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Alltagsdeutsch – Podcast

Der Deutsche und sein Auto

Es wird gehegt und gepflegt, und ist der Deutschen liebstes Kind: das Auto. Manche bauen eine besondere emotionale Beziehung zu ihm auf. Manche genießen es, das Letzte auf der Autobahn aus ihrem Gefährt herauszuholen.

O-Ton:
"Also sind schon viele Jungs, die dann fragen ob‘s 'nen Ferrari wäre oder halt ältere Herren, die dann kommen und einfach nur dabei sein wollen, wie ich das Ding starte. Für den Deutschen kommt es halt auch wirklich drauf an, was ist da unter der Haube, ne. Nicht nur ob es schön aussieht, sondern ob es auch wirklich das hält, was es verspricht. Gibt ja viele kleine aufgemotzte Autos, die trotzdem da mit 40, 45 PS durch die Gegend gondeln, aber mehr passiert da halt nicht."

Sprecherin:

Matthias ist 27 Jahre alt und konnte sich vor einem Jahr seinen Traum vom Sportwagen erfüllen. Denn das, was er so ganz beiläufig das Ding nennt, ist ein schwarzer Porsche 911. Selbst als Gebrauchtwagen hat er noch ein kleines Vermögen gekostet. Im Unterhalt ist das Fahrzeug natürlich auch nicht gerade billig. Da werden halt die Kneipen- und Restaurantbesuche eingeschränkt. Warum also ein Porsche?

Sprecher:
Für Matthias ist es wichtig, dass ein Auto hält, was es verspricht. Ein Auto soll also nicht nur schön aussehen, sondern technische Qualität besitzen. Ganz im Gegensatz zu den vielen aufgemotzten Autos mit extra breiten Reifen und dicken Auspuffrohren. Das Wort aufmotzen kommt aus der Jugendsprache und meint angeben oder Eindruck machen wollen. Aufgemotzte Autos sehen also oft nur beeindruckend aus, fahren aber nicht unbedingt schnell. Mit ihnen, meint Matthias abfällig, kann man nur gondeln. Die Gondel ist bekanntlich ein langes venezianisches Boot, das eher langsam und gemächlich vorangleitet. Der Porsche fährt dagegen 260 Stundenkilometer schnell.

Sprecherin:

Das Auto ist in Deutschland ein Synonym für Lebensqualität, Freiheit, Freizeit und Unabhängigkeit. Das schätzen vor allem die Männer, die im Wagen ihren körperlichen Bewegungs- und Betätigungsdrang ausleben, so haben Freizeitforscher herausgefunden. Und deswegen wird auf deutschen Straßen und Autobahnen gerne schnell gefahren.

O-Töne:
"Ich fahr schon sehr dicht auf, dass jeder weiß, dass ich vorbei will. Und ich fahre gerne schnell. Wenn frei ist, alles wat kommt, bis zum Anschlag. So 'ne angenehme Reisegeschwindigkeit ist so 180 rum. Also Schilder haben eigentlich in der Regel für mich keine großartige Bedeutung. Ich hab mittlerweile – ich glaube – sieben Punkte in Flensburg und alle wegen Geschwindigkeitsüberschreitung. / Ich fahre einfach zügig. Ich versuch mich dem fließenden Verkehr anzupassen, vielleicht auch manchmal nen bisschen schneller, aber mit Sicherheit kein Raser. / Ich fahre sehr aggressiv und reg‘ mich auch schnell auf. Wenn also einer sagen wir mal an ner roten Ampel, wenn die grün wird, nicht gleich aus dem Quark kommt, dann bin ich schon auf 180, ne."

Sprecher.

