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Politik

Der Dinosaurier vom Dienst

Es gibt Zeiten, in denen haben selbst (Parlaments-)Journalisten so gut wie nichts zu tun. In diesen Zeiten machen Randthemen groß Karriere, weiß Marcel Fürstenau aus eigener Erfahrung.

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Parlamentsjournalisten fassen Debatten im Bundestag zusammen, sie besuchen Presse-Konferenzen in Ministerien und Verbandszentralen. Kurzum: Sie recherchieren, analysieren und und kommentieren, was das Zeug hält.

(So gut wie) nichts davon passiert in diesen Tagen. Schon ein Blick auf die Termin-Vorschauen der Agenturen zeigt: Es ist nichts los. Am Freitag nach Weihnachten steht bei der Deutschen Presse-Agentur unter (dpa) unter der Rubrik 'Politik' ein einsamer Termin: der Naturschutzbund verleiht den 'Dinosaurier des Jahres 2002'. Die Auszeichnung geht an den Vorstandschef der Energie Baden-Württemberg, Gerhard Goll. Die Umweltorganisation würdigt mit dieser von ihr selbst als "peinlichsten Umweltpreis" Deutschlands bezeichneten Ehrung Golls beharrliche Blockade des Atomausstiegs.

An normalen Tagen hätte diese Meldung, hätte dieser Termin, kaum für Aufsehen gesorgt. Es wäre nun übertrieben zu behaupten, dem Naturschutzbund sei die Bude eingerannt worden. Aber immerhin um die 15 Journalisten interessierten sich an diesem Tag für dieses Ereignis im Hause der Bundespresse-Konferenz, wohin ansonsten die politische Elite Deutschlands eingeladen wird. Der Radio-Korrespondent der Deutschen Welle, der als einziger neben dem Chef vom Dienst auch wirklich im Dienst war, avancierte an diesem Tag zum begehrtesten Kollegen. Denn natürlich wollte die Wirtschafts-Redaktion im Kölner Stammhaus unbedingt einen Beitrag über den 'Dinosaurier des Jahres 2002' haben.

An einem dieser vielen normalen Tage im Leben eines Journalisten – außer Weihnachten, Silvester und vielleicht noch Ostern und Pfingsten – also fast das ganze Jahr über, hätte der besagte Kollege seinen Dinosaurier anbieten können wie Sauerbier und wäre auf ihm sitzen geblieben. Niemand hätte sich für ihn interessiert. Und der Naturschutzbund wäre enttäuscht gewesen, weil wahrscheinlich statt 15 nur drei oder vier Journalisten erschienen wären, wenn zur gleichen Zeit Bundeskanzler Gerhard Schröder eine Presse-Konferenz gegeben hätte. Weil er das aber nicht getan hat am Freitag nach Weihnachten, sind wir Parlamentsjournalisten dem Naturschutzbund unendlich dankbar, dass er so kurz vor Silvester den 'Dinosaurier des Jahres 2002' gekürt hat. Und wir versprechen hiermit, auch über die Wahl zum 'Dinosaurier des Jahres 2003' zu berichten. Vorausgesetzt, die Presse-Konferenz findet nach Weihnachten und vor Silvester statt...