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Ostmitteleuropa

Der Duft von Karriere und sauren Gurken

- Warum immer mehr polnische Emigranten in ihre Heimat zurückkehren

Warschau, 5.10.2002, POLITYKA, poln., Nr. 41, Joanna Podgorska

(...) Als Wojciech Bochenski nach zehn Jahren Frankreich- und Kanada-Aufenthalt zum ersten Mal in Polen Urlaub machte, ereilte ihn die Nachricht, dass die Firma, in der er beschäftigt ist, von Amerikanern aufgekauft worden ist und alle Mitarbeiter innerhalb von drei Tagen entlassen worden sind. Die Rückkehr in die Heimat plante er nicht, aber da er schon einmal hier war, beschloss er, sich mal umzusehen, ob sich nicht eventuell irgendeine Arbeit findet. Es war das Jahr 1997 und es stellte sich heraus, dass Menschen wie er sich die Angebote aussuchen konnten. In seiner letzten Firma war er Verkaufsleiter und zuständig für den Westen Kanadas. Hier wurde er vom Fleck weg von Mitsubishi eingekauft. Schon bald gründete er ein eigenes Consulting-Unternehmen an der Foksal-Straße in Warschau, das er bis heute betreibt. Wird er in Polen bleiben?

"Im Westen habe ich gelernt, dass nichts beständig ist. So ist nun einmal die Zeit. Wenn man mir morgen eine interessante Tätigkeit in Asien oder Nordamerika anbieten würde, würde ich keinen Moment zögern."

(...)

Wojciech Bochenski gehört zu den Menschen, die in einer Untersuchung über die Rückkehr von Polen, welche das Institut für Öffentlichkeitsstudien (ISP - MD) soeben beendet hat, als Weltbürger bezeichnet werden. Diese Menschen sind flexibel und können auf jedem geografischen Breitengrad Karriere machen. Auf nationale Identität legen sie keinen besonderen Wert.

"Für mich hat das keine Bedeutung mehr. Die Frage, ob ich Pole bin oder Amerikaner ist für mich nicht das Wichtigste im Leben. Ich bin der, der ich bin, mit einer universellen Einstellung zur Welt und zu den Menschen. Das hat nichts damit zu tun, dass ich dort hingehe, wo ich es am einfachsten habe. Der Westen hat mich total verändert. Ich bin Weltbürger", sagt ein Emigrant, der aus den USA zurückgekehrt ist.

Schätzungen zufolge kehren seit 1989 jährlich zwischen 1,5 bis 4,5 Millionen Menschen nach Polen zurück, die Polen in den Achtzigerjahren verlassen haben - Dreißig- bis Vierzigjährige mit höherer Bildung. Zurück kehren Kinder von Emigranten, die im Westen aufgewachsen sind, mit Diplomen hervorragender Hochschulen, die dort hätten Karriere machen können. Hier aber bietet sich die Gelegenheit für eine Blitzkarriere. Das Polen der neunziger Jahre - das war für sie das Eldorado. Die flüssige Beherrschung der englischen Sprache, der Gesetze der freien Marktwirtschaft und der Regeln, nach denen große Konzerne funktionieren einerseits und die Vertrautheit mit der polnischen Sprache und der polnischen Mentalität andererseits waren für westliche Firmenfilialen von unschätzbarem Wert. In der ISP-Studie werden sie als Taktiker bezeichnet. Bei einer Karriere im Westen wären sie früher oder später von ihrem Gipfel gestürzt. Also stellten sie eine Gewinn- und Verlustrechnung auf und beschlossen zurückzukehren.

"Amerika ist ein stabiles Land, es ist nicht einfach, dort hinzukommen und sich in die Umwelt zu integrieren", erzählt einer der Taktiker. "Es sind geschlossene Enklaven und es gelingt selten jemandem, in Amerika zu bleiben und ganz groß herauszukommen. Nach den demokratischen Veränderungen in Polen tauchte in mir plötzlich der Gedanke auf, dass ich mich leider am wohlsten im eigenen Land fühlen werde."

Als sich Tomasz Magda und seine Frau Iwona 1994 zur Rückkehr nach Polen entschlossen, hielten sie ihre New Yorker Bekannten für wahnsinnig. Sie hatten ein Hinflug-Ticket und 200 Dollar in der Tasche.

"Ich hatte auch ein Diplom einer amerikanischen Universität und stellte mir die Frage: Wie viele Absolventen der Columbia University gibt es in den Vereinigten Staaten und wie viele in Polen? Die Antwort war eindeutig", erinnert er sich.

(...)

