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Wirtschaft

Der Glühlampen-David aus Sachsen

Der Markt für Energiesparlampen wird beherrscht von großen Marken wie Philips oder Osram. Mitten in diesem globalen Wettbewerb hält sich standhaft eine kleine Firma aus Sachsen: Die Leuchtmittelfirma NARVA.

Frau mit Designer-Lampe vor violettem Hintergrund (Foto: DPA)

So schön kann Energiesparlicht sein

N – für Stickstoff, AR für Argon, VA für Vakuum = NARVA. So hieß der volkseigene Betrieb (VEB), der den DDR-Bürgern Licht ins Haus brachte. NARVA stellte sämtliche Glühlampen und Leuchtstoffröhren her. Auch 20 Jahre nach der Wende kann man noch Lampen mit dem Aufdruck „NARVA“ kaufen. Viele von ihnen kommen aus einer Gegend, die seit Jahrhunderten für ihren Erzbergbau bekannt ist: aus Brand-Erbisdorf im sächsischen Erzgebirge.

Produktion von Energiesparlampen bei NARVA in Brand-Erbisdorf (Sachsen) Quelle: NARVA Lichtquellen GmbH

Produktion von Energiesparlampen bei NARVA in Brand-Erbisdorf (Sachsen)

Dass heute mehr als 7.000 Lampen pro Stunde die Produktionsanlagen von NARVA Brand-Erbisdorf verlassen, grenzt an ein kleines Wunder. Nach der Wende sah keiner der großen Lampenhersteller ein Potenzial in der 1966 errichteten volkseigenen Produktionsstätte. Und so beschlossen einige der ehemaligen VEB-Mitarbeiter, ihren Betrieb in Eigenregie fortzuführen. Aus anfänglich drei unterschiedlich langen Leuchtstoffröhren in fünf Leuchtfarben sind mittlerweile mehr als 150 verschiedene Produkte geworden - vom Sonnenkollektor aus Glas bis zur Energiesparlampe. Der Umsatz liegt bei 30 bis 35 Millionen Euro pro Jahr.

Zu teuer für den Einzelhandel

Dennoch ist der deutsche Leuchtenhersteller ein Außenseiter. Mit den großen Lampenherstellern in Fernost könne man nicht konkurrieren, meint Dietmar Mattheß, Marketingleiter der Firma. Im Einzelhandel beispielsweise, wäre man durchaus gern besser vertreten, gibt er zu. Doch während eine Fernost-Energiesparlampe für 2,95 Euro über den Ladentisch geht, bekommen die Sachsen, die auf dem europäischen Markt produzieren, für diesen Preis gerade mal das Material. Daher, so Mattheß, sehe man seine Stärken im Geschäft mit Industrieanlagen oder im Großhandel.

Keine „Allerweltslampen“

NARVA ist ein typischer Nischenproduzent. Aus der Not haben die Brand-Erbisdorfer eine Tugend gemacht. Geholfen hat ihnen dabei auch die alte DDR-Struktur. Denn das Werk verfügt seit 1971 über ein eigenes Glaswerk. Das sei einzigartig in der Branche, so Mattheß. Die "global player" arbeiten alle mit Zulieferern. Durch das eigene Glaswerk können sehr kurzfristig individuelle Lösungen für Kunden gefertigt werden. Vom Glasguss bis zur verpackten Lampe kommt hier alles aus einem Haus.

