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Amerika

Der Ex-Guerillero im Präsidentenpalast

Er war Mitbegründer der Stadtguerilla, über ein Jahrzehnt verbrachte er unter der Militärjunta in Isolationshaft. Jetzt wählte Uruguay José Mujica zum neuen Staatsoberhaupt.

(Foto AP)

José Mujica - einst Bürgerschreck, jetzt Präsident

Es war das Ende eines langen Weges, der den Wahlsieger José Mujica aus den Folterkellern der uruguayischen Militärdiktatur (1973 - 1985) am Sonntag (29.11.2009) in den Präsidentenpalast in Montevideo führte.

Der am 20. Mai 1935 in der Hauptstadt von Uruguay geborene José Alberto Mujica Cordano gehört einer Generation linksgerichteter Politiker an, die in den späten 1960er Jahen zum bewaffneten Kampf überging. Mujica, der die elterliche Blumenzucht übernommen hatte, wurde zum Mitbegründer der 'Stadtguerilla’-Gruppe Tupamaros ("MLN-T“) und beteiligte sich an Entführungen und Banküberfällen.

1971 wegen Polizistenmordes verurteilt, dauerte Mujicas insgesamt fünfzehnjährige Haft die gesamte Zeit der Militärdiktatur. Fast 13 Jahre davon verbrachte er in Einzelhaft. Dieses Martyrium verlieh dem heute 74-Jährigen im Wahlkampf einen Nimbus der Glaubwürdigkeit, der viele Politiker vor Neid erblassen lässt. "Diese Geschichte verleiht ihm fast eine Art Heiligenschein“, erklärt der uruguayische Meinungsforscher Juan Carlos Doyenart den 'Mujica-Effekt'.

Jubelnde Anhänger Mujicas (Foto: AP)

Anhänger Mujicas feiern den als "historisch" bezeichneten Wahlsieg des Ex-Guerillero

'Pepes' langer Marsch durch die Institutionen

Nach der Militärdiktatur schwor Mujica dem bewaffneten Kampf ab und distanzierte sich vom Marxismus. Stattdessen begab sich "Pepe", wie ihn seine Anhänger nennen, auf den langen Marsch durch die Institutionen und übernahm verschiedene öffentliche Ämter. Er wurde Abgeordneter, Senator und zuletzt Agrarminister unter dem scheidenden Präsidenten Tabaré Vázquez. Seit 25 Jahren lebt Mujica mit der legendären Ex-Guerillera und heutigen Abgeordneten Lucia Topolansky zusammen. Unlängst ging das Paar den Bund der Ehe ein.

Als etwas schrullig und bisweilen unberechenbar wird Mujica beschrieben. Im Wahlkampf gab er zum Teil recht markige Worte von sich. Mit der robusten Rhetorik und seinem äußerlich unkonventionellen Auftreten konnte "Pepe“ vor allem bei der Jugend und sozial Benachteiligten punkten. Zugleich aber sendete er versöhnliche Zeichen in Richtung der politischen Mitte. Seinen innerparteilichen Rivalen im Kampf um die Präsidentschaftskandidatur, den eher linksliberalen Ex-Finanzminister Danilo Astori, machte er zum Kandidaten für die Vizepräsidentschaft. Damit blieb Mujicas "Frente Amplio" (Breite Front) auch mit einem Ex-Guerillero als Spitzenkandidaten für gemäßigte Kreise wählbar.

Vorbild Lula

Jose Mujica (Foto: AP)

Mujica punktete im Wahlkampf durch volksnahes Auftreten

Verschiedentlich bekundete Mujica "Sympathie" für Venezuelas linksnationalistischen Staatschef Hugo Chavez. Dass dieser in der vergangenen Woche den iranischen Staatspräsidenten und Holocaust-Leugner Mahmud Ahmadschinedad empfing, nannte Mujica "genial". Als eigentliches Vorbild nennt er jedoch den brasilianischen Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva. Beide sind ehemalige, einst weit links stehende Gewerkschafter, beide betonen ihre bäuerliche Herkunft.

In seinen ersten Stellungnahmen nach der Wahl gab sich Mujica pragmatisch. Er wolle "die Dinge ein wenig verbessern". Oben auf der Agenda stehen Armutsbekämpfung, Bildung und Technologie. Uruguays neuer Präsident gab ein eindeutiges Bekenntnis zu Marktwirtschaft und stabilen Investitionsbedingungen ab. "Mujica bricht die Regeln der Form", bilanziert Meinungsforscher Doyebart den Werdegang des einstigen Bürgerschrecks, "aber er bricht nicht die des Systems."

Autor: Sven Töniges (dpa, ap, afp)

Redaktion: Mirjam Gehrke