1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Der Diktator und die Deutschen

Zum ersten Mal nach dem Krieg wird in Deutschland eine Ausstellung über Hitler als Person gezeigt. Das Deutsche Historische Museum verzichtet aber weitgehend auf originale Objekte aus Hitlers Leben.

Eindruck von der Ausstellung in Berlin (Foto: DW)

Eindruck von der Ausstellung in Berlin

Besucher schauen in dieses Gesicht - es ist nicht besonders ausdrucksstark, aber sie kennen es. Die halbe Welt kennt es, bis heute, und die Deutschen ganz besonders. Sie werden damit groß. Es gehört unweigerlich zur Ikonografie des letzten Jahrhunderts - diese starrenden Augen in einem verschlossenen, reglosen Gesicht. Jedoch genauer betrachtet sieht man im Grunde nicht viel. Nur Pose. Kein Fotograf kam an Hitler ran, der ein wahrhaftiges Porträt von ihm machen wollte. Dafür starrt er uns dutzendfach in dieser Berliner Ausstellung an: als Büste, als Gemälde, als Foto, als Karikatur. Aber kommen wir, die Nachgeborenen, ihm so näher? Und es bleibt noch eine Frage: wie konnte ein sonst so gewöhnlicher Mensch wie Hitler ein Charisma entwickeln, dem so viele bis zum Schluss folgten?

Hitler als eine "bizarre Persönlichkeit"

Für Museumschef Hans Ottomeyer war Hitler eine "extrem bizarre Persönlichkeit, ein Stadtstreicher und verurteilter Krimineller". Ein Mann, so der Historiker, der "von seiner persönlichen Erscheinung her kein faszinierender Mensch war: Er war nicht schön, er sah nicht arisch aus, er entsprach nicht dem blonden Recken, den er selbst als den vollkommenen Menschen ausgemalt hat." Seine physische Erscheinung konnte es also nicht sein, die seine Wirkung ausmachte. Aber dennoch war ein Teil seiner Physis ein Faktor, wie der Museumschef meint. Es war Hitlers Stimme.

Kartenspiel Führer-Quartett (Foto: Sebastian Ahlers)

Alltag im NS-Staat: Karten spielen mit dem "Führer-Quartett"

Diese herausfordernde, schneidende Stimme, die keinen Widerspruch zuließ und die durchaus modulieren konnte - vom sanft-väterlichen zum brutal-diktatorischen. Die Berliner Ausstellung zeigt natürlich auch Volksempfänger, wie wir sie kennen. Auch sie sind schon Teil der Nazi-Ikonografie. Daneben tragbare Mikrofone. Alles technische Mittel mit - damals - immenser Wirkung. Hitler hat als erster Machthaber konsequent die technischen Möglichkeiten seiner Zeit genutzt - wobei Kurator Klaus Jürgen Sembach, Jahrgang 1933, davon ausgeht, dass Hitler, Göring und Goebbels eine Art Arbeitsteilung betrieben haben.

Sembach erinnert sich an die Abende vor dem Volksempfänger, wie widerlich er Hitler fand, diese "Horvathsche Figur, ein Metzgergeselle aus der Wiener Vorstadt". Nach ihm sprach Göring, ein "Volkstribun", wie Sembach meint, und als dritter redete Goebbels mit seiner "gehobenen Sprache" und "reichen Wortwahl". Das hat den heutigen Historiker als Kind beeindruckt, im Nachhinein drückt er es so aus: "Die einen haben Hitler geliebt, weil er so laut und gewöhnlich war wie sie selber. Göring war für den Soldaten der richtige Kriegsheld. Und für die Intellektuellen und Anspruchsvolleren war Goebbels der richtige Redner."

