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Nahost

Der Gaza-Krieg und die Deutschen

Der Nahost-Konflikt spaltet die deutsche Gesellschaft: Manche haben Verständnis für das harte israelische Vorgehen im Gazastreifen - Andere haben dies nicht. Peter Philipp kommentiert:

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Israelkritische Demonstrationen als Begleitung neuer bewaffneter Auseinandersetzungen in Nahost hat es in deutschen Städten auch in der Vergangenheit gegeben. In der Regel war die Beteiligung an Solidaritäts-Kundgebungen für Israel dann aber größer. Mit dem Krieg im Gazastreifen hat dieses Bild sich verkehrt. Tausende demonstrieren gegen das israelische Vorgehen, Hunderte nur stehen unbeirrt hinter Israel. Umgerechnet auf die Gesamtbevölkerung sind beide Gruppen nur eine kleine Minderheit. Was aber nicht heißt, dass die Mehrheit nur an Wirtschaftskrise, Freizeit und den nächsten Urlaub dächte: Der Krieg in Gaza hat tiefe Spuren in der deutschen Gesellschaft hinterlassen und das Ansehen Israels hat irreparablen Schaden genommen.

Deutsche mit schlechtem Gewissen?

Nahost-Experte Peter Philipp (Foto: DW)

Peter Philipp, Nahost-Experte der Deutschen Welle

Schnell sind nun die selbsternannten Verteidiger Israels bei der Hand, die es "ja immer schon gewusst hatten": Dass die Israel-Freundlichkeit der Deutschen während der letzten Jahrzehnte doch nur eine Scharade war, mit der das schlechte Gewissen für die Vergangenheit den angeblich weiterhin latenten Antisemitismus überdecken sollte. Natürlich gibt es auch weiterhin Antisemiten in Deutschland und das ist schlimm. Und es ist bei ihnen längst Mode, den kranken Hass als legitime Kritik an Israel zu bezeichnen. Die breite Mehrheit derer aber, die nun aus Empörung über unangemessene Gewalt und mögliche Kriegsverbrechen auf die Straße ziehen, haben früher gegen Antisemitismus und dann gegen Fremdenfeindlichkeit protestiert. Sie sind der gute und starke Kern einer Gesellschaft, die nichts mehr gemein hat mit der Deutschlands vor 75 Jahren.

Krieg und Gewalt sind keine Lösung

Selbst wenn die meisten von ihnen zu jung sind, um ihre eigene Erfahrung damit gemacht zu haben: Sie lehnen Krieg und Gewalt ab. Im Irak, in Afghanistan, im Libanon und nun auch in Gaza. Sie wissen, dass es keinen gerechten Krieg gibt und Krieg keine Lösung bringt, sondern meist nur wieder Krieg. Israel und auch die bisherige US-Regierung haben das nie gelten lassen, obwohl beide doch auch immer wieder erfahren mussten, wie zutreffend diese Erkenntnis ist.

So wurde – wenn auch zum Glück in ganz anderen Dimensionen – aus dem "Nie wieder!" nach dem Zweiten Weltkrieg ein "Immer wieder". Wobei der immer schwelende und gelegentlich vulkanartig ausbrechende Konflikt meist die wahren Hintergründe verdeckte und zudeckte. So wurde kurz nach dem Sechstagekrieg der junge deutsche Journalist in Jerusalem ermahnt, er dürfe auch in seiner aktuellen Arbeit Auschwitz nie vergessen. Und so werden Berichterstatter nicht erst heute und auch nicht nur hier daran gehindert, die Realität vor Ort mit eigenen Augen zu sehen.

Gefühle statt Fakten

Trotzdem hat aber gerade diese Berichterstattung natürlich die Empörung der Bevölkerung verstärkt. Selbst wenn man nur einen Teil sieht und erfährt – es ist mehr als genug. Geduld, Toleranz und Sympathie werden dadurch allzu sehr strapaziert. Nur: Die Stimmung im Volk reicht noch nicht. Sie ist auch meist mehr von Gefühl bestimmt als von Fakten. Beides zusammenzubringen und in Lösungskonzepte umzusetzen, das ist Aufgabe der Politiker. Auch in Deutschland. Noch zu Beginn des Gazakrieges ließen die meisten Politiker aber die gewohnte "political correctness" walten und stellten sich hinter Israel. Sie taten damit niemandem ein Gefallen. Auch Israel nicht.