Der die Kunstszene auf den Kopf stellte: Georg Baselitz wird 80 | Kunst | DW | 21.01.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kunst

Der die Kunstszene auf den Kopf stellte: Georg Baselitz wird 80

Mit 18 flog er von der Kunsthochschule, weil es ihn zu Picasso hinzog. Das Image vom Querkopf hat Georg Baselitz auch danach gehegt wie seine Kunst selbst: zum 80. Geburtstag eines Weltstars.

Wenn ein angehender Künstler schon früh von der Kunsthochschule fliegt, kann das entweder das Ende seiner jungen Karriere bedeuten - oder aber der Startschuss zu einer Weltkarriere sein. Im Fall von Georg Baselitz traf letzteres zu. 1956 war er zum Studium aus dem sächsischen Deutschbaselitz nach Ostberlin gezogen, doch nach zwei Semestern an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst war Schluss, man attestierte ihm "gesellschaftspolitische Unreife". Der 18-Jährige, der damals noch Hans-Georg Kern hieß, hatte sich in den Semesterferien geweigert, zur solidarischen Mitarbeit in ein Industriekombinat nach Rostock zu fahren. Er malte lieber Bilder im Stile Picassos.

Da die Mauer noch nicht gebaut war, zog er von Ost- nach Westberlin, wo er auf die zu jener Zeit in der deutschen Kunst omnipräsente Abstraktion traf. Statt sich einzureihen, waren Baselitz' Figuren von einem expressiven Realismus geprägt - ein konsequentes Ausbrechen aus dem künstlerischen Status quo. 1961 nahm er seinen Künstlernamen an und erregte bald Aufsehen mit Bildern, die nicht in die bieder-gesellschaftlichen Konventionen passen wollten. "Ich war ein vollständig verquerer, verbohrter, renitenter Typ, der alle ablehnte", sagte Baselitz der befreundeten Bianca Jagger im "Interview"-Magazin über jene Zeit.

Georg Baselitz kniet in seinem Atelier, umringt von Farbeimern, vor einem Gemälde auf der Erde (Alamodefilm)

2013 gewährte Baselitz Dokumentarfilmern Zutritt zu seinen Ateliers in Deutschland und Italien

Zwei seiner Bilder, "Der nackte Mann" und "Die große Nacht im Eimer", sorgten 1963 für einen Eklat und wurden beschlagnahmt. Baselitz und zwei Berliner Galeristen mussten sich wegen der Zurschaustellung von Pornografie verantworten, erst vor dem Landgericht Berlin und schließlich vor dem Bundesgerichtshof. Die Bilder zeigten je eine Figur mit großem Penis, und wer wollte, konnte darin den Akt der Masturbation erkennen. Das Verfahren wurde schließlich eingestellt.

Bis heute ist ungeklärt, ob das Aufsehen nicht bewusst inszeniert war: Der Galerist Michael Werner soll eine skandalisierende Berichterstattung befördert haben, die Grundlage der Beschlagnahme war. Wahr oder nicht: Werner wurde nach dem Prozess zu einer bedeutenden Figur auf dem deutschen Kunstmarkt, Baselitz verkaufte plötzlich Bilder - und ganz nebenbei war das Image vom unbeugsamen Rebell etabliert, das sich bis heute hält. Baselitz hat dazu immer wieder durch streitbare Einlassungen beigetragen. So wiederholte er mehrfach, Frauen könnten nicht malen, was sich an den niedrigen Preisen widerspiegele, die ihre Gemälde auf dem Kunstmarkt erzielten. Die Documenta bezeichnete er einmal als "Paralympics". Wohl bedachte Äußerungen, die die Marke Baselitz im Gespräch hielten.

Jung sein und dazugehören

Video ansehen 04:29
Jetzt live
04:29 Min.

Georg Baselitz wird 80

Der Maler betrachtet seine Werke als "Schlachten", von denen seit dem 21. Januar anlässlich seines 80. Geburtstags rund 100 in einer Retrospektive in der Fondation Beyeler in Basel gezeigt werden. Im Interview mit Euromaxx zeigt Baselitz sich begeistert von der Schau: "Ich war vorher sehr unruhig, weil ich ja selber nicht weiß, wenn das alles zusammenkommt, ob das dann standhält, in solchen fantastischen Räumen, in so einem fantastischen Museum, mit so einem Riesen-Publikum. Aber seit die Sachen an der Wand hängen, muss ich sagen: Bravo!" Im Juni ziehen die Gemälde nach Washington weiter - unter ihnen "Der nackte Mann".

