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Fußball

Der Direktvergleich spricht für Frankreich

Vor dem vorweggenommenen EM-Finale wird überall in Frankreich und Deutschland diskutiert: Gastgeber oder Weltmeister - wer hat die bessere Mannschaft? Hier der Versuch einer Antwort.

Frankreich Testspiel Deutschland vs. Frankreich (Foto: picture alliance/Pressefoto Ulmer/M. Ulmer)

Läuft der Weltmeister den Gastgebern hinterher? Im Direktvergleich der Mannschaftsteile haben Les Bleus die Nase vorne...

Eine Mannschaft, das ist die Summe ihrer Einzelteile, sagen die einen. Stimmt nicht, es kommt auf das kollektive Auftreten des Gesamtkunstwerkes an, sagen die anderen. Im Falle von Deutschland und Frankreich, die am Abend im zweiten Halbfinale aufeinandertreffen (ab 20:30 Uhr MESZ, im

DW-Liveticker

), ist es nicht ganz leicht, sich für eine der beiden Fußball-Weltanschauungen zu entscheiden. Denn beide Mannschaften beeindrucken durch hervorragende Teamarbeit und individuelle Klasse. Offensive Stärke und defensive Disziplin auf beiden Seiten. Deutschland und Frankreich begegnen sich auf Augenhöhe. Nicht einmal die Buchmacher trauen sich, einen Favoriten auszumachen und vergeben im Schnitt identische Quoten für beide Titelanwärter. Und gerade weil auf den ersten Blick kein großer Unterschied erkennbar ist, lohnt eine Analyse im Detail.

Tor:

Man könnte sich die Antwort leicht machen: Klarer Vorteil Deutschland. Aber beim näheren Hinschauen fällt auf: Der französische Torwart Hugo Lloris ist genau wie Manuel Neuer ein echter Rückhalt. Zwar begann die EM für ihn mit einer Schrecksekunde, als nach drei Minuten im Turnier bereits Rumäniens Bogdan Stancu gegen ihn traf. Doch danach lief es für Lloris. Mit großartigen Reflexen auf der Linie und einer soliden Strafraumbeherrschung ist der 29-jährige Keeper von Tottenham Hotspur ein Garant für den Erfolg seines Teams. Gegen die Deutschen soll sein Team nach lloris Worten "über unsere Grenzen hinauswachsen", auch weil er weiß, das sein Gegenüber noch besser ist: Manuel Neuer ist der Phänotyp des modernen Torwarts. Brillant auf der Linie, ein Elfmetertöter, im Strafraum eine Macht und selbst außerhalb ein Retter und Spieleröffner. Kurz: Neuer ist der beste Torhüter, den die Torwart-Nation Deutschland je hatte. Seitdem er die Flatterigkeit, die ihn zu Beginn seiner Karriere noch begleitete, abgelegt hat, ist der 30-jährige Bayern-Schlussmann auch weltweit die Nummer 1. Und auch ohne die Kapitänsbinde, die gegen Frankreich wieder Bastian Schweinsteiger übernimmt, ist er eine Schlüsselfigur des deutschen Spiels.

Per Mertesacker tröstet Laurent Koscielny nach dem WM-Viertelfinale 2014 (Foto: pa)

Gelebte deutsch-französische Freundschaft: Per Mertesacker tröstet Laurent Koscielny nach dem WM-Viertelfinale 2014

Abwehr:

Hier hätte die DFB-Elf einen weiteren Pluspunkt sammeln können. Hätte. Denn nach der Gelbsperre für Mats Hummels muss Joachim Löw sein mit viel Mühe und Trainingsarbeit zusammengestelltes Abwehr-Gefüge neu justieren. Die zentrale Achse Boateng-Hummels fällt also aus und noch scheint unklar, wie der Bundestrainer das kompensieren will. Besetzt er die Hummels-Position einfach mit Benedikt Höwedes nach und kehrt zur Viererkette Hector-Höwedes-Boateng-Kimmich zurück, um über die Außen mehr Zug nach vorne zu ermöglichen? Oder lässt Löw eher das Zentrum zustellen und setzt auf eine Dreierkette mit den Innerverteidigern Mustafi-Boateng-Höwedes? So oder so: Der deutschen Defensive fehlt die Souveränität und die Spieleröffnung à la Hummels. Zudem ist Höwedes etwas langsamer, was gegen die französischen Offensiv-Asse zum Problem werden könnte. Auf französischer Seite wird Nationaltrainer Deschamps wohl wieder auf seine Viererkette Sagna-Rami-Koscielny-Evra setzen. Die Formation galt zu Beginn des Turniers noch als mögliche Schwachstelle des eher auf Offensive ausgerichteten Gastgeberteams. Doch inzwischen wirkt der Abwehrriegel gut eingespielt und meistens sicher. Dass die Blauen nach einer 4:0-Halbzeitführung gegen Island im Viertelfinale noch zwei Gegentore zuließen, kann man unter "Energiesparmodus" abhaken. Die Abwehrreihen sind also ebenbürtig.