Tomeks Leidenschaft ist die Geschichte und auch das war ein Grund für die Rückkehr. Die neunziger Jahre waren in Amerika langweilig, und hier gab es lebendige Geschichte. Die Veränderungen waren mit bloßem Auge zu sehen. Er sah, wie Polen in die NATO aufgenommen wurde, wie es sich auf den EU-Beitritt vorbereitet.

"Es mag vielleicht seltsam klingen, aber die Kommunalwahlen versetzen mich geradezu in Ekstase", sagt er.

Erst planten sie, für ein, zwei, höchstens fünf Jahre zurückzukehren. Länger würden sie es nicht aushalten - dessen waren sie sich sicher. Wenn sie von "zu Hause" sprachen, meinten sie ihre Seite des Atlantik. Wann es zum Seitenwechsel gekommen ist, wissen sie selbst nicht. Iwona will an eine Rückkehr nach Amerika noch nicht einmal denken.

"Hier gibt es mehr Normalität, hier ist dieses irrsinnige Karrierestreben nicht zu spüren. Die Menschen nehmen sich Zeit für einander, sie treffen sich gern", erzählt sie. "Wenn es nur etwas sicherer wäre und wenn es weniger Armut gäbe. Wenn ich jetzt nach Amerika reise, geht mir der Reichtum dort, dieses ausschweifende Leben auf die Nerven."

Den Kontakt zu Polen haben sie zumindest so weit nicht abgerissen, um nach der Rückkehr nicht einen Kulturschock zu erleben, und wie sie sagen, wird das Gefühl, in einem von Jahr zu Jahr immer zivilisierter werdenden Land zu leben immer stärker. "Mit Ausnahme der Post und des Gesundheitswesens", fügt Iwona hinzu, die vor kurzem bei einer Untersuchung im Warschauer Krankenhaus an der Banach-Straße als Melkkuh bezeichnet wurde. Tomek führt seine kleinen Kämpfe: um im Supermarkt nicht gezwungen zu werden, einen Einkaufswagen zu nehmen (diesen Kampf hat er bereits gewonnen), um von der Kiosk-Besitzerin nicht hören zu müssen, sie könne nicht herausgeben, denn ein Geschäftsmann muss schließlich Wechselgeld haben (diesen Kampf hat er noch nicht gewonnen). Immer wieder wundert ihn das Verhalten polnischer Kellner. "Ich bekomme beispielsweise eine Rechnung von 50 Zloty, ich gebe dem Kellner 100 Zloty und er gibt mir einen 50-Zloty-Schein zurück. In Amerika würde man mir den Rest in verschiedenen Scheinen und Münzen herausgeben, damit ich die Möglichkeit habe, ein Trinkgeld zu geben. Das scheinen zwar Kleinigkeiten zu sein, aber sie zeigen, dass sich an der Mentalität noch nichts geändert hat."

Die Frage nach den Nachteilen in Polen beantworten die rückkehrenden Landsleute einmütig: Korruption, Bürokratie und unklare Vorschriften. Es sei schwer, Geschäfte zu betreiben, wenn man nicht weiß, welche Steuern im nächsten Jahr zu zahlen sein werden.

"Und dann dieser Stempel-Kult", fügt Wojtek Bochenski hinzu. "Wir haben das Internet und Handys der dritten Generation, aber der Stempel ist heilig."

Was ihn aber schon am ersten Tag nach seiner Rückkehr nach Polen auf die Nerven ging, ist der grobe Umgang der Menschen untereinander, die er schon am frühen Morgen zu spüren bekommt, wenn er mit seinem Auto zur Arbeit fährt.

"Die Menschen auf den Straßen sind irgendwie wütend, sie lächeln nicht", sagt er. "Andererseits ist der Alltag hier viel interessanter, bunter und voller Verlockungen. In Kanada ist von Montag bis Freitag nichts los. Um ehrlich zu sein, ist es dort totlangweilig."

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Die IPS-Studie befasst sich neben den Rückkehrern aus Amerika auch mit Rückkehrern aus Großbritannien und Deutschland. (...)

Ein Großteil der in Großbritannien lebenden Polen sind Kriegsemigranten und Polen, die unmittelbar nach dem Krieg das Land verlassen haben, die sich als politische Flüchtlinge betrachteten und den Auslandsaufenthalt nur als vorübergehend ansahen. Diese Gruppe pflegte die Sprache, die Staatssymbole, die Religion auf besondere Weise. Man legte Wert auf das kulturelle Anderssein und pflegte die Rückkehr-Idee.

"Ich habe niemals daran gezweifelt, dass mein Platz in Polen ist, wenn Polen wieder frei ist", sagt ein Emigrant aus England. "Obwohl ich noch nicht einmal daran zu denken gewagt hätte, dass die russische Oberherrschaft jemals ein Ende nimmt."

