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Politik & Gesellschaft

Der Drogenhandel geht - die Polizei bleibt

In Rio de Janeiro muss das organisierte Verbrechen immer mehr Favelas räumen. Es gehe nicht nur um Sicherheit für die Olympischen Spiele, versichert der Chef der "Befriedungspolizei" auf einer Konferenz in Berlin.

Polizisten pflanzen eine brasilianische Fahne auf den höchsten Punkt einer Favela in Rio de Janeiro, bei einer Aktion gegen Drogendealer (Foto: AP)

Polizisten hissen Brasiliens Flagge in einer Favela

Coronel Robson Rodrigues da Silva ist die skeptischen Fragen mittlerweile gewohnt: Nein, sagt er, das neue Sicherheitskonzept der Polizei von Rio de Janeiro sei nicht bloß für die Fussball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 gemacht worden. Es gehe um einen langfristigen Wandel in der Bekämpfung der organisierten Kriminalität in seiner Stadt.

Rodrigues ist Chef der Unidades de Policía Pacificadora (UPP), die seit zweieinhalb Jahren dabei sind, die verloren gegangene staatliche Ordnung in die Favelas von Rio de Janeiro zurückzutragen. Auf einer Konferenz der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin berichtete der Polizeioffizier über Erfolge bei der "Befriedung" jener Armenviertel, aus denen die Drogenbanden vertrieben wurden. Mittlerweile habe er rund 3200 seiner Polizisten in 63 Favelas stationiert, sagt der Oberst. Eine halbe Million "Cariocas", wie sich die Einwohner von Rio selbst nennen, könnten dort wieder ohne Angst vor Schießereien, Hinrichtungen und Drangsalierungen durch Drogenbosse leben, die vorher weitgehend unbehelligt in kleinen Parallelwelten herrschten.

Coronel Robson Rodrigues da Silva, Chef der sogenannten Befriedungspolizei in Rio de Janeiro mit Mikrofon in der Hand bei einer Veranstaltung der Böll-Stiftung in Berlin (Foto: Heinrich- Böll-Stiftung)

Robson Rodriguez: Langfristiger Wandel

Die soziale Nachhut der Elitetruppen

Zwar erstürmte auch früher die Polizei ab und an eine Favela. Ohne Rücksicht auf die Bewohner zu nehmen, verhaftete oder liquidierte sie einige Kriminelle und zog dann wieder ab. Heute folgt auf die für ihre Härte gefürchteten Spezialbataillone der 48.000 Mann zählenden Militärpolizei, auf die Panzerwagen und Hubschrauber, die neue Policía Pacificadora. Bewaffnet mit Pfeffersprays und Elektroschockern statt mit Sturmgewehren, ausgebildet als Mediatoren, sind die Polizisten eine Art "soziale Nachhut" im Kampf gegen das organisierte Verbrechen. Sie sollen die notwendige Selbstorganisation der Bewohner ermöglichen, die vorher weitgehend von den Launen der Drogenbosse abhingen.

Bis 2014 werde man in insgesamt 175 Favelas deren Vormacht brechen und eine Million Menschen aus dem Bannkreis des organisierten Verbrechens befreien, kündigt Oberst Robson Rodrigues in Berlin an. Der 47-jährige Chef der UPP steht selbst für eine andere Polizei, als man sie aus Filmen wie "Tropa de Elite" kennt, in denen die brasilianische Militärpolizei den Verbrechern in Brutalität nicht nachsteht. Rodrigues war Kommandeur eines Spezialbataillons der Militärpolizei, aber er hat auch Jura und Anthropologie studiert und seine eigene Truppe aus dieser Sicht analysiert. "Wir sind dabei, ein anderes Verhältnis zur Bevölkerung herzustellen", sagt er, die Menschen in den Favelas würden beginnen, den Polizisten zu vertrauen, statt sie zu fürchten.