NARVA-Leuchtstofflampen in verschiedenen Farben Quelle: NARVA Lichtquellen GmbH

Viele Farben: Produktpalette von NARVA

Der andere Standortvorteil sind die hoch qualifizierten Mitarbeiter. Der 330-Mann-Betrieb gönnt sich sogar eine achtköpfige Entwicklungsabteilung. Deren Chef ist Jürgen Meltke. Der Chemiker arbeitet seit DDR-Zeiten bei NARVA. In Meltkes Labor flimmert und leuchtet es rund um die Uhr. Lampen und Leuchtstoffröhren, im Volksmund Neon-Röhren genannt, in unterschiedlichsten Formen und Farben laufen hier im Dauertest, werden an- und ausgeschaltet und in einer riesigen Metallkugel von drei Metern Durchmesser auf ihre Leuchtintensität getestet. Da Lichtempfinden sehr subjektiv ist, arbeitet NARVA seit einigen Jahren zudem mit der Berliner Charité zusammen. Testpersonen entscheiden darüber, ob ein Licht angenehm oder unangenehm ist.

Auf der Suche nach dem perfekten künstlichen Licht

Noch spüren die Brand-Erbisdorfer keinen Anstieg der Nachfrage durch das Glühlampenverbot, das seit dem 1. September 2009 gilt. Aber der Hersteller von Neon-Röhren und Energiesparlampen ist bestens vorbereitet. Denn die Brand-Erbisdorfer haben sich - offensichtlich als einziger Hersteller weltweit - einem der größten Kritikpunkte an Energiesparlampen angenommen, der da heißt: das Licht sei zu grell, zu unangenehm. Energiesparlampen sind letztlich nichts anderes als die gute alte Neonröhre in neuer Form: ein mit Gas gefüllter Glaskolben, der mit einem Leuchtmittel beschichtet ist. Von Beschichtung und Temperatur hängen unter anderem die Leuchtstärke und die Leuchtfarbe ab. Daran hat man bei NARVA gearbeitet: Die Neuentwicklung aus dem Hause leuchtet nämlich fast so schön wie eine klassische Glühlampe.

Innenteile einer Energiesparlampe Quelle: NARVA Lichtquellen GmbH

Auf die inneren Werte kommt es an

Die neue Lampe macht "warmes" Licht bei etwa 2.700 Kelvin, erklärt Jürgen Meltke. Damit sei man sehr nah dran an der Glühlampe. Ein identisches Produkt sei es natürlich nicht. Ziel von Meltke und Kollegen ist ein künstliches Licht, dass dem natürlichen am nächsten kommt - auch biologisch gesehen. Dabei sei blaues Licht zu Unrecht in Verruf geraten. Blaues Licht stoppt die Melantonin-Ausschüttung, also des Schlaf-Hormons. Damit macht dieses Licht den Menschen fit. Die Sonne ist das Vorbild, meint Meltke. Die sei am Mittag hell und bläulich und erst am Abend, zum Ausklang des Tages, zur Entspannung sozusagen, kommt das schöne Abendrot.

Gutes Gespür für richtiges Licht

In der sogenannten Ullrich-Kugel wird die Lichtintensität gemessen Quelle: NARVA Lichtquellen GmbH

Testlabor: In der sogenannten Ullrich-Kugel wird die Lichtintensität gemessen

Noch gibt es die neu entwickelte Lampe nicht zu kaufen. Zwar ist die Null-Serie produziert, also die erste Serienproduktion zu Erprobungszwecken, die aber nie in den Handel kommt. An der Marktstrategie wird aber noch gefeilt. Mit der Energiesparlampe mit dem Glühlampenlicht könnten die Brand-Erbisdorfer einmal mehr ihr Gespür für das richtige Licht beweisen. Das gelang schon einmal, Anfang der 1990er Jahre: Damals brachten sie als erster Hersteller weltweit eine Energiesparlampe in Spiralform auf den Markt. Die Spiralform, erläutert Dietmar Mattheß, garantiere eine optimale Lichtverteilung. Zunächst wurden die ehemaligen volkseigenen Lampenhersteller für ihre ungewöhnliche Form von den Mitbewerbern belächelt - heute hat jeder große Hersteller die Spiralform im Angebot, sagt Dietmar Mattheß. Dabei lächelt er nun - ein wenig triumphierend und sehr zuversichtlich.

Autorin: Secilia Pappert

Redaktion: Henrik Böhme

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