Die Umstände haben sich geändert und die politischen Emigranten mussten sich damit zufrieden geben, dass sie den Flüchtlingsstatus verloren und zu Wirtschaftsemigranten wurden. Ein Teil von ihnen entschied sich für die Rückkehr. In einigen Fällen traf man diese Entscheidung mit Rücksicht auf die Kinder. Die Emigranten selbst fühlten sich weder in England als Engländer noch als Polen in Polen. Um den Kindern ein derartiges Dilemma zu ersparen, statt sie in England zu Engländern zu erziehen beschlossen sie, in Polen Polen aus ihnen zu machen.

Unter den Rückkehrern au Großbritannien befinden sich recht viele Emigranten der zweiten Generation, die im Ausland geboren und ausgebildet worden sind und die des Polnischen nicht mächtig sind. Für sie war es demnach keine Rückkehr nach Hause, sondern in eine symbolische Heimat - man fügte sich dem Willen der Eltern.

Die sentimentalen Gründe waren jedoch stark mit wirtschaftlichen verflochten. Einerseits war es das Gefühl, es tun zu müssen und das Bewusstsein, von Polen gebraucht zu werden, andererseits hatten ihre Qualifikationen - wie im Fall der Taktiker aus Amerika - in Polen einen viel größeren Wert als in Großbritannien. Außerdem behaupten sie, dass ihnen im Vergleich zum vergilbten England hier alles neu und dynamisch erschien. Alles war eine Herausforderung, ein Experiment.

Im Falle Deutschlands war es anders. Die Rolle der Pioniere des polnischen Kapitalismus übernahmen diejenigen, die für immer das Land verlassen hatten, vor allem aber Kleinhändler, die sich die Gesetze der freien Marktwirtschaft selbst aneigneten und die Gastarbeiter, die nicht selten nach Jahren zu polnischen Repräsentanten ihrer Arbeitgeber wurden.

Von den Emigranten, die sich zur Rückkehr entschlossen haben und die von ISP befragt wurden, betrachten sich viele als Verlierer. Als Grund für ihren Entschluss nennen recht viele auch die Abneigung der Deutschen gegenüber Einwanderern.

"Sobald die Deutschen nur den Akzent hörten, gab es schon eine gewisse Distanz. Das Leben ist nicht einfach, wenn man bei jeder Gelegenheit beweisen muss, ein normaler Mensch zu sein. Mehrfach hörte ich in Geschäften das Wort "raus". Ich habe festgestellt, dass ich dort nicht hingehörte und packen muss", erinnert sich ein Rückkehrer.

In den USA fühlen sich die Ankömmlinge schnell zu Hause, denn es ist ein Land von Einwanderern. In Deutschland war dies nicht so einfach. In den achtziger Jahren reisten nach Deutschland aktive, gebildete Menschen aus, und es war nicht einfach, eine Arbeit zu finden, die ihren Qualifikationen entsprach. Sie fühlten sich ausgeschlossen, isoliert. Verstärkt wurde dies durch die Formalitäten, die sie zu erledigen hatten während sie von Sozialhilfe lebten.

"Die Regierung sorgt für deinen Lebensunterhalt, aber arbeiten darfst du nicht, auch wenn du Arbeit findest", erzählt eine Polin. "Man fühlt sich schlecht, denn man lebt von Sozialhilfe, sitzt den ganzen Tag zu Hause herum, darf aber nicht arbeiten, denn wenn man erwischt wird, wird man rausgeschmissen. Also geht man kein Risiko ein, denn man möchte schließlich die Wohnung, die Sozialhilfe, die Möbel, die Schule nicht verlieren..."

Die Abhängigkeit von Sozialhilfe machte die Integration nicht gerade leichter, eine Chance auf Erfolg hatten lediglich diejenigen, die die sich rechtzeitig davon lösen konnten.

"Auf Grund meiner Beobachtungen kann ich sagen, dass Polen, die es in Deutschland wirklich zu etwas gebracht haben, gut gehende Firmen, Arztpraxen oder Anwaltskanzleien haben und nicht an eine Rückkehr denken", sagt Andrzej Lein, der in Frankfurt ein Transportunternehmen betreibt. "Zurückgekehrt sind vor allem diejenigen, die irgendetwas angefangen haben, die aber nur mittelmäßig waren. Der deutsche Markt erfordert enorme Disziplin und das polnische "Irgendwie wird es schon werden" zieht hier nicht. Sie nutzten also die deutschen Erfahrungen und die Chance, die sich ihnen in Polen bot und kamen hier zu Erfolg.

(...)

