1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik

Der große Europäer

In Deutschland hat der Vorstoß von Kommissionspräsident José Barroso, Helmut Kohl für Friedensnobelpreis vorzuschlagen, für Überraschung gesorgt. In Brüssel nicht.

default

Es war nur eine kleine, eine sicher überraschende, aber doch notwendige Frage. Warum, so fragte ich in einem Interview kurz vor dem Geburtstagsjubiläum der Europäischen Union den Kommissionspräsidenten Barroso, hat die EU eigentlich nie den Friedensnobelpreis erhalten? Eine, wie mir schien und scheint, berechtigte Frage. Denn die Vereinten Nationen beispielsweise haben in den letzten 50 Jahren zweimal den Friedensnobelpreis erhalten, auch die Ärzte zur Verhinderung des Atomkriegs, die UN-Friedenstruppen, die IAEO oder das Genfer Friedensbüro. Sicher alle honorig, aber nur die EU hat es in den letzten 50 Jahren geschafft, in ihrem sich ständig weitenden Kreis Frieden zu erhalten, zu bewahren und - und das ist eigentlich die größte Leistung - im Geist unmöglich zumachen. Und das auf einem Kontinent, der in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts in zwei schrecklichen Weltkriegen verstrickt war (von den anderen schrecklichen Kriegen der letzten tausend Jahre gar nicht zu reden). Und doch: Krieg zwischen Deutschland und Frankreich, zwischen England und Frankreich, zwischen Deutschland und Polen, zwischen wem auch immer unter den heute 27 Mitgliedern des Clubs, ist undenkbar geworden. Für die Generation der Europäer, die um 1890 geboren wurde, war Krieg mit dem europäischen Nachbarn, noch eine rationale Option, für die Generation der um 1970 Geborenen ist er undenkbar. Das ist ein Frieden, der längst hätte gewürdigt werden müssen - aber nie gewürdigt wurde.

Nie ausgezeichnet

Das gilt genauso für die großen Gründungsväter der europäischen Gemeinschaft. Für Monnet, Schumann, Spaak, Adenauer, de Gaulle, de Gasperi und andere. Sie haben sich (und die Deutschen dürfen dafür mehr als dankbar sein) über die Gräben und Gräbern von zwei verheerenden Kriegen schon Ende der 1940er Jahre begonnen, die Hände zu reichen - in der Montanunion wie dann in der EWG. Sie haben mehr erreicht als sie selbst jemals geträumt haben - und doch wurden sie nie ausgezeichnet. Ein unverständlicher Fehler, denn sie hätten ihn alle verdient. Auch für ihren Mut, denn sie haben damals den Weg zur friedlichen europäischen Einigung begonnen ohne besondere Rücksicht auf die Gefühle ihrer eigenen Völker. Und Holländer, Franzosen und Belgier haben sich durchaus schwer getan mit dieser EWG. Und mit den Deutschen in ihrer Gemeinschaft.

Dann eben für Kohl

Aber die Chance, die EU, ihre Gründungsväter zu würdigen - sie ist vertan. Deswegen wohl hat Barroso, nach erkennbarem Nachdenken im Interview mit der DEUTSCHEN WELLE, seinen Vorschlag gemacht (den er inzwischen auch in Oslo eingereicht hat), man solle doch Helmut Kohl den Friedensnobelpreis verleihen.

Ein Vorschlag, der in Deutschland wohl viele überrascht und erstaunt hat. In Brüssel dagegen nicht. Denn in Europa, genauer in der EG und der EU, ist Helmut Kohl respektiert und anerkannt. Kohl war ein überzeugter Europäer. Er hat sich strikt und ohne Wenn und Aber für die europäische Gemeinschaft eingesetzt. Er war bereit, nationale deutsche Souveränität wirklich zu opfern. Nur ein Beispiel: Sein Werben für den Euro. Er verstand sich als europäischer Deutscher und als deutscher Europäer. Und er hat in den 16 Jahren als Kanzler, die europäische Bühne nicht für nationale Alleingänge missbraucht. Er hat den Spaniern und den Portugiesen geholfen (man muss nur den Sozialisten Gonzales im Ruhestand befragen), Europa immer als Solidargemeinschaft begriffen. Die deutsch-französische Freundschaft verstand er als Herzkammer der EG. Und die kleinen Länder - sie waren für ihn nicht klein. Sie waren gleichberechtigt. Er hat bei ihnen niemals das Gefühl aufkommen lassen, sie säßen in der zweiten Reihe oder gar am Katzentisch. Legendär sein Art, in Europa Politik zu machen - per Telefon, per persönlichen Kontakt. Er hat es verstanden, Probleme nicht so groß werden zu lassen, dass man sie nicht mehr lösen konnte. Er hat Delors Idee des Binnenmarkts mitgetragen und allen das Gefühl gegeben, die EU nützt ihnen. Dafür hat er - ohne Frage - den deutschen Steuerzahler oft bluten lassen. Aber es war im betriebswirtschaftlichen "Neudeutsch": eine Win-Win-Situation für alle. Und deswegen ist der Vorschlag, Kohl für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen, in Europa nicht auf Erstaunen gestoßen. Denn in Brüssel und nicht nur dort hat Kohl oft Bella Figura gemacht und war kein Elefant im europäischen Porzellanladen. Ob Kohl den Friedensnobelpreis allerdings erhält, wird in Oslo entschieden - und auch erst nächstes Jahr. Denn für 2007 war die Frist schon abgelaufen.