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Tour de France

Der geplatzte Traum von Gelb

Auf den regennassen Straßen von Düsseldorf verliert Tony Martin acht Sekunden, die ihm die Welt bedeuten. Der Zeitfahrweltmeister scheitert beim Tour-Auftakt an seinen eigenen Ansprüchen - er hat aber noch eine Chance.

Wie eine Schlinge zieht sich die Menschentraube um ihn zu, scheint ihm die Luft zum Atmen zu nehmen, die ihm ohnehin gerade fehlt. Tony Martin ist Sekunden zuvor zum Stehen gekommen, lehnt sein Rad an eine Hauswand und setzt sich erschöpft auf den Bordstein. Von seinem gesenkten Kopf tropft ein Gemisch aus Schweiß und Regen auf den Asphalt unter ihm, während die Reporter ihn umlagern. In diesem Moment erfährt er sein Resultat im Auftakt-Zeitfahren der Tour de France: Platz vier, acht Sekunden hinter Etappensieger Geraint Thomas. "Puh, das ist auf jeden Fall eine Hausnummer", sagt Martin und schüttelt dabei resigniert den Kopf. "Der Regen hat es etwas unrhythmisch gemacht. Ich denke, das hat mir das Genick gebrochen. Auf den letzten Kilometern konnte ich nicht mehr beschleunigen. Ich muss diesen Tag erst einmal verarbeiten."

Der Puls vermutlich noch bei 180 und doch schon im Analysemodus. Tony Martin kennt seinen Körper und er kennt diese Disziplin. Das Zeitfahren ist seit Jugendtagen sein Spezialgebiet, Hunderte Male hat er bereits gegen die Uhr und seinen inneren Schweinehund gekämpft. Vier Mal wurde er Weltmeister und trägt das Regenbogentrikot auch in dieser Saison. Er weiß schon in diesem Moment, wo er die acht fehlenden Sekunden hat liegen lassen: In den nassen und glitschigen Kurven musste er abbremsen und danach wieder scharf antreten. Genau diese Rhytmuswechsel mag Tony Martin nicht. Er liebt die langen Highspeed-Geraden, auf denen er seine Kraft voll ausspielen kann.

"So ist Radsport"

"Das Beschleunigen aus diesen geringen Geschwindigkeiten hat mir den Zahn gezogen", ist sich Martin nur Momente nach dem Rennen bereits sicher. "Hinten heraus ist mir der Akku dann ausgegangen. Auf den letzten Kilometern konnte ich nicht mehr beschleunigen. So ist Radsport." So nüchtern der siebenfache deutsche Zeitfahr-Meister klingt, so enttäuscht ist er in Wahrheit. Ein knappes Jahr hat er sich auf diesen Tag vorbereitet. Er studierte den 14 Kilometer langen Kurs, den der Düsseldorfer Ex-Profi und Grand-Départ-Streckenchef Sven Teutenberg für ihn maßschneiderte, mehrfach. Und er legte die Messlatte selbst ganz nach oben: Gelb oder nichts.

Die Wettanbieter hatten ihn vor dem Rennen zum Favoriten erklärt, für die deutschen Fans an der Strecke war er es ohnehin. Die Experten waren da weniger einig. Die Tatsache, dass Tony Martin bei Zeitfahren der Algarve-Rundfahrt, der Belgien-Rundfahrt und zuletzt beim Critérium du Dauphiné jeweils "nur" Zweiter wurde, ließ manchen Beobachter an seiner Verfassung zweifeln. Auch die Position auf seinem neuen Rad sei noch nicht ideal, hieß es. Ex-Profi Jens Voigt sagte am Vorabend: "Er hatte bei der Deutschen Meisterschaft nur ein paar Sekunden Vorsprung. Das war kein gutes Zeichen."

Zwei Fahrer landen im Krankenhaus

Dabei sieht zur Mitte des Rennens alles noch gut aus. Zur Zwischenzeit nach 8,1 Kilometern kommt Martin als Erster - angefeuert von Tausenden Zuschauern, die trotz Dauerregens stundenlang an der Strecke ausharrten. Tony Martin hat zwischendurch sogar Zeit, die "fantastische Atmosphäre" zu genießen. "Es war so laut unterwegs, ich habe den Teamfunk gar nicht gehört und wusste überhaupt nicht, was los ist. Die Begeisterung war toll", so der Katusha-Profi, der trotz der frenetischen Unterstützung vom Straßenrand einen kühlen Kopf behält. Er riskiert in den rutschigen Kurven nicht zu viel.

Düsseldorf Tour de France Sturz Spanier Alejandro Valverde (picture-alliance/AP Photo/P. Dejong)

Nach dem Sturz ist für Alejandro Valverde die Tour beendet.

Andere gehen ein höheres Risiko: Mehrere Fahrer rutschen auf der nassen Fahrbahn weg und stürzen. Für die Spanier Alejandro Valverde und Ion Izagirre endet der Tag mit Knochenbrüchen im Uniklinikum von Düsseldorf. Für beide ist die Tour de France bereits am ersten Tag beendet.

Heile ins Ziel gekommen zu sein, ist für Martin heute nur ein schwacher Trost. "Die Chance ist vorbei", sagt er nüchtern und rollt auf seiner Zeitfahrmaschine langsam davon. Er wollte Historisches schaffen und auf deutschem Boden das Gelbe Trikot erobern. Mit nur acht Sekunden bleibt das Trikot des Führenden allerdings in Sichtweite. Mit einer erfolgreichen Flucht in den kommenden Tagen könnte es doch noch klappen mit dem Traum von Gelb.

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