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So geht Deutschland

Der Deutsche will über alles reden

Quatschen und reden, das ist eigentlich ziemlich undeutsch. Dennoch spielt es eine große Rolle. In seiner siebten Kolumne widmet sich Peter Zudeick der Frage, warum die Deutschen immer über alles reden wollen.

Das muss jetzt ein Missverständnis sein: Über alles reden, das ist nun so was von undeutsch, da kann was nicht stimmen. Der Deutsche liebt klare Verhältnisse, zumindest sieht er sich gerne selbst so und möchte gerne so gesehen werden. Wenn etwas einmal entschieden ist, dann wird's auch so gemacht und nicht lange darüber diskutiert. "Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen treiben.“ Das hat der Komponist Richard Wagner gesagt, naja, er hat es so ähnlich gesagt. Und Kurt Tucholsky hat diesen Satz leicht verändert: "Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen übertreiben.“ Ob nun so oder so, es geht immer ums Prinzip, und das wird eisern durchgehalten.

Ein junges Paar steht in Berlin vor dem Schaufenster eines Schmuckgeschäftes (Foto: Jörg Lange / dpa)

Auch Paare müssen viel besprechen

Das gilt zumindest für den deutschen Mann. Jaja, bei den Frauen ist das alles etwas anders. Da kann alles noch so entschieden und ausdiskutiert und festgezurrt sein - ein paar Minuten oder ein paar Tage oder Monate später kommt der Satz: "Du, darüber müssen wir noch einmal reden." Ob es um den Urlaub geht, die gemeinsame Wohnung, den Kinderwunsch, das neue Auto. Und dann geht alles von vorne los. Das mag der deutsche Mann nicht wirklich. Es gibt nun mal Dinge, die sind festgemauert in der Erde. Oder im Kopf. Frauen können nicht einparken, Kinder brauchen eine strenge Erziehung, die Erde ist rund, der Ball auch. Will sagen: Über alles reden wollen, das ist eine Frage des Geschlechts und keine der nationalen Mentalität.

Als der Mann glaubte die Frau zu verstehen

Bloß: Irgendwann muss irgendwas Merkwürdiges passiert sein. Sagen wir mal so: Im Zuge einer temporären Verweichlichung des deutschen Mannes in der Nachfolge der Studentenbewegung bildete sich ein Typ Mann heraus, der allen Ernstes glaubte, man könne die Frauen verstehen. Und ihren Anspruch, über alles reden zu wollen. Der Frauenversteher war geboren.

Zwei Fäuste schlagen gegeneinander (Foto: fotolia.com)

Ein netter Plausch kann schnell eskalieren

Nun gut, die Zeiten haben sich gewandelt, der Frauenversteher freilich ist geblieben. Und der muss natürlich über alles reden. Und das geht dann etwa so: "Wie war dein Tag, Schatz?" - "Gut. Alles prima." Besorgter Blick. "Wirklich." - "Aber ja, kein Problem." Der Blick wechselt von besorgt zu verständnisvoll. "Willst du drüber reden?" - "Ja, worüber denn?" - "Vielleicht darüber, dass du nicht zugeben willst, dass es dir nicht gut geht?" Ja, eben, man muss über alles reden, und es ist nicht vorstellbar, dass es gar nichts gibt, worüber zu reden wäre.

Diese Sucht ist vornehmlich in bestimmten Berufsgruppen anzutreffen: Bei Psychologen, Psychotherapeuten, Sozialpädagogen, Pädagogen allgemein, Theologen und dergleichen mehr. Ein in diesen Kreisen gerne erzählter Witz geht so: Treffen sich zwei Psychologen. Fragt der eine: "Weißt Du, wie spät es ist?" Sagt der andere: "Nein. Aber gut, dass wir mal darüber gesprochen haben." - Eine Woche später treffen die beiden sich wieder. Der eine fragt: "Weißt Du inzwischen, wie spät es ist?" "Nein", sagt der andere, "aber ich kann schon viel besser damit umgehen." Und auch darüber lässt sich dann wunderbar reden.

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