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Nahost

Der geheime Brief des Sultans von Oman

Omans 73-jähriger Sultan Qabus ist seit Monaten krank, hat aber keinen Nachfolger bestimmt. Im Todesfall wird vermutlich erst eine Art Testament des Sultans über die Thronfolge entscheiden.

Omans Herrscher Sultan Qabus bin Said al Said hat schon lange nicht mehr auf seinem Thron gesessen. Im Juli reiste der Monarch zur medizinischen Behandlung nach Deutschland. Das Herrscherhaus verbreitete Anfang Oktober, es gehe dem 73-Jährigen gut. Doch die Zweifel daran werden lauter. Damit wachsen die Sorgen, was nach dem Langzeitherrscher in dem Golfstaat kommt. Qabus hat keinen Sohn. Es gibt auch keinen Kronprinzen. Stattdessen soll der Monarch seinen Wunschnachfolger in einem geheimen Brief benannt haben. Ob das für eine reibungslose Thronfolge ausreicht, ist unklar.

Als Qabus 1970 die Macht übernahm, war der Oman einer der rückständigsten Staaten der arabischen Welt. Es gab nur wenige Schulen, auf die nur Jungen gehen durften. Die große Mehrheit der Bevölkerung war arm. Der junge Spross einer alten Herrscherdynastie hatte an der britischen Militärakademie Sandhurst gelernt und war als Offizier der Rheinarmee in Deutschland stationiert. In den Jahrzehnten an der Macht verwandelte er den Oman in ein vergleichsweise wohlhabendes und modernes Land. Die Einnahmen aus der Ölförderung und später dem Tourismus halfen ihm dabei.

Der Sultan hat alle Macht

Die politische Macht blieb jedoch fest in der Hand des Sultans. Nach Einschätzung von Andreas Krieg, Professor am Londoner King's College und Experte für die Golfstaaten, hat Qabus ein sehr autokratisches Herrschaftssystem etabliert - selbst im Vergleich zum benachbarten Saudi-Arabien. Die Kompetenzen der meisten Ministerien liegen direkt beim Regenten. In Saudi-Arabien seien die Ministerien auf einen engen Kreis von Familienmitgliedern verteilt. Im Oman sei das anders. "Selbst innerhalb der Familie gibt es keine Teilung der Macht", sagt Krieg im DW-Gespräch.

Eingang des City Center in der omanischen Hauptstad 2012 (Foto: DW/A. Allmeling)

In den vergangenen Jahrzehnten wurde Oman zu einem vergleichsweise modernen Staat

Für Giorgio Cafiero, Forschungsdirektor von Gulf State Analytics, dürfte gerade diese Machtfülle zum Problem für einen Nachfolger werden. Im Nahost-Onlineportal "Al-Monitor" erklärt Cafiero: "Da fast alle politische Macht im Oman in den Händen von Qabus liegt, führt das Fehlen eines starken zweiten Mannes zu Spekulationen, ob ein möglicher Nachfolger die gleiche Legitimität wie Qabus haben kann." Es dürfte schwer werden, in die großen Fußstapfen des noch amtierenden Herrschers zu treten.

Wie krank Qabus ist, wird als Staatsgeheimnis behandelt. Angeblich hat er Krebs. Wenn er eines Tages sterben wird, soll sich die königliche Familie laut Verfassung binnen drei Tagen auf einen Nachfolger einigen. Krieg glaubt nicht, dass das gelingen wird. In diesem Fall kommt der Verteidigungsrat ins Spiel, der dann auf der Grundlage des Briefs des Sultans entscheiden soll. Krieg zufolge hat Qabus vermutlich längst seine Wahl getroffen. Der Forscher berichtet von omanischen Gerüchten, dass es zwei Kopien des Schreibens geben soll, eine im Sultanspalast in der Hauptstadt Maskat und eine im Palast im südomanischen Salala.

Omanis wissen wenig über Vorgänge im Palast

Warum der Sultan ohne einen Kronprinzen regiert, bleibt rätselhaft. Vielleicht hat er seine eigene Geschichte vor Augen. 1970 hatte Qabus seinen Vater vom Thron geputscht. Wie die Entscheidungen im Palast zustande kommen, erfahren die drei Millionen Einwohner des Oman nicht. "Selbst Omanis wissen nur sehr wenig von dem, was hinter den Palasttoren vor sich geht", sagt Krieg, der als Dozent auch die Streitkräfte von Katar unterrichtet.

Bei einem Großteil der Bevölkerung ist Qabus sehr beliebt. Die Omanis vertrauen der Führung ihres Herrschers, erläutert Krieg. "Sie glauben, wen auch immer der Sultan oder seine Familie als Nachfolger bestimmen, er wird der geeignete Kandidat sein, den Kurs der vergangenen vier Jahrzehnte fortzusetzen."

Sultan Qabus und Irans Präsident Rohani 2013 in Teheran (Foto: ISNA)

Im vergangenen Jahr besuchte der Sultan den iranischen Präsidenten Hassan Rohani (r.)

Darauf hoffen auch die Nachbarstaaten in der Region. Der Sultan hatte sein Land mit einer geschickten Außenpolitik sowohl zum Verbündeten des Westens als auch zum Ansprechpartner des Iran gemacht. Außerdem gehört das Sultanat zum Golf-Kooperationsrat, in dem Saudi-Arabien den größten Einfluss hat. Oman und der Iran grenzen an die Straße von Hormus am Ausgang des Persischen Golfs. Über diese Wasserstraße läuft ein beträchtlicher Teil der weltweiten Ölversorgung. Dort will niemand einen instabilen oder unberechenbaren Staat. Nahost-Analytiker Cafiero rechnet nicht mit einem Kurswechsel: "Es gibt wenig Grund zu der Annahme, dass Omans nächster Herrscher die Außenpolitik drastisch verändern wird, egal wie viele Unruhen es im Inneren geben könnte."

Die größten Herausforderungen für den Mann, der irgendwann den Thron von Qabus übernehmen wird, liegen im Landesinneren. Die Zukunftsaussichten für die Wirtschaft verdüstern sich. Damit dürfte es schwieriger werden, die Zufriedenheit der schnell wachsenden Bevölkerung sicherzustellen. Laut Golfstaaten-Experte Krieg werden die Löhne nicht mehr nennenswert steigen können. Die Subventionen für Öl und Lebensmittel müssten zurückgefahren werden. Die Arbeitslosigkeit werde zunehmen. Das alles könnte Unruhen erzeugen. "Wer auch immer Nachfolger wird, hat sehr schwierige Rahmenbedingungen", prophezeit Krieg.

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