Mittelfeld:

Bildkombo Özil Kanté (Foto: dpa)

Kann sich der deutsche Spielmacher Mesut Özil (l.) gegen Frankreichs Newcomer N'Golo Kanté durchsetzen?

Es ist der spannendste Vergleich, und hier könnte sich die Partie entscheiden. Im Zentrum des Spiels wirkt Frankreich momentan extrem stark und vor allem stetig besser werdend. Nachdem es zu Beginn des Turniers noch hörbar knarzte im Scharnier zwischen Defensive und Offensive, läuft der Wechsel nun wie geschmiert. Der anfänglich enttäuschende Paul Pogba, vor dem Turnier als Superstar der EM gehandelt, kam immer besser ins Spiel und bedient nun mustergültig seine Kollegen vor ihm. Sein Kopfballtor gegen Island wirkte wie ein Korkenzieher bei ihm - und beeindruckte Manchester United, das nun angeblich 100 Millionen Euro für ihn hinblättern will. Gemeinsam mit Blaise Matuidi und dem überraschend stark auftrumpfenden Newcomer N'Golo Kanté hält Stimmungsmacher Pogba dem fabelhaften Offensivduo Antoine Griezmann und Dimitri Payet den Rücken frei. Die vielleicht beste Offensivachse der EM wird die deutsche Mannschaft sehr fordern, zumal Joachim Löw ausgerechnet in diesem Bereich umbauen muss: Durch die Verletzung von Sami Khedira bekommt der wieder einmal überragende Spielgestalter Toni Kroos den alternden Bastian Schweinsteiger an die Seite gestellt. Was Erfahrung, taktische Disziplin und Spielübersicht betrifft, ein kaum zu schlagendes Duo. Wenn da nicht die mangelnde Schnelligkeit wäre und zudem hinter Schweinsteigers Kondition für möglicherweise 120 Minuten ein kleines Fragezeichen steht. Fraglich ist zudem, wie die offensive Umstellung im deutschen Mittelfeld funktionieren wird: Neben Spielmacher Mesut Özil sollen vermutlich Julian Draxler und der bisher nicht überzeugende Mario Götze agieren. In Sachen Passspiel sehen die Statistiker die deutsche Auswahl übrigens vor der französischen Elf, die gerade im Mittelfeld aber mit großer Laufarbeit beeindruckt. Unter dem Strich steht ein leichter Vorteil für Frankreich.

Sturm:

Thomas Müller vor Spiel gegen Frankreich (Foto: dpa)

Scheinbar heilig und im deutschen Team gesetzt, aber aktuell nicht treffsicher: Thomas Müller

Vor dem Turnier hätte hier sicherlich Deutschland die Nase vorne gehabt: Thomas Müller rückt nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Mario Gomez wie schon während der gewonnenen WM 2014 in die Spitze und galt auch dank seiner unkonventionellen und unberechenbaren Spielweise als Torgarant - bisher. Denn während der EM lief es nicht für Müller, der bei diesem Turnier im offensiven Mittelfeld noch kein Tor machte. Zudem wirkt der 26-jährige Bayern-Star etwas überspielt. Zwar rennt Müller wie eh und je viele Kilometer pro Spiel, wirkt im Abschluss aber nicht so fokussiert wie noch in Brasilien. Auf der Stürmerposition soll nun seine Stunde schlagen. Bei Olivier Giroud sieht es anders aus: Vor der EM sowohl im Verein (FC Arsenal) als auch in der Nationalelf kritisiert, trifft der 29-Jährige bei der EM aus beinahe allen Lagen. Sein Kopfballspiel ist sehr gut, sein Zusammenspiel mit Payet und Griezmann ebenfalls. Dank seiner bisher drei Treffer hat Giroud die Nase momentan vorne.

Fazit:

Somit zeigt der Direktvergleich der Mannschaftsteile leichte Vorteile bei den Franzosen - vor allem in der Offensive. "Les Bleus" wirken torhungriger und in ihrer aktuellen Offensiv-Formation eingespielter als "die Mannschaft". Ob dieser Vorteil im zweiten Halbfinale den Unterschied machen wird? Warten wir es ab…

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