90 Prozent der Bewohner fühlen sich sicherer

Am Berghang: Häuser der Favela Santa Marta (Foto: Solveig Flörke)

Befriedet: Die Favela Santa Marta

In einer Umfrage des Brasilianischen Instituts für Sozialforschung (IBPS, Instituto Brasileiro de Pesquisa Social) sagten über 90 Prozent der Befragten in den "befriedeten" Favelas, sie fühlten sich durch die Präsenz der UPP sicher. Positiv wird registriert, dass keine Schießereien und illegale Hinrichtungen mehr stattfänden, keine bewaffneten Mitglieder der Drogenbanden mehr durch die Strassen patrouillierten und der öffentliche Handel und Konsum von Drogen aufhöre. Die schwere Kriminalität tendiere gegen Null, sagt Oberst Rodrigues, die UPP beschäftigten sich mittlerweile mit Dingen wie häuslicher Gewalt und Nachbarschaftsstreitigkeiten. Sie organisiere Sozialprogramme, Feiern zum Muttertag und Sportgeräte für Kinder.

Als die Polizei in die ersten vier, fünf Favelas einrückte, stieß sie noch auf Widerstand der Banden. Es gab die übliche Schießerei mit unbeteiligten Opfern, bevor die Kriminellen größtenteils flüchteten. Mittlerweile haben die Behörden das Vorgehen geändert und kündigen die Besetzung von Favelas vorher an. Die Kriminellen weichen zwar aus, doch sie verlieren ihre für den Drogenhandel wichtige Infrastruktur. Den Bewohnern bleiben die blutigen Straßenschlachten zwischen Polizei und Banden erspart. In einer der gewalttätigsten Metropolen der Welt ist das schon ein großer Fortschritt, machte der brasilianische Soziologe Ignacio Cano deutlich, der ebenfalls auf der Konferenz in Berlin auftrat.

"Der Drogenhandel geht, die Polizei bleibt - für immer", dieses selbstgewählte Motto der Policía Pacificadora scheint dagegen ein wenig hoch gegriffen. Die besorgte Frage von Zuhörern in Berlin, womit denn die Bewohner der Armenviertel nach dem Einrücken der Polizei ihren Lebensunterhalt verdienen, wenn nicht mehr im Drogengeschäft, beantwortet Cano als Kenner der Szene lakonisch: Wahrscheinlich weiter im Drogengeschäft, aber wenigstens ohne Morde und Schießereien.

Das Enblem der Olympischen Spiele 2016 (Foto: AP)

Rio 2016 scheint sicher, aber was kommt danach?

Was kommt nach Fussball-WM und Olympia?

Auch heute ist in Rio de Janeiro die Zahl der Morde immer noch höher als in den meisten Großstädten der Welt. Doch laut offizieller Polizeistatistik geht sie seit einiger Zeit kontinuierlich zurück, im März 2011 lag die Quote bei 2,3 Morden auf 100-tausend Einwohner. Zählt man allerdings die Verschwundenen hinzu, von denen die meisten höchstwahrscheinlich Opfer von Gewalt wurden, sind es mehr als doppelt so viele.

Brasilien steht bei FIFA und IOC im Wort, die Sicherheit von Fussball-WM und Olympischen Spielen zu garantieren. Über 800 Millionen Dollar will man laut Bewerbungsunterlagen allein für die Absicherung der Olympischen Spiele ausgeben und 60-tausend Polizisten im Einsatz haben.

Er habe keinen Zweifel, sagte der Soziologe Cano, dass sein Land die Sicherheit der Gäste während der wenigen Wochen garantieren könne, in denen die Welt zu Gast in Rio ist. Das habe man bereits bei den Panamerikanischen Spielen 2007 bewiesen. Damals hatte wegen der scharfen Sicherheitskontrollen sogar die Eröffnungszeremonie mit einer halben Stunde Verspätung begonnen.

Die große Frage für die Brasilianer sei aber, was wohl nach 2016 passieren werde, beispielsweise auch mit der Policia Pacificadora. Die Polizisten selbst sind skeptischer als ihr Chef Robson Rodrigues: Bei einer internen Befragung zeigten sich 70 Prozent davon überzeugt, dass die UPP nur für Fussball-WM und Olympischen Spiele geschaffen wurden.

Autor: Bernd Gräßler
Redaktion: Hartmut Lüning