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Nahost

Der finanzielle Spielraum der Saudis

Saudi-Arabien hat sich zu einem der einflussreichsten arabischen Staaten entwickelt. Das konservative Königreich setzt seine Interessen oft mit Hilfe seiner Ölmilliarden durch. Damit macht es sich nicht nur Freunde.

Der saudische Außenminister Saud al-Faisal (Foto: Reuters)

Der saudische Außenminister Saud al-Faisal

Wenn es um die Interessen des saudischen Königshauses geht, scheint es an einem nicht zu mangeln: an Geld. Zwar verfügt selbst Saudi-Arabien nicht über unbegrenzten Reichtum. Aber die Einnahmen aus der Ölförderung ermöglichen es dem Herrscherhaus, immer wieder beherzt in die Spardose zu greifen. Noch jedenfalls sind die Reserven ausreichend, um den eigenen Bürgern einen vergleichsweise hohen Lebensstandard zu garantieren - und die Verbündeten im Ausland großzügig zu unterstützen.

Millionen für den Militärrat

Ölförderanlagen im saudischen Jubeil (Foto: AP)

Saudi-Arabien ist der weltweit wichtigste Förderer von Erdöl

"Die Saudis üben traditionell ihren Einfluss durch Geldzahlungen oder das Versprechen von Geldzahlungen aus", sagt Guido Steinberg, Saudi-Arabien-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik. Das zeigt sich zum Beispiel in Ägypten. Dort unterstützen die Saudis mit ihren Millionen den Hohen Militärrat, der das Regime des gestürzten Präsidenten Husni Mubarak repräsentiert.

Jahrzehntelang war der ehemalige ägyptische Staatschef der wichtigste Verbündete Saudi-Arabiens im Nahen Osten. Viele Ägypter zog es als Gastarbeiter an den Golf, die Saudis wiederum machen gerne Urlaub im Land der Pharaonen. Außerdem hat das Königreich Milliarden in die ägyptische Wirtschaft investiert. Auch jetzt wollen die Saudis ihren Einfluss auf den bevölkerungsreichsten arabischen Staat nicht aufgeben - obwohl der Arabische Frühling die politischen Karten inzwischen neu gemischt hat.

Angst vor dem Machtverlust

"Saudi-Arabien versucht, die Stabilität autoritärer Regime zu unterstützen", sagt Steinberg. "Sie haben ein gemeinsames Ziel: den Machterhalt." Da die Legitimität der Herrscher allerdings begrenzt sei, hätten sie stets Angst, ihre Macht zu verlieren. Dazu komme bei den Saudis die Furcht vor der schiitischen Minderheit im Osten des Landes. Die Schiiten machen etwa zehn Prozent der saudischen Bevölkerung aus. Die Mehrheit der Sunniten unterstellt ihnen eine Nähe zum schiitisch dominierten Iran - dem Erzfeind Saudi-Arabiens.

Karte der Straße von Hormus (DW-Grafik: Peter Steinmetz)

Der Persische Golf trennt Saudi-Arabien und den Iran. Die beiden ölreichen Staaten liefern sich einen Wettstreit um die Vorherrschaft in der Region.

In Saudi-Arabien geben die Sunniten den Ton an. Die Islam-Interpretation der Wahabiten, die in Europa meist Salafismus genannt wird, ist in Saudi-Arabien faktisch Staatsreligion. Mittlerweile hat sich der Einfluss der Wahabiten weit über die Grenzen des Königreiches ausgedehnt - obwohl der saudische Staat extremistische Strömungen zumindest offiziell zu unterbinden versucht. "Dass es auch eine substaatliche Strömung gegeben hat, spürt man jetzt in einigen Staaten in der Region, nämlich überall dort, wo die Salafisten sehr stark vertreten sind", sagt Guido Steinberg. Das gilt zum Beispiel für Ägypten und Tunesien.

