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Sport

Der ganz normale Everest-Wahnsinn

In diesem Frühjahr wurde der Mount Everest mehr als 500 Mal bestiegen. Zehn Menschen starben, darunter zwei deutsche Bergsteiger. Die Probleme am höchsten Berg der Erde sind hausgemacht.

Südseite des Mount Everest. Foto: Stefan Nestler

Nepalesische Südseite des Mount Everest

Das kann nicht gut gehen. In einer langen Schlange steigen am Samstag, dem 19. Mai, Bergsteiger in Richtung Gipfel des Mount Everest. Staus bilden sich an den Schlüsselstellen auf dem Südgrat. Unter denen, die den höchsten Punkt auf 8850 Metern bereits erreicht haben und absteigen, ist der Deutsche Richard Stihler. Am Hillary-Step, einer Kletterstelle hundert Höhenmeter unterhalb des Gipfels, "haben sich auf- und absteigende Bergsteiger so miteinander verkeilt, dass keinerlei vor oder zurück mehr möglich ist", beschreibt der Architekt aus Lahr in Baden die lebensbedrohliche Situation. "Erst nach fast zwei Stunden eiskalten Wartens in 8800 Meter Höhe macht sich eine kleine Lücke auf, die wir zur Flucht nach unten nutzen. Für einige Bergsteiger hinter uns endet diese endlose Blockade mit schlimmsten Erfrierungen oder dem Tod." Sechs Menschen verlieren an diesem Wochenende im Gipfelbereich des Mount Everest ihr Leben, darunter zwei Deutsche. Rund 300 Bergsteiger erreichen den Gipfel. Der ganz normale Everest-Wahnsinn.

Schon mehr als 6000 Besteigungen

Am vergangenen Wochenende öffnete sich ein zweites Schönwetter-Fenster. Diesmal standen rund 180 Bergsteiger auf dem Gipfel. Chaotische Szenen wie in der Vorwoche blieben aus, Todesfälle ebenfalls. Insgesamt wurden in diesem Frühjahr über 500 Besteigungen gezählt. Lediglich der Schweizer Topbergsteiger Ueli Steck und sein nepalesischer Kletterpartner Tenji verzichteten beim Aufstieg auf Flaschensauerstoff. Damit stieg die Zahl der Besteigungen seit dem Jahr 1953, als der Neuseeländer Edmund Hillary und der Sherpa Tenzing Norgay erstmals auf dem Dach der Welt standen, auf mehr als 6000. Unter denen, die es in diesem Jahr nach ganz oben schafften, war auch die 73 Jahre alte Tamae Watanabe. Die Japanerin brach ihren eigenen Rekord aus dem Jahr 2002 als älteste Frau auf dem Gipfel des Everest.

Bergsteiger auf dem Weg zum Gipfel des Mount Everest. Foto: dpa

Aufstieg zum Mount Everest

Zu viele unerfahrene Bergsteiger

Bestätigt wurden in diesem Frühjahr zehn Todesfälle. So viele hatte es zuletzt im Jahr 2006 gegeben. Insgesamt kamen bisher 233 Bergsteiger am Mount Everest ums Leben. Schaut man sich die Statistiken der jüngeren Vergangenheit an, fällt auf, dass die "klassischen" Todesursachen Lawine und Absturz eher selten auftauchen, immer häufiger dagegen die Höhenkrankheit. Das ist kein Zufall. Jahr für Jahr sind am Mount Everest Hunderte von Bergsteigern unterwegs, die diese Bezeichnung eigentlich nicht verdienen. Ihnen fehlt es schlicht an alpiner Erfahrung.

Alles inklusive

Kommerzielle Veranstalter haben ihnen versprochen, dass sie für einen Preis von etwa 45.000 Euro den Gipfel des höchsten Bergs der Erde erreichen werden. Sowohl auf der nepalesischen Süd- als auch auf der tibetischen Nordseite des Mount Everest legen Sherpas auf den Normalrouten bis hinauf zum Gipfel Fixseile, in die sich die Bergsteiger mit ihren Steigklemmen einhängen können. Sherpas legen auch die Hochlager an, schleppen die Sauerstoffflaschen hinauf und zur Not auch noch das Tagesgepäck der zahlenden Kunden. Nicht nur aus Kameradschaft: Für jeden Bergsteiger, den sie auf den Gipfel und wieder zurück bringen, kassieren die Sherpas eine Extraprämie.

Und plötzlich ist die Sauerstoffflasche leer

In jedem Frühjahr gibt es am Mount Everest nur wenige Schönwetter-Fenster mit zwei bis drei zusammenhängenden Tagen, an denen gute Sicht, wenig Wind und erträgliche Temperaturen einen Aufstieg ermöglichen. Alle wollen die Gipfelchance nutzen. Die Folge: endlose Schlangen an den Fixseilen, Staus an schwierigeren Passagen. Das führt in der so genannten "Todeszone" oberhalb von 7000 Metern, in der man ohne zusätzlichen Sauerstoff auf längere Zeit nicht überleben kann, zu äußerst gefährlichen Situationen. Der Aufstieg dauert länger als geplant, der Sauerstoff geht zur Neige. Und plötzlich sind die Flaschen leer. Ein erfahrener Bergsteiger kontrolliert regelmäßig, wie viel Sauerstoff ihm noch zur Verfügung steht, drosselt die Zufuhr, wenn er merkt, dass der Vorrat knapp wird, und kehrt gegebenenfalls um. Ein zahlender Kunde verlässt sich meist blind auf die Unterstützung seiner Sherpas und Bergführer, die ihm im Ernstfall oberhalb von 8000 Metern aber kaum noch helfen können.

Nordseitedes Mount Everest, Foto: Stefan Nestler

Tibetische Nordseite des Mount Everest

Appelle verhallen

"Wir müssen Schluss machen mit dem Massentourismus am Mount Everest", fordert Reinhold Messner, der Südtiroler Bergsteiger, der als erster Mensch alle 14 Achttausender bestieg. "So lange da Disneyland betrieben wird, sterben Menschen." Sein Appell wird verhallen, wie schon so viele andere mahnende Stimmen zuvor. Zu viele verdienen am Everest-Geschäft: die Expeditionsveranstalter, die Sherpas, die Menschen in der Everest-Region und auch die nepalesische Regierung, die Genehmigungen verkauft, den höchsten Berg der Erde zu besteigen.

So tragisch jeder Todesfall für sich genommen ist, eine wirkliche Katastrophe ist in den letzten Jahren am Mount Everest ausgeblieben. Die würde zum Beispiel eintreten, wenn sich über der schier endlosen Schlange der Gipfelanwärter eine Eislawine löst. Ein durchaus realistisches Szenario. Schließlich werden auch im Himalaya als Folge des Klimawandels steigende Temperaturen registriert. Damit steigt auch das Lawinenrisiko.