Ich habe mittlerweile sieben Punkte in Flensburg, mag sich für den ausländischen Besucher ungefähr so geheimnisvoll anhören wie die Sprüche, mit denen sich befreundete Agenten in Spionagefilmen zu erkennen geben. In der norddeutschen Stadt Flensburg ist das Verkehrs-Zentralregister des Kraftfahrzeugbundesamts zu Hause. Im Volksmund nennt man es die Verkehrssünderkartei. Hier werden alle rechtskräftigen Gerichts- und Behördenentscheidungen zu Verstößen gegen die Straßenverkehrsordnung gesammelt: von zu schnellem Fahren bis zu Alkohol am Steuer. Und für jeden Verstoß gibt’s eine bestimmte Punktzahl. Bei 18 Punkten ist für ein halbes Jahr der Führerschein weg, und ohne ihn darf man in Deutschland nicht Autofahren. Ein Raser ist übrigens ein Mensch, der mit sehr hoher Geschwindigkeit fährt Er ist meistens jung, männlich und fährt aggressiv, vor allem dann, wenn Leute nicht gleich aus dem Quark kommen. Das ist natürlich nicht wörtlich zu verstehen. Man könnte sich dabei eine Fliege vorstellen, die im Quark kleben bleibt. Diese Fliege kommt dann nur ganz langsam heraus aus dem weißen Brei. Und genau das ist mit diesem Bild gemeint: wer nicht aus dem Quark kommt, hat eine langsame Reaktionszeit. Bei manchem Zeitgenossen geht dabei gleich der Puls auf 180 Schläge pro Minute hoch. Bis man allerdings jene Frequenz erreicht hat, muss man entweder schwer krank oder sehr, sehr aufgeregt sein. Der Ausdruck Ich bin auf 180 ist also ein Synonym für Ich bin besonders wütend.

Musik:
Erste Allgemeine Verunsicherung: "300 PS"

"… Jetzt hab ich ein Auto,

dafür hab ich gelebt,

Ich lass den Motor gurgeln,

auf dass die Erde bebt.

Die Reifen müssen qualmen wie heißer Leberkäs',

300 PS, 300 PS …"

Sprecherin:

"Auch wenn das Autofahren auf den überfüllten Straßen eher quälend ist, kommen heute trotzdem auf einen Kilometer Arbeitsweg zwei Kilometer Weg zum Freizeitvergnügen. Raus-und-Weg heißt das Motto. Busse und Bahnen werden gemieden. Am liebsten fährt der Deutsche in seinem Auto einfach nur so durch die Gegend.

O-Ton:
"Ist halt schön einfach, ne, so nen bisschen der Rausch von der Geschwindigkeit. Wenn’s draußen warm ist, das Dach ist auf. Ist einfach schön."

Sprecherin:

Alexander, 33 Jahre alt, Ingenieur bei einem großen Kölner Automobilhersteller und Autofan, achtet sehr auf die äußere Erscheinung seines Gefährts. Deshalb kann er bestimmte Verhaltensweisen seiner Mitfahrer überhaupt nicht leiden.

O-Ton:
"Wenn die im Auto krümeln, wenn sie Bananenschalen ins Auto legen und nicht rausnehmen, Türen knallen, dreckige Autos, Autos, die innen dreckig sind, all diese kleinen Sachen, ohne dass ich es jetzt nur mit Samthandschuhen anfasse, aber das könnte mich auf die Palme bringen."

Sprecher:

Alexander geht nicht wirklich auf eine Palme oder irgendeinen anderen Baum, der gerade in der Nähe steht. Der Ausdruck auf die Palme bringen ist ein sprachliches Bild für den Vorgang des wütend Machens. Hier liegt die Vorstellung zugrunde, dass Ärger einen Menschen hochgehen lässt. Klar, wenn man das eigene Auto mit Samthandschuhen anfasst, es also besonders zartfühlend und vorsichtig behandelt, dann kommt schon Wut auf, wenn andere es nicht tun.

Musik:
Erste Allgemeine Verunsicherung: "300 PS"

"… Gestern auf der Autobahn,

da ist es gescheh'n:

Ein Porsche hat mich überholt,

ließ mich einfach steh'n!

Er hat mein Ego ausgebremst,

ich schrei noch SOS!

400 PS – Iiieh!

400 PS!

Vollgas …"

Sprecherin:

Der Autobahnabschnitt von Leverkusen nach Köln ist 14 Kilometer lang und einer der meist befahrenen in Deutschland. Pro Tag kommen hier rund 150.000 Autos durch, und das führt täglich zu kilometerlangen Staus. Die Autobahnpolizei Köln sieht gerade in der Massenmobilität einen großen Stressfaktor. Dazu Polizeihauptkommissar Jürgen Lügger.