2015 zog Baselitz seine Leihgaben aus deutschen Museen zurück, weil das Kulturschutzgesetz der Bundesregierung vorsah, Museumssammlungen in ihrer Gesamtheit unter einen Ausfuhrschutz zu stellen. Künstler, Sammler, Galeristen oder Auktionshäuser hätten Kunst dann ausschließlich in Deutschland verkaufen dürfen. Georg Baselitz' Kunstwerke wechseln weltweit für hunderttausende Euro die Besitzer, ältere Werke erzielen bei Auktionen siebenstellige Beträge. Für Baselitz kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen: "Ich möchte da dabeibleiben, jung sein, dazugehören", sagte er 2013 dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Der aktuelle Kunstkompass führt ihn auf Platz vier der wichtigsten lebenden zeitgenössischen Künstler.

Zu Baselitz' Ruhm beigetragen hat die Fähigkeit, sich und die eigene Kunst immer wieder neu zu erfinden - was Kunsthändler immer wieder die Hände über dem Kopf zusammenschlagen lässt, fragen die Kunden doch nach dem, was sie kennen. Mitte der 1960er Jahre schuf Baselitz innerhalb kurzer Zeit rund 60 Gemälde, die als "Helden" bekannt sind. Mit 30 habe er "rumdilettiert, weil ich diese erschöpfenden Bilder hinter mir hatte, die Helden-Bilder waren wie ein abgeschlossenes biografisches Werk", erzählte er Bianca Jagger.

Gerhard Schröder in seinem Büro im Kanzleramt vor dem Baselitz-Gemälde »Fingermalerei III - Adler« (Werner Bartsch, Hamburg)

Wissen, was gut ist: Der damalige Bundeskanzler Schröder wählte das Baselitz-Gemälde "Fingermalerei III - Adler" für sein Büro

Es folgte ein Kapitel, das ihn weltberühmt und einzigartig machen sollte: Baselitz malte die Bilder auf dem Kopf. "Ich musste nun keine monströsen Dinge mehr erfinden. Ich konnte eine Fotografie nehmen, von einem Apfelbaum oder einem Adler, und in einer realistischen, konservativen Weise malen. Durch die Umkehrung war es unnötig geworden, die Malerei im Bild voranzutreiben." Damit gelang es ihm, die Sehgewohnheiten der Betrachter aufzubrechen und ihren Blick zu schärfen: Sitzt alles dort, wo es hingehört? Und: Was soll das eigentlich? "Ich finde die Idee großartig und würde mir das gar nicht mehr zutrauen, dass diese Idee von mir kommt", erklärt Baselitz im Interview mit Euromaxx. " Aber sie kam ja in einer Zeit, in der ich völlig unbemerkt war. Meine Kollegen, mit denen ich in Konkurrenz stand, haben gesagt, 'das ist ein Trick, ein Gag'. Ich finde, das ist eine gute Möglichkeit, Bilder zu machen, die anders aussehen als die Bilder davor und die Bilder der Anderen."

Bildhauer und Remix

Georg Baselitz schuf ein Alleinstellungsmerkmal - und widmete sich dann der Bildhauerei. Riesige Figuren aus Holz waren das Ergebnis. Baselitz malte auch frühere Bilder nach, der "Remix" sollte sie mit der Gegenwart verbinden. Vor seinem 75. Geburtstag kündigte er an, fortan vornehmlich schwarze Bilder zu malen.

Museen in aller Welt haben seine Werke ausgestellt, er war im deutschen Pavillon der Kunstbiennale in Venedig vertreten. Baselitz, der seit 2013 mit seiner Frau in Salzburg lebt, wird anlässlich seines 80. Geburtstags am 23. Januar auch in seiner Heimat geehrt: Das sächsische Kamenz, dem Deutschbaselitz 1999 eingemeindet wurde, verteilt über das Jahr zwei Ausstellungen, einen Vortrag sowie eine Buchpremiere.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

Audio und Video zum Thema