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Kultur

Der Erdrutsch nach dem Hurrikan

Das Image des US-Präsidenten als Krisenmanager ist schwer beschädigt. Manche sehen einen Stimmungsumschwung wie nach dem 11. September 2001 - nur in die andere Richtung.

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In den USA unbeliebt wie nie: Präsident George W. Bush

Hurrikan Katarina in New Orleans Evakuierung Luftbild

Ein Rettungsschwimmer sucht von einem Helikopter aus nach Menschen, die aus New Orleans evakuiert werden müssen

Es gab eine Zeit, da wurde US-Präsident George W. Bush unablässig wegen seiner außenpolitischen Bildungslücken und seiner sprachlichen Fehltritte verspottet. Dann kam der 11. September 2001. Die einstürzenden Zwillingstürme begruben schlagartig alle Kritik an Bush unter sich. Er wandelte sich über Nacht zum entschlossenen Beschützer der Nation und seine Popularität war überwältigend. Die meisten Medien folgten der Stimmung mit patriotischen Kommentaren, selbst dann noch, als Washington mit dünnen Argumenten, einer mühsam zusammengeschusterten Koalition und ohne Mandat der Vereinten Nationen in den Irak-Krieg zog.

Schlechteste Zustimmungswerte

Hurrikan Katarina in New Orleans

In New Orleans werden nun die Leichen geborgen

Nach dem Hurrikan "Katrina" beschäftigt inzwischen viele Beobachter in den USA die Frage, ob das neue nationale Desaster einen ähnlichen politischen Erdrutsch auslösen könnte wie 9/11. Denn die Öffentlichkeit zweifelt zunehmend am Krisenmanagement des Präsidenten. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Pew machen 67 Prozent der US-Bürger Bush für die schleppend angelaufene Hilfe mitverantwortlich. Die Zustimmungswerte für Bush sanken seit Juli um vier Punkte auf 40 Prozent - den schlechtesten Wert, den das Institut je für Bush ermittelte. Zwei weitere neue Umfragen belegen ebenfalls Bushs Niedergang. So erklärten etwa in einer Studie des Zogby-Instituts drei Fünftel der Befragten, sie seien mit seinem Krisenmanagement nicht zufrieden.

World Trade Center

Wird "Katrina" die USA so stark verändern wie der 11. September?

Ob bei der Reform der Rentenversicherung, der Nominierung von John Bolton zum UN-Botschafter oder im Irak - schon vor "Katrina" lief es nicht mehr glatt für Bush. Der Wirbelsturm scheint nun nicht nur die Dämme von New Orleans eingerissen zu haben. Angesichts der Pannen wird in den USA der Ruf nach einem Sonderbeauftragen des Weißen Hauses für die Koordinierung der Hurrikanhilfe immer lauter. Immer häufiger wird für diese Funktion der frühere Außenminister Colin Powell genannt, der ebenfalls scharfe Kritik am Katastrophenmanagement geübt hatte. Doch das Weiße Haus lehnt die Benennung eines "Sturm-Zaren" ab - aus Sorge, dies könnte als Eingeständnis des Versagens gewertet werden, wie Beobachter meinen.

Kontakte zu Bush als Jobticket

Bush mit einem Feuerwehrmann am eingestürzten World Trade Center

Nach den Anschlägen vom 11. September präsentierte sich Bush als entschlossener Krisenmanager

Bush setzte unverändert auf die von den betroffenen Bundesstaaten immer wieder kritisierte zuständige Behörde für Katastrophenmanagement (FEMA), die er nun mit weiteren 50 Milliarden Dollar ausstattete. Fünf von acht der führenden Vertreter der FEMA hätten so gut wie keine Erfahrung mit Umweltkatastrophen, berichtete die Washington Post am Freitag (9.9.2005). Sie seien aber wegen ihrer engen Beziehungen zu US-Präsident George W. Bush ins Amt berufen worden.

Am Donnerstag wurde schließlich der FEMA-Direktor Michael Brown von der Leitung des Katrina-Hilfseinsatzes entbunden. Browns Nachfolger soll Vizeadmiral Thad Allen von der Küstenwache werden. Der FEMA-Chef solle von Baton Rouge, wo er die Hilfsaktion der US-Bundesbehörden leitete, nach Washington zurückgeschickt werden, hieß es aus Behördenkreisen.

Neben der massiven Kritik am Katrina-Einsatz war Brown zuletzt auch wegen Unstimmigkeiten über seinen Lebenslauf ins Gerede gekommen. Das "Time Magazine" berichtete, Brown, von Bush "Brownie" genannt, habe bedeutend weniger Erfahrung im Katastrophenschutz als in seiner vom Amt veröffentlichten Biografie angegeben. So verwies Brown auf seine Rolle als stellvertretender städtischer Verwaltungsmanager in der kalifornischen Stadt Edmond, wo er die Abteilung für Katastrophenmanagement unter sich gehabt habe. Doch eine Stadtsprecherin erklärte, Browns damalige Funktion ließe sich mehr mit der eines Praktikanten vergleichen. In den vergangenen Tagen war der von Bush gelobte Brown immer wieder auch aus den Reihen der Republikaner dafür kritisiert worden, dass die Hilfe in den Krisengebieten Louisianas, Mississippis und Alabamas viel zu spät angekommen sei. Brown hatte bereits seit 2000 gute Kontakte zu Bushs innerem Zirkel gehabt.

FEMA hat erneut Probleme

George Bush Hurrikan Katrina

Nach "Katrina" sah sich Bush die Katastrophenregion zunächst nur aus der Luft an

Die Probleme der FEMA waren abermals deutlich geworden, als sie Anfang der Woche die Ausgabe von Tausenden Kreditkarten an die in Texas gestrandeten Flüchtlinge ankündigte. Es gab ein Riesenchaos, die Behörde musste "logistische Probleme" eingestehen und erst am Freitag begann die FEMA ihre Karten dann zu verteilen.

Bush, dem auch Kritiker die Fähigkeit zubilligen, in Krisenzeiten entschlossen zu reagieren, ist es nach Ansicht von Beobachtern bisher nicht gelungen, die vielen Probleme in den Griff zu bekommen. Die Demokraten mit Senatorin Hillary Clinton an der Spitze wollen die Pannen nun in Untersuchungsausschüssen aufklären. Die Fraktionschefin der Demokraten im Abgeordnetenhaus, Nancy Pelosi, erklärte, Bush wolle die Probleme offensichtlich nicht wahrhaben und dies sei "gefährlich". Die New York Times kritisierte, es sei dem Präsidenten bisher nicht gelungen, die Krise richtig anzugehen. Er befasse sich mit Details und schaffe es nicht, sich als Führer zu präsentieren. (stu/chr)

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