O-Ton:
"Der erste, der sich dann einfach nicht nötigen lässt, kitzelt ihn immer mehr heraus, was ihn dazu bringt, möglicherweise die Lichthupe einzusetzen, sehr dicht aufzufahren, den Blinker zu setzen und dergleichen. Der sogenannte Stinkefinger ist hier sicherlich in Tateinheit Beleidigung fast alltäglich."

Sprecher:
Wenn man jemanden kitzelt, berührt man ihn so, dass er lachen muss. Kitzelt ein Mensch einen anderen mit seinem Verhalten heraus, dann reizt er ihn und macht ihn wütend. Manch einer zeigt dann den erhobenen Mittelfinger – auch Stinkefinger genannt. Sein Einsatz gilt als ziemlich schlimme Beleidigung. Im Deutschen wird das Wort stinken oft dann benutzt, wenn man etwas als schlecht und übel charakterisieren möchte. Die Lichthupe gehört auch zur Zeichensprache der Autofahrer. Man blinkt mit dem Fernlicht ein paar Mal auf. Zweck der Übung ist – wie bei einer richtigen Hupe – den Vordermann auf etwas aufmerksam zu machen.

Sprecherin:

Wer neben einem deutschen Autofahrer sitzt, wird bald einige nützliche Fachausdrücke lernen. Vor den hier beschriebenen Fahrerspezies sollten sie sich jedenfalls in acht nehmen und notfalls Abstand halten.

O-Töne:
"Leute, die mit Hut fahren. Die hat man besser hinter sich. Leute, die mit Hut fahren – nicht, dass die unheimlich langsam fahren, aber die fahren sehr unsicher. / Kriecher vor mir bringen mich auf die Palme, wenn die meinen, sie müssten die ganze Zeit links fahren. / Diese Sonntagsfahrer ne, das ist das schlimmste eigentlich."

Sprecher:

Ein Kriecher fährt ziiiiiiemlich laaaaaangsaaaam, kriecht so behäbig wie eine Schnecke, die sich dicht am Boden fortbewegt. Sonntagsfahrer können übrigens auch montags und dienstags auftreten. Der Ausdruck besagt nur, dass sie äußerst selten fahren – meistens nur in der Freizeit – und dadurch unsicher sind.

Musik:
Erste Allgemeine Verunsicherung: "300 PS"

"… Ich brauch keine Wohnung,

ich schlaf in der Garage'.

Wo ich am Abend niemals mich,

doch stets mein Auto wasch'!

Dann küss ich meine Reifen,

halt sie fest bis in der Früh!

1 ½ Atü, 1 ½ Atü …"

Sprecherin:

Samstags fährt der Deutsche in die moderne Waschanlage. Doch selbst Jürgen Lügger von der Autobahnpolizei gehörte früher mal zu den fanatischen Putzern.

O-Ton:
"Das Auto war in jüngeren Jahren sicher mal Statussymbol, verhätscheltes Objekt. Ich war urdeutsch, musste jeden Samstag das Auto putzen. / Mein Nachbar, der wienert ständig dat Auto nach jeder Fahrt. Wenn et nass ist, ledert er es ab und wenn et trocken ist, dann wischt er die Spuren so untenrum, die irgendwie der Staub und Dreck gemacht hat, ab. Der kann nicht ganz dicht sein."

Sprecher:
Verhätschelt wird ein Auto dann, wenn man es besonders vorsichtig behandelt, etwa so wie man auch seine Kinder verhätschelt. Hätscheln bedeutet ursprünglich, dass man gleitend über etwas hinweg streicht. Manch einer pflegt sein Auto auch mit besonderem Einsatz. Wienern ist nämlich eine äußerst intensive Art des Reinigens. Früher mussten Soldaten mit Wiener Putzkalk den Boden scheuern, damit der sauber wurde. Das nannte man dann wienern, eine Tätigkeit, die unser Nachbarbeobachter von eben nicht gerade sinnvoll findet. Wer ständig sein Auto wienert, der kann nicht ganz dicht sein, meint er. Und wer nicht ganz dicht ist, der ist nicht bei Verstand. Man stelle sich bei diesem Ausdruck einen schadhaften Dachstuhl vor, durch den der Regen tropft. Solch einen Dachschaden gibt es auch beim Menschen, bloß ist mit Dach hier der Kopf gemeint. Wer also nicht ganz dicht ist, hat einen Dach- beziehungsweise Kopfschaden.

Sprecherin:

Doch ganz egal, wie sehr das Auto von seinem Besitzer gehätschelt und gewienert wurde, beim Schrotthändler sind sie alle gleich: der teure schicke Sportwagen und der billige Kleinwagen.

Sprecherin:

Wenn ein Auto nicht mehr zu reparieren ist, kommt es in die Schrottpresse. In anderthalb Minuten ist alles vorbei.

O-Ton Schrotthändler:
"Das ist also für uns das ganz alltägliche Bild. Die Karossen kommen an, die Betriebsstoffe werden entnommen, werden mit dem Bagger in die Presse geladen, die Presse wird beschickt, dann wird das Ding gepresst, und das Paket wird herausgeholt, kommt auf einen LKW und weg ist es."

Musik:
Chopin: "Marche Funèbre"

Sprecher:
Manche nennen solche Verschrottungsorte noch immer Autofriedhöfe, woran man erkennt, dass es sich wirklich um eine besondere Beziehung zwischen Mensch und Maschine handeln muss. Auf Friedhöfen werden schließlich liebe Verstorbene beerdigt, damit die Hinterbliebenen einen Ort der Trauer und Erinnerung haben.

O-Ton Schrotthändler:

"Der Autofriedhof oder der Ausdruck kommt daher, dass man doch irgendwie eine ganz andere Beziehung zu seinem fahrbaren Untersatz hatte wie heute. Weil, es war ja wirklich Luxus. Und wenn man dann ein Fahrzeug abgestoßen hat, dann wurde es sicherlich nicht direkt so verarbeitet, wie das heute geschieht."

Sprecher:

In der deutschen Sprache gibt es unzählige Synonyme für das Wort Auto. Fahrbarer Untersatz ist nur eines davon. Je nachdem was für ein Auto man vor sich hat, nennt man es Kiste, Möhre, Nuckelpinne, Rakete, Rostlaube und so weiter, und so weiter.

Sprecherin:

Für so manchen stolzen Besitzer ist die Verschrottung seines Autos allerdings keine emotionslose Angelegenheit. Abschied tut eben weh.

O-Ton Schrotthändler:
"Es gibt Privatleute, die möchten also dabei sein, wenn ihr Auto gepresst wird. Wir haben auch schon witzige Sachen erlebt: dass jemand kam, der sein Unfallauto gebracht hat und dann das gepresste Paket wieder mitgenommen hat und hat es sich als Gartentisch irgendwo hingestellt mit einer Platte drauf. Das ist alles schon dagewesen."

Musik:
Erste Allgemeine Verunsicherung: "300 PS"

"… Autofahr'n, autofahr'n,

immer wieder autofahr'n,

mit dem Auto auf der Autobahn!

Auto !

Fragen zum Text

Wenn ein Autofahrer gondelt, dann …

1. schaukelt sein Auto wie eine Gondel.

2. fährt er sehr langsam.

3. wechselt er ständig die Fahrspuren.

Der Stinkefinger ist …

1. der Daumen.

2. der Ringfinger.

3. der mittlere Finger.

Sonntagsfahrer sind Fahrer, die …

1. nur sonntags Auto fahren.

2. auf eine Kaffeefahrt fahren.

3. selten und unsicher Auto fahren.

Arbeitsauftrag

In Deutschland sind die Verkehrsregeln in den vergangenen Jahren verschärft worden. Informieren Sie sich über die Änderungen und stellen Sie der Gruppe Ihre jeweiligen Ergebnisse vor.

Autorin: Sigrun Stroncik

Redaktion: Beatrice Warken

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