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Amerika

Der gläserne Wähler

US-Präsident Obamas Wiederwahl 2012 gelang dank perfekter Organisation - und dank eines Strategen, der über die Erfassung unzähliger Daten Wählerprofile erstellte. Diese Methode hat weitreichende Konsequenzen.

Als sich US-Präsident Barack Obama 2012 zum zweiten Mal um das höchste Amt bewarb, waren seine Aussichten auf Wiederwahl eher düster. Viele Amerikaner fanden, das Land würde sich zu langsam von der schlimmsten Wirtschaftskrise seit der "Großen Depression" in den 1930er Jahren erholen. Trotzdem konnte Obama seinen Wohnsitz in der Pennsylvania Avenue 1600, dem Weißen Haus, für weitere vier Jahre behalten.

Jim Messina ist der Mann, dem man dafür danken oder böse sein muss. Das zumindest glauben viele Politikbeobachter in Washington und im ganzen Land.

Obamas computeraffiner Kampagnenmanager von 2012 empfindet eine beinahe grenzenlose Zuneigung für Datensammlungen. Um sicherzustellen, dass sein Boss den Republikaner Mitt Romney besiegen würde, erschuf Messina ein wahres Datenmonster. Dessen Ziel: Finde, archiviere und organisiere jede verfügbare Information über potenzielle Obama-Wähler, um sie dazu zu bringen, Obama Geld zu spenden und ihm ihre Stimme zu geben.

Nach ein paar Monaten hatte das Team-Obama ungefähr 800 Einzelinformationen zu jedem Wähler gesammelt. Messina hatte damit neue Sphären in der jahrzehntealten Strategie des "Mikrotargeting" erreicht. Dieses Konzept besteht darin, die Bevölkerung durch verschiedene Analysen in Zielgruppen einzuteilen, um sie gezielter mit Werbung zu erreichen.

Wahrscheinlichkeitstheorie als Mittel zum Sieg

Damit hatte Messina praktisch jeden Lebensbereich potenzieller Obama-Unterstützer offengelegt: Welche Magazine liest diese Person? Benutzt sie ein iPhone oder ein Android-Handy? In welche Kirche geht sie? Welches Auto fährt sie? Sogar Facebook-Updates und Twitter-Status wurden abgezapft und auf politische Präferenzen überprüft.

"Auf Basis dieser Datensammlung, erstellt man zu jeder Person ein Profil", sagt Herb Asher, ehemaliger Professor an der Universität von Ohio und Experte für Wahlkampfkampagnen. "Man arbeitet mit der Wahrscheinlichkeitstheorie: Geht eine Person in eine fundamentalistische Kirche, liest sie konservative Nachrichtenmagazine und ist Mitglied der Waffen-Lobby NRA, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass diese Person sich für einen konservativen Kandidaten entscheiden, wenn man sie dazu bringt zu wählen."

Hauptorganisator der Obama Wahlkampagne 2012 Jim Messina mit Obama (Foto: MANDEL NGAN/AFP/Getty Images)

Messina und Obama: Sag uns, welches Auto und du fährst und wir wissen, ob du uns wählst

Mithilfe komplizierter Algorithmen, werden in den USA für Wahlkampagnen große Datenmengen gesammelt, um sie in sozialen Netzwerken und Werbespots für individuelle Botschaften einzusetzen - all das in einem Land mit 320 Millionen Einwohnern. Seit Messina Obama zu weiteren vier Jahren im Amt verholfen hat, setzt er sein Talent schon an weiteren Stellen ein. Er arbeitete für den britischen Premierminister David Cameron während des britischen Wahlkampfes 2015.

2017 will er in Deutschland der SPD dabei helfen, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) von ihrem Posten zu verdrängen. Doch während der gewitzte Stratege sicherlich wertvolle Tipps geben kann, wird die SPD seine Methode nicht im selben Maße umsetzen können, wie Obama vor vier Jahren. Aufgrund der strengen Gesetze zum Persönlichkeitsrecht und zum Datenschutz wird eine umfassende Datensammlung hier eher eine "Mission Impossible".

Nicht so in Messinas Heimat, wo er aktuell Hillary Clinton bei ihrem Kampf um den Einzug ins Weiße Haus unterstützt. " Es gibt keine Privatsphäre", so Herb Asher.

Eine technologische Revolution

Mit Daten Wählern Stimmen abzuknöpfen - wie gerissene Strategen ihr Vorgehen bezeichnen - hat in den USA eine lange Tradition. "In den 1980er Jahren hat man dafür Karteikarten benutzt", sagt Nicco Mele, der 2004 den Gebrauch von Technologie im Wahlkampf populär machte. Mele war damals verantwortlich für die Präsidentschaftsbewerbung des Demokraten Howard Dean. "Damals führte man eine Karteikarte zu jedem Wähler in der Nachbarschaft. Wenn sie eine Fünf waren, dann haben sie einen wahrscheinlich gewählt. Waren sie eine Drei, bedeutete das unentschieden."

USA: Wähler in Wahlkabinen (Foto: FREDERIC J. BROWN/AFP/Getty Images)

Mehr Daten mehr Macht: In Deutschland hat diese Methode wegen strenger Datenschutzregelungen kaum eine Chance

Laut Mele ist das Wichtigste auch heute noch die Registrierung der Wähler und die Wahrscheinlichkeit, ob sie Geld für die Kampagne spenden oder nicht. Er räumt aber ein, dass Informationen über Magazin-Abonnements, Handy-Präferenzen und die Wahl des Autos dabei helfen können, das Bild eines potenziellen Unterstützers zu vervollständigen. Doch wie kommt man an diese Daten, wenn die Wähler sie nicht freiwillig rausgeben? Die Antwort ist simpel. Man kauft sie sich.

Daten gegen Geld: Alles für die Wählerstimme

Über Jahre haben einzelne politische Landesverbände und Non-Profit-Organisationen wie "Planned Parenthood" Methoden zur Datensammlung entwickelt. In Iowa haben die Demokraten ihre gesamten Wähler-Informationen auf der Plattform "The Van" zusammengefasst.

Für eine Spende ab 75.000 Dollar aufwärts bekommt man Einblick in die bisherige Wahlbeteiligung des Einzelnen oder die politischen Präferenzen, die er oder sie mal geäußert hat. Um noch mehr zu erfahren, müssen die politischen Strategen aber noch einen Schritt weiter gehen. Laut Nicco Mele gibt es verschiedene Wege für profitorientierte Unternehmen wie Verlage, die laschen Regelungen über die Weitergabe von Kundeninformationen an Dritte zu umgehen und sie dann weiterzuverkaufen.

So würde man bei einem Abonnement der New York Times eigentlich eine Nutzungsbedingung unterschreiben, doch irgendwann bekäme man die Aufforderung an einer Umfrage über die Kunden-Zufriedenheit teilzunehmen. Die daraus entstehenden Daten fielen dann in eine andere Kategorie und könnten anschließend verkauft werden. Wahlkampfbetreiber, sagt Mele, bezahlten früher bis zu 150.000 Dollar pro Monat, um Zugang zu ständig aktualisierten Datenbanken zu haben. Heute liege der Betrag wahrscheinlich weitaus höher.

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