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Amerika

Der große Krieg findet nicht statt

Zur Militärstrategie der USA nach den Terrorangriffen

Täglich wiederholt US-Präsident George W. Bush, der Krieg gegen den Terrorismus werde kein gewöhnlicher Krieg sein. Ein massive Invasion Afghanistans oder ferngesteuerte Vergeltungsschläge mit Marschflugkörpern könnten nicht die Antwort sein im Kampf gegen einen Feind, der kein Territorium besitzt und über Ländergrenzen hinweg operiert. Doch wie soll "Amerikas neuer Krieg", wie der Nachrichtensender CNN und Außenminister Colin Powell das Unternehmen "Dauerhafte Freiheit" auch bezeichnen, ablaufen?

Anthony Cordesman, einst an leitender Stelle im Außen- und Verteidigungsministerium tätig, arbeitet heute am Zentrum für Strategische und Internationale Studien in Washington. Er gilt als Experte für den Mittleren Osten und Militärstrategie und hat gute Verbindungen ins Weiße Haus. Cordesman warnt davor, mit schnellen Militärschlägen der USA zu rechnen.

"Wir reden nicht über ein großes Maß an Gewalt. Auch wenn wir gegen die Taliban Luftschläge durchführen, werden sie doch - verglichen mit dem Golfkrieg - relativ begrenzt sein. Wir reden vielmehr über Ausdauer und Militärschläge, wenn es eine klare Möglichkeit gibt und solange es nötig ist."

Folgendes Szenario ist seiner Ansicht nach wahrscheinlich: Zunächst werden Angriffe auf feststehende Ziele in Afghanistan erfolgen, etwa Kommunikationsanlagen, Munitionsdepots und Artillerie-Stellungen der Taliban. Danach werden Spezial-Einheiten mit Hilfe einheimischer Milizen der Nord-Allianz versuchen, Osama bin Laden und seine Privatarmee zu finden und auszuschalten. Wenn bin Laden sich tatsächlichen in den Bergen oder Höhlen versteckt halte, müsse man Geduld haben. Die USA, so Cordesman, hätten es nicht eilig.

"Irgendwann werden sie sich bewegen. Egal, wie gut ihre Sicherheitsvorkehrungen sind, früher oder später, wird es ein Zeitfenster geben."

Das schwierigste an der Mission sei nicht, Helikopter und Truppen nach Afghanistan zu bringen, meint der Militärexperte. Die Kunst in diesem neuen Krieg bestehe darin, genügend geheimdienstliche Erkenntnisse und Aufklärungsergebnisse über die Bewegungen von bin Ladens Terrorgruppe Al Qaida zu haben. Dabei setzt das Pentagon vor allem auf seine Spezialkräfte, die die Landessprachen beherrschen und von Tadschikstan und Usbekistan aus zusammen mit der Nordallianz operieren können. Bereits seit 1998 sind solche Spezialtruppen, von Präsident Clinton entsandt, in Afghanistan aktiv, glaubt Cordesman.

"Es braucht Zeit, die Truppen zu stationieren und Ziele aufzuklären. Wir hatten in den letzten zwei Jahren bereits Spezialtruppen in Afghanistan. Diesmal müssen die Anstrengungen sehr viel größer sein. Das braucht zeitlichen Vorlauf." Army-Ranger, Green Barets, Delta Force und andere Spezialkommandos sind in der Lage, mit Widerstandgruppen gegen die Taliban und Geheimdiensten der umliegenden Staaten wie zum Beispiel Pakistan zusammenzuarbeiten. Mit Hollywood-Romantik habe das aber nichts zu tun, meint Anthony Cordesman.

"Spezialtruppen sind nicht das, was sich die Leute so vorstellen. Sie sind keine Rambos. Es sind oft Hochschulabsolventen, die jahrelang in der Region ausgebildet wurden. Sie werden der Schlüssel in dieser Auseinandersetzung sein."

Es geht nicht nur um Osama bin Laden. Spezialoperationen mit dem Auftrag "Suchen und töten" sind in der gesamten Region denkbar. Davon müsse die Öffentlichkeit nicht unbedingt etwas mitbekommen. US-Präsident Bush habe ganz recht, wenn er sage, der Krieg finde im Schatten statt, sagt Militärexperte Anthony Cordesmann.

"Ein wirklicher Unterschied dieser Operation wird sein, dass vieles geheim gehalten wird. Es wird weniger davon in den Medien zu sehen sein als in der Vergangenheit. Manchmal kann die Operation, von der niemand etwas ahnt, die erfolgreichste sein. Die Botschaft, die man Terroristen senden will, benötigt keine Berichterstattung in den Medien, sondern einfach tote Terroristen."

Anthony Cordesman vom Zentrum für Strategische und Internationale Studien hält es für höchst unwahrscheinlich, dass die USA auf die NATO oder gar die Bundeswehr zurückgreifen mmüssen. Die einzige Armee in Europa, die in der Lage sei, diese schwierigen Operationen auszuführen, sei die britische.

Der Krieg werde nicht ohne Verluste abgehen, warnt Cordesman. Er berge auch ein hohes Risiko für die Stabilität im Mittleren Osten. Aber die Hände in den Schoß zu legen, sei keine Alternative.