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Kultur

Der gebeutelte Held

Die dünnen Männer in den zu großen Anzügen fliegen wieder: Bei der diesjährigen Vier-Schanzen-Tournee wird die große Sven Hannawald-Show inszeniert. Die Leistungen des Superstars sind hingegen wechselhaft.

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Sven Hannawald im Anflug auf die Zugspitze

Sven Hannawald war 28 und damit in seiner Sportart schon fast ein alter Mann. Dann kam die Vierschanzen-Tournee 2002 und Hannawald wurde von einem leidlich bekannten Ski-Springer zu einer Legende. Er besiegte einen Nimbus: Noch nie hatte ein Springer geschafft, in einem Jahr alle vier Springen zu gewinnen. Hannawald schaffte es. Beim 50. Jubiläum der Tournee. Mit einer perfekten Dramaturgie: Den fulminanten Angriff des Finnen Matti Hautamäki musste Hannawald als letzter Springer beim letzten Springen mit seinem letzten Sprung abwehren. Er schaffte es – und schrieb damit Sportgeschichte.

Sven Hannawald nach seinem zweiten Sprung bei Skisprung World Cup

Mit ernstem Blick schaut Sven Hannawald nach seinem zweiten Sprung bei Skisprung World Cup am Samstag, 14. Dezember 2002, in Titisee-Neustadt. Hannawald kam auf den 17. Platz.

Hannawald rückte in die Riege der deutschen Sportheroen Schmeling, Seeler, Beckenbauer, Becker, Schumacher und Ulrich auf. Mit all den Begleiterscheinungen: Die Superlative der Medien, Fernsehauftritte, Werbeaufnahmen, Unmengen von Fanpost, Interviews, das Ende der Privatsphäre, das viele Geld – und nicht zuletzt eine Unmenge von Heiratsanträgen.

Die Sache mit dem Kopf

Bis dahin galt der "Adler mit dem Engelsgesicht" ("Bunte") eher als Gebeutelter. Mal prellte er sich die Nieren, mal erschütterte er sich das Hirn. Vor allem aber psychisch schien es nicht hinzuhauen mit der ganz großen Springerkarriere: Im Gegensatz zu seinem Konkurrenten, Freund und Kollegen Martin Schmitt galt Hannawald als grüblerisch, zweifelnd, zaudernd. Zeitweise häuften sich bei den auf 184 Zentimetern verteilten 60 Kilogramm Körpergewicht die Anzeichen von akuter Magersucht. "Wenn er den Kopf frei hat, springt er vorn mit", war die stete Überzeugung von Hannawalds Heimtrainer Wolfgang Steiert. Und so war es: Hannawald wurde zweimal Weltmeister. Nur der Kopf war eben nicht allzu oft frei. Die einzige Konstante in seiner Karriere sind die regelmäßigen Abstürze nach Höhenflügen.

Nach seinen historischen Hüpfern der letzten Vierschanzen-Tournee war jedoch davon nicht mehr viel die Rede. Im Mittelpunkt stand der Werbestar und Mädchenschwarm Hannawald. Der Boulevard rätselte, warum es immer noch keine Frau an seiner Seite gibt. In seiner erzgebirgischen Heimat war man etwas verstimmt, weil der "Winter-Schumi" ("Spiegel") sich so perfekt im Schwarzwald assimiliert hatte.

Er spricht inzwischen fast so authentisch wie der dort geborene Martin Schmitt – wahrscheinlich lässt sich Hannawald mit dem süddeutschen Akzent eben doch deutlich besser vermarkten als mit dem seiner sächsischen Heimat Erlabrunn. Dort kam auch der große Jens Weißflog her. Dessen breitestes Sächsisch - die Älteren werden sich erinnern – drückte seinen Werbewert erheblich. Sprechrollen in Werbeclips waren für Weißflog undenkbar.

Zusammenbruch des Systems

Mit dem Beginn der diesjährigen Weltcup-Saison kam zunächst aber der große Absturz. Hannawald kam beim ersten Weltcup-Springen im finnischen Kuusamo zweimal bei der Qualifikation nicht unter die ersten 30. Erklärungen wurden vom Heimtrainer Steiert (Hannawald: "Mein zweiter Vater") gleich ein ganzes Bündel geliefert: Die 25 Grad Minus. Der Wind. Der Ski. Die Knie-Operation im Sommer. Jedenfalls sei Hannawalds "Flugsystem zusammengebrochen", wie Steiert meint.

Es folgte Wettkampfpause und Einzeltraining und, oh Wunder, unmittelbar vor der Vier-Schanzen-Tournee meldet sich "Hanni" zurück. Er gewann kurz vor Weihnachten das Welt-Cup-Springen in Engelberg und wurde zum Sportler des Jahres 2002 gewählt - ein perfektes Timing. Sponsoren, Fans und RTL dürfen sich freuen: Der Fernsehsender hatte es unter Aufbietung von Unmengen von Technik und Günter Jauch geschafft, Skispringen von einer eher beschaulichen Veranstaltung zu einem Event und so zum deutschen Fernsehsport Nummer drei zu machen – hinter Fußball und Formel Eins. Fantastische Einschaltquoten gelten bei der diesjährigen Hannawald-Show als sicher.

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