Einflussreiche Wahabiten

Aber auch außerhalb des arabischen Raums mischen die Wahabiten mit. "Die Saudis haben in den vergangenen Jahrzehnten, besonders seit Beginn der 1960er Jahre, sehr viel Energie in die Verbreitung dieser Lehre gesteckt", sagt Islamwissenschaftler Steinberg. "Vor allem dort, wo sie mit recht wenig Widerstand zu rechnen hatten: in Westafrika, in Südasien, in Südostasien, aber auch in der westlichen Welt und in Europa."

Als Geburtsland des Islam, das mit den Heiligen Stätten Mekka und Medina jedes Jahr Millionen muslimischer Pilger anzieht, besitzt Saudi-Arabien bei vielen Muslimen weltweit ein hohes Ansehen. Der saudische König bezeichnet sich als Hüter der heiligen Stätten, um diese Quelle seiner Herrschaftslegitimation besonders hervorzuheben. Dem gleichen Zweck dient auch die Verbreitung der saudischen Interpretation des Islam. Indirekt hat sie allerdings zu einer Zunahme terroristischer Strömungen im Islam beigetragen, die sich fast ausschließlich aus den Reihen der Salafisten rekrutieren: in Westafrika, im Maghreb, in Ländern Südost- und Zentralasiens wie zum Beispiel Afghanistan und auf der arabischen Halbinsel.

Konfessionelle Spannungen

Festnahmen von Salafisten nach Ausschreitungen in Tunis im Juni 2012 (Foto: Reuters)

In Tunesien kam es zuletzt vermehrt zu salafistischen Ausschreitungen

In Syrien, wo die Minderheit der Alawiten die Politik bestimmt, ist der Einfluss der Saudis bislang begrenzt geblieben - auch weil Syrien als wichtigster arabischer Verbündeter des Iran gilt. Kein Wunder also, dass Saudi-Arabien in diesem Fall nicht das autoritäre Regime, sondern die Aufständischen finanziell unterstützt. Unbestätigten Berichten zufolge liefern sie und das Emirat Katar auch Waffen an die Assad-Gegner. Das hat dazu beigetragen, dass der Bürgerkrieg in Syrien an Intensität und Brutalität zugenommen hat und die schon zuvor geringen Chancen auf eine politische Lösung weiter gesunken sind.

Damit ist Syrien zu einem Schlachtfeld des Regionalkonflikts zwischen Saudi-Arabien und dem Iran geworden. Die konfessionellen Spannungen zwischen den Sunniten, als deren Führungsmacht sich Riad versteht, und den Schiiten, die ihr Zentrum in Teheran haben, spielen in diesem Konflikt eine immer größere Rolle. So ist der Bürgerkrieg in Syrien mittlerweile auch zu einem Propagandakrieg zwischen den Medien dieser Länder geworden. Die Fernsehsender Al Jazeera und Al Arabiya haben auf sunnitischer Seite eine Leitfunktion.

Wichtiger Wirtschaftspartner

Ein Islamist verteilt kostenlose Koran-Exemplare an Passanten in Wuppertal (Foto: dpa)

Auch in Deutschland wollen die Salafisten ihren Einfluss mehren

Am Persischen Golf selbst liefern sich die Golfmonarchien und der Iran seit Jahren einen Rüstungswettlauf. "Ein Ziel Saudi-Arabiens ist es, seine hegemoniale Rolle in der Region zu erhalten", sagt Thomas Demmelhuber, Juniorprofessor für Politikwissenschaft an der Universität Hildesheim.

Während Teheran sich bemüht, zur Atommacht aufzusteigen, setzt Saudi-Arabien auf das Schutzversprechen der USA und Waffeneinkäufe im Ausland. Auch hier kommen dem Königreich seine Ölmilliarden zugute. Als Öllieferant und Wirtschaftspartner ist es zu wichtig, als dass die USA und Europa laute Kritik an Saudi-Arabien äußern würden. Schließlich ist der Golfstaat das einzige Land, das seine Ölproduktion innerhalb weniger Tage steigern und dadurch den Ölpreis regulieren kann. Solange das der Fall ist und die Ölmilliarden fließen, hat Saudi-Arabien in Sachen Wirtschaft, Politik und Religion extrem viel Spielraum.