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Der Diener in der Wüste

Servicewüste Deutschland: Der Dienst am Kunden, die Dienstleistung, wird nicht überall und von allen immer groß geschrieben. Nur vom stummen Diener. Der dient – und das, ohne sich groß zu beschweren.

Träge lümmelt er sich in seinem Blaumann hinter dem Tresen des Baumarkts, die Augenlider auf Halbmast. Es fehlt nur noch, dass er sich gähnend mit einem Zahnstocher zwischen den Zähnen herumgestochert hätte. "Nee, junge Frau, die dreiviertelzöllige Schraube mit der dazugehörigen Mutter hamm mer nich."

Dienen" – ein Fremdwort im Baumarkt

Eine Frau mit einem Bohrer beim Verlegen von Parkett. Trennwände im Hintergrund

Die Schrauben fehlen noch!

"Ja, und jetzt?", frage ich. "Müssen mer bestellen. Aber vorm Wochenende wird dat nix mehr", kommt es von meinem Gegenüber. Ich straffe mich und bringe mein vermeintlich schlagendes Argument: "Aber heute ist doch erst Mittwoch!" Er bleibt ungerührt: "Ja, trotzdem, kanma nix machen. Die kommt nicht eher. Gucken Se doch noch mal bei der Konkurrenz, vielleicht haben die so wat."

Dienen und leisten

Ich fahre wütend nach Hause: "Ja, klar. Da haben wir es wieder, mein Lieblingsthema: Dienstleistungswüste Deutschland! "DIENST-LEIS-TUNG!" schreie ich wutentbrannt im Auto während des Berufsverkehrs. "Dienstleistung kommt von DIENEN und LEISTEN, aber davon keine Spur – überall wird man nur ausgebremst!"

Service-Ausschlag?

Es half nichts, der Stau war perfekt. Bestimmt wieder wegen einer Tagesbaustelle. Nachts kann man ja nicht arbeiten, geht ja nicht, wenn alles schläft. Vorsicht, Dienstleistung! Nehmen Sie Abstand! Sonst erwischt es Sie noch in diesem Land. Bloß keinem dienen! Es soll Menschen geben, die von zuviel Service am Kunden Ausschlag bekommen haben!

Verweigerungshaltung

Wer weiß heute noch, dass "dienen" aus dem Althochdeutschen kommt und damals soviel wie "Knecht sein" bedeutete. Ha, das sollte man dem Schraubenverweigerer mal erzählen: "Sie sollten mein Knecht sein!" Über die Antwort kann man nur spekulieren. Sie könnte etwa lauten: "Junge Frau, Sie sprechen im Wahn!"

Bundeswehrsoldaten bei der Grundausbildung

Sie können sagen: "Ich habe gedient"

Nein, mit dem Dienen ist hierzulande nicht viel los. Seit die Veteranen des Ersten und Zweiten Weltkrieges die "Langhaarigen" der 68er Generation mit einem schnarrenden "Junger Mann, hammse denn überhaupt jedient?" zur Raison bringen wollten, hat sich verständlicherweise eine Abneigung gegen das "Dienen" entwickelt. Verweigerung der Dienstleistung aus historischen Gründen gewissermaßen.

Antiquiertes

Nicht nur das Dienen ist antiquiert. Auch Äußerungen wie "Ihr Diener, gnädige Frau!" und "Stets zu Diensten, mein Herr!" passen nicht mehr in die Zeit. Es sind Redewendungen, die vor etwa fünfhundert Jahren ein Zeichen für so genannte gute Manieren waren.

Solche Äußerungen kennen Sie nicht? Machen Sie sich nichts draus – 99 Prozent der deutschen Bevölkerung können auch nicht damit dienen. Und auch nicht mehr mit dem Diener, der höflichen Verbeugung. Junge Männer konnten damit bei den jungen Damen Eindruck zu schinden, besonders, wenn sie dann noch einen Kuss auf die Hand hauchten.

Alte Tugenden

Genauso wenig verbindet heute jemand etwas mit der Bedeutung derjenigen Wörter, die alle in Verbindung mit Dienst zu finden sind, beschreiben sie doch Tugenden aus den so genannten "guten alten Zeiten" – alle alten Zeiten sind merkwürdigerweise gut.