Hitler und seine "Volksgemeinschaft": ein Abhängigkeitsverhältnis

Vielleicht hätten sich die Ausstellungsmacher auch mehr auf die öffentlichen Auftritte Hitlers konzentrieren sollen, um seine Wirkung auf die Massen zu erklären. So richtig trauen sie sich aber nicht. Es geht ihnen weniger um Hitlers Wirkung, als um die sogenannte "Volksgemeinschaft". Eins ist sicher: Die Deutschen haben sich nicht gleichschalten lassen, sie haben sich selbst gleich geschaltet. Die "Volksgemeinschaft" könnte wirklich so etwas wie eine wärmende Großfamilie gewesen sein. All die unzähligen Opfer waren Ausgestoßene, aber letztlich gehörten sie einfach noch nie wirklich zur "Familie".

Hitler als Spielzeugfigur (Foto: Eva Usi)

Die Ausstellung zeigt, wie Propaganda für Hitler betrieben wurde...

Die Ausstellung ist voll von damaligen Ehrerbietungen an Hitler und seine Bewegung. Hitler als Familienvater, als gütiger Herrscher - Kinder haben Briefe an ihn geschrieben, Bilder gemalt, ihm zum Geburtstag gratuliert. Sie konnten sogar mit ihm spielen. In der Berliner Ausstellung findet sich Hitler als fingergroße Spielfigur, neben ihm SA-Männer mit Standarte. Solche Figuren gab es ganz offiziell zu kaufen.

Grotesker Nazi-Kitsch

Grotesk ist auch ein Wandbehang, den der NSDAP-Kreiskulturwart von Rotenburg an der Fulda in Auftrag gab - er zeigt Hitler-Jungen, BDM-Mädchen, SA-Trupps und Frauen aus dem Ort, die in Form eines großen Kreuzes der Kirche zustreben. Dazwischen ist das Vaterunser eingestickt. Das Ganze ist drei Meter hoch und zwei Meter breit. Und an der Kirche hängt schon die Hakenkreuzflagge - als Willkommensgruß. All dies zeigt, wie durchgestaltet der NS-Staat war, was für ein ästhetisches System ihm zugrunde lag. "Vom kleinsten Gegenstand bis hin zur Architektur gab es klare Vorgaben, wie etwas auszusehen hatte, bis hin zum idealen Menschen, der sich vom 'Untermenschen' abzusetzen hatte", sagt Kurator Sembach.

Juden werden deportiert (Foto: Eva Usi)

...aber auch die Verbrechen der Nazis: Juden werden deportiert

Die Nazi-Folklore ist in ihrer Profanität bedrückend, denn: Man weiß, was im Namen des Regimes geschah. Auch die Ausstellungsmacher stellen diesen Kontrast heraus: Kaum ein Nazi-Objekt, ohne dass daneben die Opfer zu sehen sind. Simone Erpel ist Sembachs Kuratorenkollegin. Sie zeigt beim Thema Luftschutz einen Sandeimer und eine Feuerpeitsche, und gleich daneben Fotos von Zwangsarbeitern, die nach den Bombenangriffen Aufräumarbeiten leisten mussten. Sie will nicht nur die inszenierte "Volksgemeinschaft" zeigen - sondern "auch die, die draußen bleiben müssen: die Zwangsarbeiter, oder die, die diese gefährlichen Arbeiten machen müssen. Die haben auch zu der Gesellschaft hier in Deutschland gehört." Dieser Kontrast mag zwar pädagogisch wertvoll sein, aber damit ist noch nichts über Hitler selbst gesagt.

Angst vor der eigenen Courage

Die Ausstellungsmacher muss auf halber Strecke der Mut verlassen haben. Sie haben sich offenbar die Diskussion, ob man überhaupt eine Ausstellung über Hitler als Person machen dürfe, allzu sehr zu Herzen genommen. Befürchtete Skandale sind bisher ausgeblieben, Historiker zeigen sich nach ersten Rundgängen enttäuscht. Diese Schau bietet nicht den geringsten Anhaltspunkt für Kontroversen, sie ist sehr brav geraten. Es wäre sicher eine Provokation gewesen, Hitler als Person in all seinen üblen Facetten zu zeigen - aber eine, die uns vielleicht weiter gebracht hätte, als diese überaus polithistorisch korrekte Ausstellung.

Autor: Vladimir Balzer

Redaktion: Dirk Eckert

WWW-Links

Audio und Video zum Thema