kompromisslose als Kompromiss

Bekanntlich konnten sich die Berliner Philharmoniker, diese in der ganzen Welt einmalige Musikerdemokratie, im ersten Wahlgang am 11. Mai nicht auf einen neuen Chef einigen. Auch wenn die Orchestermitglieder Details dieses turbulenten Tages nicht nach außen trugen, kann man davon ausgehen, dass es einen Zusammenprall unterschiedlicher Interessengruppen und Vorstellungen über die Zukunft des Orchesters gab. Es ist ja kein Geheimnis, dass vor allem die Streicher des Orchesters, die einmal als die besten des Landes galten, ihren Ruhm gern wiedererlangen möchten. In Zeiten des digitalen Fortschritts vermissen viele das eigentliche Musizieren.

Die Namen der abgelehnten Kandidaten werden aus verständlichen Gründen nicht genannt. Es ist jedoch klar, dass der kompromisslose Petrenko für die Berliner offensichtlich doch zur Kompromissfigur geworden ist und von der "überwältigenden Mehrheit" des Orchesters gewählt wurde.

Dass ein Musiker mit russisch-jüdischen Wurzeln zum Nachfolger von Wilhelm Furtwängler und Herbert von Karajan wird, ist ebenso symbolisch wie historisch gerecht.

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