Die Dienstwagenflotte der Bundesregierung

Allseits bereit: die Dienstwagen

Tugenden wie Dienstbarkeit, Dienstbeflissenheit, Diensteifer, Dienstbereitschaft. Der Dienstanzug, der Dienstwagen und die Dienstwohnung sind sozusagen Tugenden des Arbeitgebers an seine leitenden Angestellten, die schnöden Sparmaßnahmen zum Opfer gefallen sind.

Der stumme Diener

Womit können wir denn noch dienen? Mit dem stummen Diener zum Beispiel. Das hört sich doch zunächst mal gar nicht so übel an: Jemand, der bedient und dabei den Mund hält, meinen Sie?

Weit gefehlt! Hier handelt es sich leider nur um ein anderes Wort für einen Kleiderständer, auf den fein säuberlich Jacke, Hose und Krawatte gehängt werden können. Der stumme Diener kommt dabei mit und ohne Kopf daher, die Arme sind mal weit, mal weniger weit ausgestreckt. Die Designer lassen sich immer wieder etwas Neues einfallen.

Dienstleistung?

Also, mit dem dienen sind wir nicht weit gekommen. Wie sieht es aber mit der Leistung aus, der Erfüllung der Pflicht? Jetzt wollte ich es wissen. Obwohl ich schon spät dran war, fuhr ich noch meine Gartenabfälle auf die Müllkippe. Dort war weit und breit kein Mensch zu sehen.

Ein großes Schild versehen mit einer noch größeren Warnblinkanlage hielt mich auf. Auf dem Schild stand: "Den Aufforderungen des Dienstpersonals ist Folge zu leisten." Na, bitte, endlich mal einer mit der halbwegs richtigen Einstellung. Die wollen dienen und mich auffordern und ich sollte leisten. Wunderbar, ein gemeinsamer Beitrag zur Wiederbelebung der Dienstleistung!

Nicht dienendes Dienstpersonal

Diensteifrig näherte sich ein Angestellter der Abfallwirtschaftsbetriebe in seiner orangefarbenen mit Reflexstreifen versehenen Dienstkleidung. Ich war schon ganz gespannt. "Gartenabfälle? Junge Frau, gemäß den Dienstvorschriften können Sie die am ersten Container abladen!"

Szene aus Dinner for One: Butler James (links) bedient Miss Sophie

Zu Diensten Miss Sophie: Butler James in "Dinner for One"

Das war alles! Und meinen Gartenmüll musste ich auch alleine in den Container wuchten. Das Dienstpersonal trank Kaffee in seinem Büdchen. Man konnte sich das offensichtlich leisten. Tief enttäuscht machte ich mich auf den Heimweg. Es dämmerte. Mir langsam auch: Sie geht weiter, die Suche nach der deutschen Dienstleistung.

"Tschau"

Und was mache ich jetzt ohne die dreiviertelzöllige Schraube? Bestelle ich vielleicht am Diens-tag. Vielleicht ruft mir der Baumarkt-Fritze im Blaumann dann ein lässig-kameradschaftliches italienisches "Tschau" (ciao) hinterher. Das heißt nichts anderes als "Ich bin dein Sklave". Womit wir dann wieder beim Diener und der Dienstleistung wären.

Fragen zum Text

Ein Blaumann ist …

1. eine Flasche mit Alkohol.

2. ein besonderes Kleidungsstück.

3. ein Mann in einem blauen Anzug.

Wenn jemand fragt "Haben Sie gedient?", dann will er/sie wissen, …

1. ob Sie als Diener in einem Haushalt gearbeitet haben.

2. ob Sie beim Militär als Soldat waren.

3. ob Sie im Kundendienst eines Unternehmens beschäftigt waren.

Es heißt: Dienst … keit

1. beflissen

2. eifrig

3. bar

Arbeitsauftrag

Spielen Sie in der Gruppe die Szene im Baumarkt nach. Verwenden Sie in dem Gespräch zwischen dem/der Angestellten und dem Kunden/der Kundin möglichst viele Begriffe, in denen "dienen" vorkommt. Wer die meisten Begriffe hat, soll zum Sieger/zur Siegerin gekürt werden.

Autorin: Anke Berlin

Redaktion: Beatrice Warken

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