Über die Hälfte der von ISP befragten polnischen Rückkehrer bezeichnete ihre materielle Situation in der Emigration als durchschnittlich und erklärt, in Polen habe sie sich wesentlich verbessert. Insgesamt waren die Reaktionen ausgeglichen: Ein Drittel möchte für immer in Polen bleiben, ein Drittel denkt an die Ausreise und der Rest ist unentschieden.

Eine Verschlechterung bedeutete die Rückkehr in die Heimat vor allem für diejenigen, die in Amerika einer körperlichen Arbeit nachgingen, die in polnischen Enklaven tätig waren und die der soziale Aufstieg nicht interessierte. (...) Diese Menschen sind es auch, die am häufigsten von einer erneuten Auswanderung aus Polen sprechen. Verstärkt wird der Frust aber noch durch die Tatsache, dass die Auswanderung in sozialistischen Zeiten als Synonym für Tatkraft galt, heute dagegen eher mit Verlieren gleichgesetzt wird. Die Rezession ging aber auch nicht an denen vorbei, die Kapital mitgebracht und eigene Firmen gegründet haben. Sie klagen immer öfter darüber, dass "Polen kein Land für Arbeitgeber ist, sondern für Arbeitnehmer und Steuereintreiber". Auch den Mangel an Stabilität und Unsicherhit, wie es morgen sein wird, bekommen sie zu spüren.

"Am besten wissen sich diejenigen zu helfen, die abgeworben werden", sagt Tomasz Magda, der in Warschau eine Headhunter-Firma betreibt. "Für meine Branche hat die Rezession dramatische Folgen, aber noch klage ich nicht. Außerdem ist die Rezession lediglich ein Wirtschaftszyklus, der irgendwann wieder vorbei ist und nicht das Ende der Welt", fügt er optimistisch hinzu. Wenn er heute jedoch Polen in Amerika raten sollten, in die Heimat zurückzukehren oder nicht, dann würde er schwanken. "Einem, sagen wir mal, vierzigjährigen Ingenieur mit einer gut gehenden Firma würde ich entschieden nein sagen. Die jungen Leute aber, die erst ihr Studium abgeschlossen haben, können sich hier dem Wettbewerb stellen, sie müssen sich aber im Klaren darüber sein, dass es nicht mehr einfach ist. Für die Rückkehrer aus dem Westen gibt es also heute eine ganze Reihe von Nachteilen: Sie wollen mehr verdienen, sind mit den Realitäten nicht vertraut und haben keine Kontakte. Als Plus für sie kann ihre Arbeitseinstellung betrachtet werden, die in Polen immer noch um 150 Jahre zurücksteht und die Anspruchslosigkeit, die hier sogar bei jungen Menschen erstaunlich ist."

Der Boom ist vorbei und die Rückkehrerwelle der gebildeten Schicht ist zweifellos abgeebbt. Aber immer noch kommen Polen aus Amerika in ihre Heimat zurück.

"Ich treffe hier immer wieder Bekannte aus New York: Musiker, bildende Künstler, Architekten", sagt Andrzej Czeczot, der nach 15 Jahren zurück gekehrt ist. Als die Arbeit an seinem Film "Eden" so richtig losging ließ er sich trotz der starken Proteste seines damals 22-jährigen Sohnes mit seiner Familie in Lodz nieder. "Es war ihm ins Blut übergegangen, Recht und Ordnung zu respektieren und er konnte sich an die polnische Mentalität nur schlecht gewöhnen. (...) Andererseits ist in Amerika der Weg zur Karriere länger. Es ist schwierig, sich durch die Masse talentierter Leute durchzuboxen. Polen ist ein kleines Land und es ist hier einfacher, auf sich aufmerksam zu machen.

Damit erklärt Andrzej Czeczot auch die Rückkehr seiner New Yorker Bekannten. In Amerika ist Erfolg vergänglich. Man hat seine 15 Minuten, aber die Konkurrenz ist riesig und im Rücken ist stets der Atem junger Leute zu spüren, die es mit einem aufnehmen wollen. "Man lebt in einer enormen Spannung, und die Leute sind es schließlich leid. Sie kehren nach Polen zurück, wo es auf dem Markt leichter ist und eine Karriere im Westen einen Trumpf in der Hand bedeutet." Immer häufiger sprechen auch ältere Menschen von der Rückkehr nach Polen, die sich nostalgisch an den Duft der Wälder, den Geschmack eingelegter Gurken sowie die grauen Hinterhöfe ihrer Städte erinnern. Nicht ohne Bedeutung ist auch das Trauma vom 11. September, das ihr Sicherheitsgefühl stark erschüttert hat. Die Aussicht, mit amerikanischer Rente in Polen zu leben wirkt verlockend.

"Wenn ich Rentner bin, kehre ich nach New York zurück", sagt Tomasz Magda feierlich. (TS)

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