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Deutschland

Der deutsch-polnische Mauerfall

25 Jahre Mauerfall - Berlin steht in den Startlöchern für das große Jubiläum. Wer glaubt, darüber schon alles zu wissen, der wird durch einen neuen deutsch-polnischen Dokumentarfilm eines Besseren belehrt.

"Der Geist von Solidarność ist auf den Straßen der DDR mitgelaufen, ihr habt uns die Kraft für die friedliche Revolution gegeben. Nämlich die Angst zu überwinden und sich selbst ein Stück Freiheit zu nehmen. Dafür möchte ich Solidarność und dem polnischen Volk danken." Das waren deutliche Worte, die Roland Jahn in Berlin emotional vortrug. Sie kamen aus berufenem Munde. Jahn ist Chef der Stasi-Unterlagenbehörde und war in der ehemaligen DDR ein Oppositioneller, der für seine Haltung ins Gefängnis musste.

Roland Jahn, Bundesbeauftragter für Stasi-Unterlagen und Bogdan Borusewicz, Präsident des polnischen Senats (Foto: DW)

Roland Jahn (links), Bundesbeauftragter für Stasi-Unterlagen und Bogdan Borusewicz, Präsident des polnischen Senats, Mitbegründer von Solidarność

Als 1980 in Danzig die streikenden Arbeiter der Leninwerft die erste freie Gewerkschaft im Ostblock erkämpften, kaufte sich der damals 27-Jährige für ein paar Pfennige eine polnische Flagge, band sie an sein Fahrrad und fuhr damit durch seine Heimatstadt Jena. Viele verstanden das Symbol der Solidarität und riefen ihm "Solidarność" entgegen. Doch als er das Wort "Solidarität" dann auf die Fahne schrieb, wurde er verhaftet und zu 22 Monaten Gefängnis verurteilt. Die DDR-Staatsmacht hatte zugeschlagen, die Angst vor dem Bazillus aus dem Land jenseits der Oder war groß. Und so wurde aus einer kleinen Tat eine Lebenswende. Nach sechs Monaten wurde Jahn dann von West-Deutschland freigekauft. So wie es die DDR mit insgesamt 34.000 Menschen machte und dafür - pro Person - 100.000 West-Mark kassierte.

Hungerstreik für Solidarność

Während sich in Polen Millionen Menschen Solidarność anschlossen, hatte die DDR-Führung ihr Volk noch streng in der Gewalt. Von einer Massenbewegung wie dann Jahre später war weit und breit noch keine Spur. In Polen - das erzählt der deutsch-polnische Dokumentarfilm "Lernt Polnisch - DDR-Oppositionelle und die Solidarność" - hielt man die DDR deshalb für ein eher behäbiges Land aus "Schrebergärten und Trabis".

Die beiden Film-Autorinnen Rosalia Romaniec (links) und Magdalena Gwozdz (Foto: DW)

Die beiden Film-Autorinnen Rosalia Romaniec (links) und Magdalena Gwozdz

Einige der wenigen damaligen Solidarność-Sympathisanten der DDR erzählen in dem 45-Minuten Film von Rosalia Romaniec und Magdalena Gwozdz ihre Geschichten. Die beiden jungen Autorinnen haben bei den Dreharbeiten dafür eine echte Entdeckung gemacht. In Cottbus, im Gefängnis der DDR, das als Zentrale für politische Gefangene galt und von dem aus die Freikäufe in den Westen organisiert wurden, fand für Solidarność ein Hungerstreik statt, an dem sich bis zu 100 Häftlinge beteiligten. In Polen war diese Solidaritätsaktion bis vor kurzem unbekannt, in Deutschland wohl auch.

Dort wo sonst immer das Geschirr klapperte, im Speiseraum des Gefängnisses, war es damals ganz still, wie Viktor Witt erzählt. Mit Hunden wurden sie dann als Strafe in Isolationszellen gehetzt. Heute befindet sich in Cottbus dort eine Gedenkstätte - und sie stände dort nicht mehr, hätten die Häftlinge ihre ehemalige Peinstätte nicht zusammen gekauft, weil ein Investor die Gebäude abreißen wollte.

Gedenken an den Hungerstreik von Cottbus (Foto: DW-TV)

Gedenken an den Hungerstreik von Cottbus

"Den russischen Bär erlegt"

In Polen folgte auf den allzu großen Erfolg von Solidarność das brutale Kriegsrecht. Der Staat verknappte die Lebensmittel, damit die Menschen eher daran denken, "woher sie Fleisch bekommen und nicht an die Revolution". Doch im Untergrund und im Ausland lebte Solidarność weiter. Im August 1988 gab es wieder erste Gespräche zwischen dem Staat und Solidarność. Im April 1989 folgte die Wiederanerkennung und im Juni fanden bereits die ersten teilweise freien Wahlen statt - ein halbes Jahr vor den Wahlen in der DDR.

Zentrale Figur war der ehemalige Streikführer, dann Solidarność-Chef und spätere Staatspräsident Lech Walesa. "Wir haben dem russischen Bären die Zähne ausgeschlagen. Und als er nicht mehr beißen konnte, habt ihr ihn erledigt." Das sagt Walesa im Film, als er auf vier der ehemaligen Häftlinge aus Cottbus trifft, für die sich mit dieser Begegnung ein jahrzehntelanger Kreis schloss - dank des Films.

Kurzweilige Geschichtsstunde

Der Film zeigt mutige Menschen. Unter ihnen auch Bogdan Borusewicz, ehemaliger Solidarność-Aktivist und nun seit 2005 Präsident des polnisches Senats. "Auch wenn wir wenig voneinander erfahren haben, so haben wir doch einen gemeinsamen Weg beschritten", sagte Borusewicz nach der Film-Premiere in Berlin.

In der DDR gab es viel anti-polnische Propaganda. Die Polen seien arbeitsscheu und würden deshalb streiken, lautete eine gängige Erklärung zu Solidarność. Das schürte Vorurteile - noch heute ist das Wissen um die polnische Vorgeschichte des Mauerfalls in Deutschland nicht sehr weit verbreitet. Der Film kommt deshalb gerade rechtzeitig.

Lech Walesa (Foto: dpa)

Lech Walesa: "Den russischen Bär erlegen"

Und der Film rückt so manches Politiker-Image zurecht: Walesa erinnert sich an das Treffen mit dem damaligen Kanzler der BRD, Helmut Kohl, und dessen Außenminister Hans-Dietrich Genscher in Polen. Er habe damals gesagt, die Mauer werde bald fallen, erzählt Walesa. Das werde nicht passieren, widersprach Genscher. Am selben Tag mussten die beiden deutschen Politiker nach Berlin reisen, weil die Mauer gefallen war.

Europäische Dimension

Der Film (ab 5. November auf DW-TV und in der Mediathek) ist eine Koproduktion der Deutschen Welle mit Telewizja Polska. Der Intendant der Deutschen Welle, Peter Limbourg, sagte, der Film zeige, dass der Mauerfall kein rein deutsches Phänomen, sondern ein deutsch-polnisches und europäisches gewesen sei - den Wert der Freiheit könne man nicht hoch genug einschätzen.

Die Autorinnen haben einen Film geschafft, der Lust macht auf die Geschichte des jeweils anderen Landes. Dramaturgisch werden die vielen Lebensgeschichten geschickt miteinander in Beziehung gesetzt, mit historischen Ausschnitten angereichert, ohne dass eine zu große Emotionalität den Blick auf die Spannung der Geschichte verschleiert. Im Zentrum steht die Erinnerung an zwei brutale Diktaturen.