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Politik

Der Express-Senator

Er hat einen der interessantesten Jobs, den das politische Washington derzeit zu vergeben hat - und einen der kürzesten. DW-TV-Korrespondent Konstantin Klein über das glückliche Leben des Senators Dean Barkley.

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Am Anfang stand eine Tragödie. Im Eisregen über dem Bundesstaat Minnesota verlor der Pilot eines Privatflugzeugs die Kontrolle über den kleinen Jet; die Maschine stürzte ab, alle acht Menschen an Bord kamen ums Leben.

Das war eine Woche vor den Zwischenwahlen zum US-Kongress, und an Bord der Unglücksmaschine waren Paul Wellstone, demokratischer Senator von Minnesota, und seine Familie. Eine Woche später wählte Minnesota den Republikaner Coleman zum neuen Senator. Weil der aber - wie alle Kongressneulinge - erst im Januar sein Amt antritt, durfte der Gouverneur von Minnesota, ganz verfassungsgemäß, einen Ersatz für Wellstone nominieren. Und hier nahm die Geschichte ihre Wende ins Absurde.

Gefragter Mann

Der Gouverneur von Minnesota heißt nämlich Jesse Ventura, gehört keiner der beiden großen Parteien an, war vor seiner Wahl Profi-Wrestler und sieht auch so aus. Und weil er sich fürchterlich geärgert hatte, dass der Kandidat seiner Partei, ein gewisser Jim Moore, nicht zur Fernsehwahldebatte eingeladen worden war, machte er eben einen seiner Leute, den Geschäftsmann Dean Barkley, zum Übergangssenator.

Seitdem ist Barkley, der Senator für zwei Monate, einer der gefragtesten Männer Washingtons. In einem Senat, in dem die Demokraten und die Republikaner noch bis Januar jeweils 49 Sitze haben (bei zwei Unabhängigen), versuchen die Großen natürlich, die Kleinen auf ihre Seite zu ziehen - um noch vor dem Wachwechsel im Januar neue Gesetze entweder durchzudrücken oder endgültig zu verhindern.

Doch der Express-Senator will sich nicht festlegen und bietet den Unterhändlern beider Seiten Wetten an. Wenn am Wochenende die Minnesota Vikings gegen eine Mannschaft verlieren, die einer der Unterhändler unterstützt, dann gibt Barkley seine Stimme der Partei des Parlamentärs. Gewinnen die Vikings dagegen, bekommt die Gegenpartei die Stimme.

Barkeeper als Assistent

Auch sonst genießt der Mann aus Minnesota seinen Status. Er freut sich wie ein Kind, dass er - zumindest bis Januar - einen der für Senatoren reservierten Aufzüge im ehrwürdigen Capitol zu Washington benutzen darf. Er heuert den Mann am Tresen des Army-Navy Country Clubs in Arlington als persönlichen Assistenten an - ist ja nur für zwei Monate; dass der Assistent kürzlich sein Studium in Harvard beendet hatte, stört natürlich nicht. Und er lässt sich auch nicht von Erlebnissen wie dem mit dem Sicherheitsbeamten des Capitols beeindrucken.

Ein Besucher Barkleys hatte seinen Hausausweis für das Capitol vergessen, und der Wachhabende hatte in Barkleys Büro angerufen und um eine Eskorte gebeten. Kurz darauf trat ein verwirrt aussehender Mann aus dem Aufzug und winkte dem Besuch, mitzukommen. Höflich, aber bestimmt fragte der Wachmann den Abholer, ob er denn auch wirklich in Senator Barkleys Büro beschäftigt sei. "Ja", sagte der Mann, "ich bin Senator Barkley."