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Kultur

Der Fall Sentsov: Solidaritätsaktion im Netz

Zwanzig Jahre Haft drohen dem Filmregisseur Oleg Sentsov. Er wurde vom russischen Geheimdienst verhaftet und angeklagt, Terroranschläge auf der Krim geplant zu haben. Eine Solidaritätsaktion fordert seine Freilassung.

Erst am 11. Juni wurde Oleg Sentsov die offizielle Anklageschrift vorgelegt. Das bestätigte Sentsovs Anwalt Dmitrij Dinse gegenüber der DW. Am 11. Mai war der Filmregisseur, der sich an den Maidan-Demonstrationen aktiv beteiligt hat und für die Einheit der Ukraine auftritt, vom russischen Geheimdienst FSB auf der Krim verhaftet worden. Die Staatsanwaltschaft hat damit die einmonatige Frist eingehalten, die seit der Inhaftierung Sentsovs vergangen sind. Zu den Details der Anklage wollte sich der Jurist nicht äußern: "Die Ermittlungen laufen noch, die Lage ist sehr angespannt". Er bestätigte jedoch, das Sentsov vorgeworfen wird, einen Terroranschlag geplant zu haben. "Mit 20 Jahren Haft nach dem russischen Anti-Terror-Gesetz kann man da schon rechnen", sagte Dinse.

„Man versucht, die Rechtsanwälte mundtot zu machen“

Der Anwalt, der schon die Aktivistinnen der Punk-Band Pussy Riot verteidigt hat, musste vorab eine Erklärung über die Geheimhaltung aller Informationen in diesem Fall unterschreiben, um Akteneinsicht in der Moskauer Haftanstalt Lefortovo zu seinem Mandanten zu bekommen. "Als ich nachgefragt habe, welche Informationen ich nicht weitergeben darf, wurde ich gezwungen, ein Dokument zu unterschreiben, in dem drin steht, ich muss alles geheim halten", sagte Dinse gegenüber der DW.

Eine Verletzung dieser Schweigepflicht ist in Russland eine Straftat. „Meiner Meinung nach ist diese Schweigepflichterklärung ein Mittel, die Rechtsanwälte mundtot zu machen," meint Rechtsanwalt Dinse. "Wenn die Behörde nichts zu verheimlichen hat und es mit rechten Dingen zugegangen ist, hat eine solche Erklärung gar keinen Sinn“.

Kontakte mit ukrainischen Nationalisten?

Am 30. Mai veröffentlichte der russische Geheimdienst FSB auf seiner Internet-Seite eine Erklärung, laut der Sentsov gemeinsam mit weiteren Personen zu der "Terrororganisation „Rechter Sektor" gehöre". Angeblich soll er „einen Terroranschlag geplant“ und vorgehabt haben, mit weiteren "Terroristen" einen selbstgebastelten Sprengsatz in der Nacht zum 9. Mai zu zünden. An diesem Tag, dem bedeutendsten russischen Nationalfeiertag "Tag des Sieges", besuchte Präsident Putin zum ersten Mal Simferopol, um die "Rückkehr der Krim" mit einer Militärparade öffentlichkeitswirksam zu feiern.

In diesem Zeitraum wurden 20 weitere ehemalige Maidan-Aktivisten auf der Krim festgenommen, weitere Festnahmen wurden nicht bestätigt. Ukrainische Medien schreiben von einer groß angelegten "Verhaftungs-Welle“ des russischen Geheimdienstes. Einige der Inhaftierten, unter anderem auch Oleg Sentsov, wurden danach in das Gefängnis in Moskau verlegt. Vertreter der Organisation "Rechter Front", die sich während der Unruhen auf dem Maidan-Platz gebildet hatte und von russischen Medien als "Faschisten" bezeichnet wird - bestreiten die Zugehörigkeit des Regisseurs Sentsov zu ihrer Organisation. Von daher gibt es keinen dokumentierten Zusammenhang zwischen Oleg Sentsov und der "Rechten Front".

Wurde Sentsov gefoltert?

Rechtsanwalt Dinse sowie drei Vertreterinnen der Organisation "Öffentliche Beobachterkomission" (ONK) konnten Sentsov erst Anfang Juni persönlich im Gefängnis Lefortovo besuchen. Die Filmkritikerin Diljara Taasbulatova, eine der Menschenrechtlerinnen, schildert ihren Eindruck: "Es gab zwei Wochen lang keine Informationen über Oleg, damit die Spuren der Folter nicht mehr zu sehen sind". Auch ihr wurde eine Schweigepflichterklärung vorgelegt, die sie nicht unterschrieben hat. "Die Informationen über eventuelle Folter dürfen nicht weitererzählt werden? Da frage ich: was soll das denn???" schrieb Tasbulatova anschließend empört auf Facebook.

Auch die Journalisten der ukrainischen Zeitschrift "Argument" konnten Sentsov und weitere Inhaftierte in Moskau treffen. In einem kurzen Gespräch unter Aufsicht der Gefängniswärter bestätigte Oleg Sentsov, dass er aus Simferopol "in einer normalen Linienmaschine, aber mit Handschellen" nach Moskau verlegt worden sei. Den Witzversuch eines Journalisten, das wäre "filmreif" und eventuell später als Drehbuch-Stoff zu verwerten, fand der Filmregisseur - unrasiert und in blauer Häftlingskleidung - nicht lustig. "Ich bin ein Russe, und ich dachte, die Krim wird zu einer Brücke zwischen unseren Ländern, - sagte Sentsov zu den Journalisten. - Das, was jetzt passiert, ist einfach schrecklich".

Filmfestival Cannes 2014 Dokumentation Maidan. Foto: Filmfestival Cannes/2014)

Die politischen Demonstrationen in Kiew sind auch Thema des Dokumentarfilms "Maidan" (UA in Cannes 2014)

Vom Film zum politischen Aktivismus

Der Maidan-Aktivist Oleg Sentsov wird von seinen Freunden und auch Filmkollegen als ein "extrem zielstrebiger, hartnäckiger Mensch" bezeichnet: Sentsov hat sich die Kunst der Filmregie und Kameraführung selbst beigebracht. Um sein erstes Filmdrama, "Gamer", finanzieren zu können, musste er einen Spielsalon, der ihm gehörte, verkaufen. Der Film handelt von einem spielsüchtigen Teenager. Die Low-Budget-Produktion hat nur 20.000 US-Dollar gekostet und wurde beim Filmfestival in Rotterdam mit einem Preis ausgezeichnet.

Inzwischen haben sich im Netz mit einer internationalen Unterschriftenaktion mehr als 35.000 Menschen mit dem inhaftierten Regisseur Sentsov solidarisiert und fordern mit Nachdruck seine Freilassung.

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