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Deutschland

Der Dealer mit dem unschuldigem Blick

Drogendealer gehören in Berlin leider zum Stadtbild. Nicht ganz so alltäglich ist es dagegen, wenn Dealer sich als Minderjährige entpuppen. Das ist schon deshalb ein Problem, weil Kinder nicht bestraft werden können.

U-Bahn-Eingang: Verkaufsstation für Kinderdealer in Berlin-Neukölln (Foto: dpa)

Verkaufsstation für Kinderdealer in Berlin-Neukölln

Sein Arbeitsplatz sind die Berliner U-Bahnhöfe. Das von ihm feil gebotene Erzeugnis sind kleine Kügelchen mit Heroin. Insgesamt drei Mal fasste die Berliner Polizei in den vergangenen Tagen einen elfjährigen Drogendealer. Das Kind mit arabischem Migrationshintergrund soll wiederholt zu kriminellen Verkaufstouren aus einem Berliner Kinderheim ausgebüchst sein. Denn es ist ein offenes Heim, dessen Schutzbefohlene gehen können, wann sie wollen.

Können und sollen Kinderdealer bestraft werden?

Absperrung und Schild 'Kein Platz für Alkohol und Drogen' (Foto: dpa)

"Kein Platz für Alkohol und Drogen" - Hier wurde der elfjährige Drogendealer geschnappt

Bestraft werden kann das Kind nicht. Denn strafmündig ist in Deutschland erst, wer 14 Jahre und älter ist. An dieser Strafgrenze will Berlins Innensenator Ehrhart Körting von der SPD auch nicht rütteln: "Ein Zwölfjähriger oder ein Dreizehnjähriger ist nicht von Natur aus böse veranlagt." Schon deshalb müsse der Staat mit pädagogischen Mitteln versuchen, dieses Kind aus seinem kriminellen Milieu zu lösen, sagt der oberste Wächter der Inneren Sicherheit in Berlin. "Für mich ist das ein Missbrauch von Kindern, was da passiert."

Diese Ansicht teilt der interkulturelle Erziehungslotse Ali Maarouf vom Deutsch-Arabischen Zentrum. Vor allem die kriminellen Clan-Chefs hinter den Kindern müssten geschnappt werden. Bei dem Phänomen der Kinderdealer handle es sich um wenige Einzelfälle, sagt Maarouf: "Diese Kinder sind selbst Opfer und keine Täter."

Debatte entzündet sich an neuem Milieu-Buch

Der Berliner Innensenator Ehrhart Körting (Foto: dpa)

Ehrhart Körting (SPD) will "verbindliche Betreuung" für Kinderdealer

Im ersten Halbjahr 2010 seien in Berlin 26 minderjährige Drogendealer geschnappt worden. Im vergangenen Jahr waren es 35 Fälle, sagt Senator Körting. Höhere Fallzahlen, wie sie teils in den Berliner Medien bekannt gemacht wurden, hält er für überzogen.

Vor allem wehrt Körting sich gegen den Vorwurf, die meisten Kinderdealer seien gezielt von kriminellen arabischen Großfamilien nach Deutschland eingeschleust worden, zum Teil aus palästinensischen Flüchtlingslagern. Diesen Eindruck hatte die jüngst durch ihren Freitod in die Schlagzeilen geratene Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig erweckt. Sie hatte eine Diskussion losgetreten, die zumindest nach Ansicht vieler in der arabischen Migrantenszene wohl auch dem Verkauf ihres bald erscheinenden Buches "Das Ende der Geduld" helfen sollte.

Der Innensenator dagegen ist überzeugt, dass die meisten Nachwuchskriminellen aus arabischen Familienclans stammen, die schon mehrere Jahrzehnte als deutsche Staatsbürger hier lebten. Ihre Familienbande hätten diese bis zu 700-köpfigen-Großfamilien im libanesisch-syrisch-türkischen Grenzgebiet. