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Politik

Der dubiose Selbstmord des Ghasi Kanaan

Der syrische Innenminister Ghasi Kanaan soll drei Wochen nach seiner Befragung im Mordfall Hariri Selbstmord begangen haben. Über die möglichen Motive und Hintergründe berichtet Peter Philipp.

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Ghasi Kanaan

Es kann natürlich auch alles anders sein, als der erste Anschein glauben macht: Tatsache ist nur, dass Ghasi Kanaan tot ist - Beweise liegen bisher nicht dafür vor, dass der 63-jährige syrische Innenminister tatsächlich Selbstmord begangen hat.

Libanon Porträt von Rafiq Hariri

Foto des ermordeten Rafik Hariri

Der erste Anschein legt den Verdacht nahe, dass der Tod Kanaans in Verbindung steht mit der Untersuchung des Attentats auf den ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri Anfang des Jahres. Kanaan war erst vor kurzem in der Sache von dem deutschen UN-Untersucher Detlev Mehlis befragt worden und trotz aller offiziellen Dementis aus der syrischen Hauptstadt: Im Libanon gilt es weiterhin als ausgemacht, dass Syrien hinter dem Hariri-Anschlag steckt.

Der Mann im Hintergrund

Und wer wäre da weniger verdächtig als Ghasi Kanaan? Der Mann, der von 1980 bis 2002 die syrischen Operationen im Libanon gelenkt und befehligt hatte. Der General und Geheimdienstmann war die "graue Eminenz" der Syrer im Libanon und ohne ihn - vor allem: gegen seinen Willen - geschah dort nur sehr wenig. Gewiss: Kanaan kehrte zwei Jahre vor der Ermordung Hariris nach Damaskus zurück, die syrischen Truppen und der syrische Geheimdienst mussten sich aber erst nach dem Tode Hariris zurückziehen. Und bis dahin hielten Männer wie Kanaan die Fäden weiter in der Hand.

Es wäre aber doch recht untypisch für einen so starken und resoluten Machtmenschen, nun plötzlich Gewissensbisse zu bekommen und freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Da drängt sich förmlich der Verdacht auf, jemand könnte ein Interesse daran gehabt haben, Kanaan zum Sündenbock zu machen, um sich und Syrien von dem wachsenden Druck zu befreien, den Amerikaner, Franzosen, die Vereinten Nationen und auch die Libanesen ausüben. Besonders der Druck aus Washington begann, gefährliche Dimensionen anzunehmen: Syrien wurde wieder als Terrorstaat bezeichnet, ihm wurde Unterstützung für die Aufständischen im Irak unterstellt und in Damaskus hielt man die Gefahr eines amerikanischen Angriffs längst nicht für ausgeschlossen.

Kanaan ein Bauernopfer?

Welch patente Idee folglich, sich diesem Druck nun durch ein "Bauernopfer" zu entziehen. Kanaan war stark genug und seine Macht im Libanon schier unbegrenzt. So dass man ihm unterstellen könnte, ohne Wissen des Regimes daheim gehandelt zu haben. Noch schweigt man in Damaskus, aber dieser Weg wird allgemein als eine mögliche Taktik betrachtet. Zumal Präsident Bashar el Assad nur Stunden vor dem Tod Kanaans in einem Interview versicherte, an einer neuen Zusammenarbeit mit Washington gegen den Terrorismus im Irak interessiert zu sein.

Aber da bliebe auch noch eine weitere Variante: Kanaan wird nämlich nachgesagt, sich in den 22 Jahren im Libanon grenzenlos bereichert zu haben. Er soll sogar - gegen entsprechende Schmiergelder - Rafik Hariri zur Wahl verholfen haben. Warum hätte er diesen dann später ermorden lassen sollen? Korruption aber hat schon einmal in den letzten Jahren einen führenden syrischen Politiker zum Selbstmord getrieben, den ehemaligen Ministerpräsidenten Mahmoud a-Sobi. Bis heute ist nicht geklärt, ob es Selbstmord war oder ob man ihn dazu zwang. Sicher ist nur, dass Amt und Titel in Syrien kein verlässlicher Schutz sind.

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