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Wirtschaft

"Der Finanzplatz drohte in die Provinzialität abzurutschen"

Im Interview mit der Deutschen Welle erzählt der Erfinder des deutschen Aktienindex, Frank Mella, wie und warum seine Idee auf die Welt kam, und wie alles mit Schweinebäuchen begann.

DAX-Erfinders Frank Mella (Quelle: Frank Homann)

DAX-Erfinders Frank Mella

Deutsche Welle: Herr Mella, vor 20 Jahren wurde der DAX eingeführt, der Deutsche Aktienindex. War das ihre Idee?

Frank Mella: Ich war 1987 Redakteur bei der Börsenzeitung in Frankfurt am Main und hatte für meine Zeitung schon einen Index gemacht. Da trat der Verleger an mich heran und bat mich, einen Index für den Finanzplatz Deutschland zu entwickeln. Das habe ich dann auch gemacht. Ich habe ein 30-seitiges Exposé eingereicht und der Verleger war so begeistert davon, dass er einige Banken-Experten geladen hat. Und daraus ist dann der DAX entstanden.

Aber wie war es vorher? Da gab es doch schon Indizes …

Es gab jede Menge Indizes. Aber genau da lag das Problem. Es gab damals wie heute zum Beispiel den Index der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Aber der wurde schon in der Konkurrenzzeitung nicht mehr zitiert. Dann gab es den Commerzbank-Index, den hat die Deutsche Bank nicht benutzt. Dann hatte die Frankfurter Wertpapierbörse immer einen Index, der wurde aber in der Düsseldorfer Börse nicht mehr benutzt. Und dann kam auf einmal der DAX, der Deutsche Aktienindex. Aus der Bezeichnung geht ja nicht einmal hervor, wer diesen Index berechnet. Und das war dann der gemeinsame Nenner auf den sich alle einigen konnten.

Eine der Besonderheiten war, dass man damit auch Terminhandel machen konnte. Was heißt Terminhandel mit dem DAX?

Das bevorzugte Instrument im Terminhandel ist der so genannte Future. Das ist ein Terminkontrakt. Wenn wir über den DAX reden: Jeder Indexpunkt zählt 25 Euro. Wenn sie so einen Kontrakt kaufen, dann bezahlen sie dafür gar nichts, müssen aber geradestehen für die Differenz. Wenn der Index um 100 Punkte steigt, dann haben sie 100 Punkte mal 25 Euro, also 2500 Euro gewonnen. Leider funktioniert es natürlich auch in die andere Richtung.

Diese Möglichkeit des Terminhandels kommt ursprünglich aus dem Handel mit Rohstoffen. Bauern verkaufen ihr Getreide, bevor sie es ernten, zu einem festgelegten Preis in der Zukunft. Das macht man in Chicago schon seit mehr als 100 Jahren. Kommt ihre Idee von da?

Genau da habe ich die Idee her. Ich befand mich Ende der 70er-Jahre auf einer Pressereise zu den amerikanischen Terminbörsen. Damals ging es um Schweinebäuche, Sojabohnen, Weizen, gefrorenen Orangensaft. Dort kam ich ins Gespräch mit dem Präsidenten dieser Terminbörse. Er entwickelte dann die Idee, dass man diese Futures auch auf Aktienindizes anwenden könnte. Ich habe die Idee damals für verrückt gehalten.

Die Amerikaner haben das dann tatsächlich eingeführt, 1982 zuerst in Kansas und kurz darauf in Chicago. Und von dort aus hat sich die Idee über ganz Europa verbreitet. Nur in Deutschland hatten wir nichts Vergleichbares. Der Finanzplatz drohte in die Provinzialität abzurutschen. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich dieses Exposé über den DAX im Expertenkreis vorgetragen habe. Da meldete sich ein Teilnehmer von einer Großbank, mit Indexterminkontrakte könne er seinem Vorstand nicht kommen, da müsse er sich erstmal einlesen, sowas kannte damals niemand in Deutschland.

Und wie haben sich diese Kontrakte heute entwickelt?

Im letzten Jahr ist alleine in DAX-Futures ein Kontraktvolumen von 9,3 Billionen Euro umgesetzt worden. Das sind 9300 Milliarden Euro.

Das ist eine Menge Geld. Bei DAX-Futures könnte man ja auch sagen: Das sind Wetten darauf, ob der DAX nach oben oder nach unten geht. Was ist der ökonomische Sinn von DAX-Futures? Der ökonomische Sinn der ganzen Übung besteht darin, dass die institutionellen Anleger damit ihre Kursrisiken absichern können. Stellen Sie sich zum Beispiel eine Versicherung vor, die Gelder am Aktienmarkt anzulegen hat, aber einen größeren Geldeingang erst in zwei, drei Monaten erwartet. Wenn die Versicherung nun befürchtet, dass ihr die Kurse nach oben davonlaufen, dann kaufen sie heute schon Futures und warten bis sie das Geld haben, verkaufen die Futures dann wieder und legen das Geld in Aktien an.

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