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Nahost

Der "Fugee Friday" in Tel Aviv

Mit tausenden Sudanesen ist Israel erstmals Ziel von nicht-jüdischen Flüchtlingen. Das Dilemma: In Erinnerung an den Holocaust will die Regierung zwar Zuflucht gewähren, aber gleichzeitig fürchtet sie mehr Asylsuchende.

Sudanesischer Flüchtling in Tel Aviv (Foto: Rottscheidt/DW)

Simon suchte Hilfe in Israel - und fand Bürokratie

Carmel-Markt in Tel Aviv (Foto: Rottscheidt/ DW)

Auf dem Carmel-Markt in Tel Aviv kam den Studenten die Idee, sich für Flüchtlinge zu engagieren

Dichtes Gedränge herrscht auf dem Carmel-Markt im Zentrum von Tel Aviv: Es ist Freitagnachmittag, kurz vor Shabbat-Beginn, und alle wollen noch schnell ihre Einkäufe erledigen. An den Ständen wird geschwatzt und gefeilscht, Frauen schleppen prall gefüllte Tüten nach Hause, und Marktschreier versuchen noch schnell, vor den freien Tagen, alles loszuwerden.Trotzdem landet nach Feierabend kiloweise achtlos weg geworfenes Gemüse in den Müllcontainern; Äpfel mit kleinen Macken, Bananen, die keiner gekauft hat oder Brot, das nicht mehr lange haltbar ist. Und nur ein paar Blocks weiter, im Park an der Levinsky-Straße, leben hunderte afrikanischer Flüchtlinge ohne Unterkunft und ohne Essen. So kam Jesse Fox, seinem Bruder und zwei Freunden vor einem Jahr die Idee vom "Fugee Friday".

Was ist Brokkoli?

Carmelmarkt in Tel Aviv (Foto: DW/ Rottscheidt)

Was nicht verkauft wird, landet auf dem Müll

Seitdem treffen sich die Studenten jeden Freitag auf dem Markt, sammeln die Lebensmittel ein, stopfen alles in ein kleines Auto und bringen sie dann zu den Flüchtlingen. Anfangs sei für diese vieles fremd gewesen, so Jesse. "Brokkoli kannten sie nicht und viele hatten noch nie eine Avocado gesehen.“ Schnell hatte sich der Name "Fugee Friday" eingebürgert. Das klinge netter als "Refugee", findet Jesse und sei nicht so stigmatisierend.

Fast 17.000 Flüchtlinge leben derzeit nach Angaben des UN-Flüchtlingskommissariats UNHCR in Israel, rund zwei Drittel stammen aus Eritrea und dem Sudan, so wie Simon. Er kam vor zwei Jahren aus Kairo nach Tel Aviv, doch eigentlich stammt er aus dem Südsudan: "Ich war sieben, als Reitermilizen unser Dorf angriffen. Sie plünderten alles, sie steckten unser Dorf in Brand und töteten unzählige Menschen", erinnert er sich. Weil sie Christen sind, mussten er und seine Familie fliehen. "Wir haben in ständiger Gefahr gelebt, weil wir nicht zum Islam konvertieren wollten."

Jesse Fox und seine Mitstreiter freitags auf dem Carmel-Markt (Foto: Daniel Cherrin)

Kiloweise weg geworfenes Gemüse landet in Müllcontainern, und nur ein paar Kilometer weiter leben Flüchtlinge ohne Unterkunft und Essen.

"Flüchtlings-Tsunami"

Doch auch dort waren sie nach einigen Jahren nicht mehr erwünscht, sie flohen weiter nach Israel und hofften, wie tausende Sudanesen, auf Verständnis. Die Israelische Regierung stellt das vor ein Dilemma: Man empfindet auf der einen Seite eine historische Verantwortung für Flüchtlinge, auf der anderen Seite sprach Ministerpräsident Ehud Olmert 2008 von einem "Tsunami afrikanischer Flüchtlinge", der über das Land herein brechen könnte.

"Wir sind die dritte Generation von Holocaust-Überlebenden und schon wieder alles vergessen!", empört sich Romm Lewkowicz von der "Hotline for Migrant Workers", die sich für Migranten und Flüchtlinge engagiert. "Israel fürchtet, dass so die jüdische Mehrheit in der Bevölkerung untergraben werden könnte. Ich glaube, davor hat die Regierung am meisten Angst", sagt er. Eigentlich ist Israel verpflichtet, jeden Einzelfall zu prüfen, ob im Heimatland eine Bedrohungssituation vorliegt. Anfangs habe man das grundsätzlich abgelehnt, weil sudanesische Flüchtlinge aus einem "Feindesstaat" kämen, so Romm. Das steht im Widerspruch zu den Genfer Konventionen.

Jesse Fox (l.) und Daniel Cherrin, Organisatoren des 'Fugee Friday' (Foto: DW/Rottscheidt)

Wollen sich ihre Unabhängigkeit bewahren: Die Studenten vom 'Fugee Friday'

Bis heute tut sich Israel schwer mit einer eindeutigen Politik: Mal verhaftet die Polizei afrikanische Flüchtlinge ohne Papiere, und mal lässt sie andere nach Monaten wieder frei, weil die Gefängnisse überfüllt sind. Kaum einer darf arbeiten, einige werden abgeschoben, ganz wenige als Flüchtlinge anerkannt. Während die Politik in Kompetenzrangeleien und Bürokratie verstickt ist. Ein Unding, findet Simon, denn manchmal wisse er nicht, was er am nächsten Tag essen soll und arbeiten darf er auch nicht. "Wir wollen keinen Luxus", sagt er, "ich will mich doch nur wie ein Mensch fühlen!"

Mehr als nur Essen

Während Israels Politik ratlos um eine Lösung ringt, haben Freiwillige, wie Jesse und seine Freunde, das Problem in die Hand genommen. Sie haben kein Büro, die Kommunikation läuft per sms oder in Internetblogs, spontane Ideen werden sofort umgesetzt: Irgendwann reichte es ihnen nicht mehr, nur Essen zu verteilen, erzählt der 27-Jährige, schließlich löse das langfristig keine Probleme und schaffe zudem Abhängigkeiten: "Wir wollten etwas für diese Menschen tun, was ihnen hilft, vorwärts zu kommen“, sagt er. Und so begannen sie, Spielenachmittage für Flüchtlingskinder und Hebräisch- oder Englisch-Unterricht für die Eltern zu organisieren.

Mittlerweile gibt es über 100 Freiwillige, die sich an diesen Projekten beteiligen. Und eine richtige Organisation wollen sie gar nicht erst werden.Das sei viel zu kompliziert. Schließlich brauche man keine Behörden, um Menschlichkeit zu zeigen, sagt Jesse. Manchmal leide sein Studium ein bisschen darunter, weil er soviel organisieren muss, gibt er grinsend zu. Er studiert Stadtplanung; aber das sei eben angewandte Stadtplanung, sagt er. "Und das wichtigste ist doch, den Flüchtlingen zu zeigen, dass sich jemand kümmert. Wir kümmern uns, wir hören zu, wir machen was. Auch wenn wir nicht alle Probleme lösen können."

Autorin: Ina Rottscheidt

Redaktion: Diana Hodali

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