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Nahost

Der Drahtseilakt der Libanesen

Noch ist der Krieg in Syrien nicht im Nachbarland Libanon angekommen. Aber der Konflikt verschärft auch hier die religiösen Spannungen. Um einen Krieg abzuwenden, überdenkt sogar die Hisbollah ihre Haltung.

Eine hohe Staatsverschuldung, eine schwache Armee und mehrere Stunden Stromausfall täglich: Die libanesische Regierung kann derzeit nur selten Erfolge vermelden. Auf der diplomatischen Bühne allerdings agiert das Land geschickt. Seit anderthalb Jahren tobt beim Nachbarn Syrien der Bürgerkrieg, und der Libanon ist trotzdem heute relativ stabil und relativ ruhig. Dabei sind beide Länder eng miteinander verwoben. Hunderttausende Syrer leben in dem Zedernstaat am Mittelmeer: Gastarbeiter, die schon seit Jahren auf dem Bau arbeiten, aber auch Flüchtlinge, die wegen der Kämpfe in ihrer Heimat gekommen sind.

Zurückhaltung der Libanesen

Syrische Flüchtlinge im Libanon (Foto: Reuters)

Hilfe bekommen die syrischen Flüchtlinge nur vom UNHCR

Über Politik öffentlich sprechen wollten bislang nur wenige Syrer. Sie haben Angst davor, dass der Sicherheitsapparat des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad sie auch hier aufspürt. Erst vor sieben Jahren hatte Syrien seine letzten Truppen aus dem kleinen Nachbarstaat abgezogen, die es dort seit dem Beginn des Bürgerkriegs 1976 stationiert hatte. Bis 2005 wurden Regierung, Armee und Geheimdienste in Beirut weitgehend von Assad und seinem Baath-Regime kontrolliert.

Doch langsam dreht sich die Stimmung. Immer mehr Syrer trauen sich auf die Straße, um zu demonstrieren. Unterstützung für ihre Anliegen erhalten sie allerdings nur von den Libanesen aus dem Norden des Landes, wo traditionell die Assad-Gegner die Bevölkerungsmehrheit stellen.

Gespalten und unschlüssig

Die libanesische Gesellschaft ist in der Syrien-Frage gespalten - genauso wie die Politik, sagt der Nahost-Experte Martin Beck von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Amman im Gespräch mit der Deutschen Welle. Seit dem Abzug der syrischen Truppen hat sich der Libanon in zwei politische Lager gespalten: Auf der eine Seite steht die oppositionelle "Bewegung des 14. März" von Ex-Ministerpräsident Saad Hariri. Sie gilt als pro-westlich, koaliert mit christlichen Parteien und ist seit dem Mord am ehemaligen Ministerpräsidenten Rafik Hariri, Saads Vater, ein erbitterter Gegner Syriens.

Auf der anderen Seite steht die "Bewegung des 8. März", die vor allem von der schiitischen Hisbollah getragen wird und eng mit dem Assad-Regime verbunden ist. Sie stellt die derzeitige Regierung. Doch seit Beginn der Proteste bemüht sich Ministerpräsident Najib Mikati um eine neutrale Haltung zum Regime in Damaskus. So hat Beirut einerseits bei der Verminung des Grenzgebiets durch Syrien nicht protestiert, duldet aber andererseits die Anwesenheit und medizinische Versorgung syrischer Flüchtlinge. 

Angst vor einem Imageschaden

Plakat mit Fotos von Irans Präsident Ahmadinedschad, Syriens Präsident Assad und Hisbollah-Chef Nasrallah (Foto: AP)

Haben Einfluss auf den Libanon: Ahmadinedschad, Assad und Nasrallah (v.l.)

Die Regierungspolitik wird vor allem von der Hisbollah bestimmt, die bis heute enge Kontakte zum Iran und zur syrischen Regierung unterhält und sich offenbar an der Verfolgung von Assad-Kritikern beteiligt. Sie hätte bei einem Sturz Assads am meisten zu verlieren. Allerdings ist das Bekenntnis der Hisbollah zum syrischen Präsidenten heute lange nicht mehr so eindeutig, wie es zu Beginn der Proteste war. Damals pries Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah Baschar al-Assad als Mann der Veränderungen und Reformen.

Heute, ein Jahr später, fordert Nasrallah, der Chef der "Partei Gottes", eine politische Lösung und ein Ende der Gewalt. "Ein Präsident, der sein eigenes Volk niedermetzelt, ist natürlich kein besonders attraktives Aushängeschild für die Hisbollah", sagt Historiker Michael Wolffsohn der DW. Wenn sich die Hisbollah weiterhin offen für Assad aussprechen würde, dann würde sie das Signal an ihre Anhänger senden, dass auch sie im Notfall auf ihre eigenen Leute schießen lässt.

Auch die Bewegung des 14. März um den Hariri-Clan hält sich indes mit Kritik an Assad zurück. Das mehrheitlich sunnitisch geprägte Bündnis gilt zwar eigentlich als Assad-Gegner, doch die Christen des 14. März befürchteten, dass ein Machtwechsel Assads für sie negative Folgen haben könnte, so Martin Beck von der Konrad-Adenauer-Stiftung. Zu groß sei die Sorge davor, dass sie in einem destabilisierten Syrien zum Ziel islamistischer Übergriffe werden könnten.

Die Balance halten

Die Regierung im Libanon manövriert sich durch eine schwierige Lage: Sie demonstriert Verbundenheit mit dem Regime in Syrien und will zugleich die Stabilität des eigenen Landes nicht aufs Spiel setzen. Denn die ethnisch-religiösen Konfliktlinien sind teilweise identisch mit denen in Syrien, wie die Vorfälle von Anfang Juni im Norden des Libanon zeigen. Außerdem will der Libanon seine Glaubwürdigkeit international nicht durch zu große Nähe zum Assad-Regime gefährden.

Dass der Konflikt in Syrien vollkommen auf den Libanon übergreift, glaubt Nahost-Experte Martin Beck allerdings nicht. Das würde erst dann der Fall werden, wenn es zu einem regionalen Krieg käme. Und man kann gespannt sein, wie sich die Hisbollah dann verhält.

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