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Politik

Der G8-Gipfel beschert Attac einen Boom

Der G8-Gipfel in Heiligendamm beschert dem globalisierungskritischen Netzwerk Attac eine Welle von Neueintritten. Dass dieser Boom nicht anhalten kann, ist auch den Aktivisten klar.

Protest-Aktion am Samstag (6.2.) in Rostock, Quelle: AP

Protest-Aktion am Samstag (6.2.) in Rostock

Pappfiguren der G8- Regierungschefs vor dem Sicherheitszaun bei Heiligendam, Quelle: AP

Pappfiguren der G8- Regierungschefs vor dem Sicherheitszaun bei Heiligendam

Seit Monaten schon läuft die Protest-Maschinerie auf Hochtouren. Mehr als 1000 Diskussionsveranstaltungen hat das Netzwerk Attac seit vergangenem Herbst in Deutschland organisiert, um gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm zu mobilisieren. Auf weiteren Treffen haben sich die Aktivisten auch praktisch auf die Großdemonstration am Samstag (2.6.07) in Rostock vorbereitet: In so genannten Bastelworkshops stellten die Mitglieder Transparente und Großpuppen her, in Aktionstrainings übten sie friedliche Sitzblockaden.

"Es geht nur noch um die G8"

"Seit dem Jahreswechsel geht es bei uns fast nur noch um die G8", sagt die Attac-Sprecherin Frauke Distelrath. Der G8-Gipfel, so beschloss es die Vollversammlung im vergangenen Herbst, sollte im ersten Halbjahr 2007 den Schwerpunkt der Arbeit bilden. Nebenbei wirkt die Mobilisierung wie eine Rekrutierungskampagne: Seit Anfang des Jahres verzeichnet Attac rund 100 Neueintritte monatlich, im Mai waren es sogar 500 - auch dank der Schlagzeilen, für die Demonstrationsverbote, Razzien gegen G8-Gegner und andere umstrittene Maßnahmen sorgten. Knapp 18.000 Mitglieder hat Attac in Deutschland, weltweit sind es ungefähr 90.000.

Attac-Bundesversammlung (2002), Quelle: AP

Attac-Bundesversammlung (2002)

Der Wachstumsschub folgt einer Zeit, in der unter Überschriften wie "Sisyphusarbeit statt Gipfelsturm" oder "Wie bei einer Sekte" über eine Krise bei Attac berichtet wurde. So rechnete das Hamburger Magazin "Stern" im vergangenen Sommer vor, dass immer mehr Menschen die Organisation verließen. Doch auch 2006, dem bisherigen Tiefpunkt seit der Gründung im Jahr 2000, kamen netto zehn neue Mitglieder pro Monat dazu - eine Situation, von der die meisten Parteien, Gewerkschaften und Kirchen nur träumen können.

Lange Lebensdauer

Attac habe eine "normale Wachstumskrise" erlebt, sagt Claus Leggewie, Autor des Buches "Die Globalisierung und ihre Gegner". Das Netzwerk habe zeitweilig einen sehr starken Zustrom erlebt, der zwangsläufig nachlassen musste. "Soziale Bewegungen können keine Dauermobilisierung leisten - die Verstetigung bleibt an wenigen Aktivisten hängen." Allerdings sei der globalisierungskritischen Bewegung ein wirklicher Niedergang bislang erspart geblieben - auch dank der regelmäßig stattfindenden Gipfeltreffen, gegen die sie mobilisieren könne.

"Die Kritik an der Globalisierung ist ein Querschnittsthema, das beinahe alle Politikbereiche betrifft - insofern sollte die Bewegung auch eine längere Lebensdauer haben als Bewegungen, die sich Einzelthemen widmen, die irgendwann abgefrühstückt sind", glaubt Ansgar Klein, Herausgeber des Forschungsjournals "Neue Soziale Bewegungen". Es sei kaum denkbar, dass die Forderungen der Globalisierungskritiker in absehbarer Zeit umgesetzt würden.

Einfluss auf die G8

Angela Merkel in ihrem Video-Podcast zum G8-Gipfel, Quelle: Bundeskanzlerin.de

Angela Merkel in ihrem Video-Podcast zum G8-Gipfel

Allerdings macht sich der Einfluss der Bewegung mit Themen wie Klimaschutz und Afrika inzwischen auch an den G8-Konferenztischen bemerkbar. "Das Denken, dass die Globalisierung, so wie sie läuft, ohne Alternative ist, ist vorbei", sagt Leggewie. Gerade erst erklärte die G8-Präsidentin Angela Merkel, bei dem Gipfel gehe es darum, "die Globalisierung menschlich zu gestalten". Ausdrücklich begrüßte sie die geplanten Aktionen und Proteste.

"Wenn die Globalisierungskritik inzwischen selbst bei der Bundeskanzlerin angekommen ist, müssen wir schauen, wie diese Bekenntnisse Praxis werden", sagt Peter Wahl, Mitglied des Attac-Koordinierungsrates. Künftig müsse es darum gehen, konkrete Konzepte auszuarbeiten.

Das jedoch dürfte schwieriger sein, als einzelne Kampagnen zu organisieren oder gegen einen Gipfel zu mobilisieren: Rund 120 Organisationen gehören dem Netzwerk an, das Spektrum reicht von kirchlichen Gruppen über Umwelt-Verbände bis hin zu Gewerkschaften; der ehemalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler gehört Attac ebenso an wie Oskar Lafontaine von der Linkspartei.

Mit dem Ende des Gipfels bleibt den Mitgliedern wieder mehr Zeit für inhaltliche Arbeit - ein großes Projekt wie die G8-Mobilisierung ist vorerst nicht in Sicht. Der Boom, den die Organisation derzeit erlebt, dürfte dann ebenfalls enden - und das ist Aktivisten wie Peter Wahl auch klar. Doch der nimmt es gelassen: "Das ist eben das normale Auf und Ab der politischen Konjunktur."

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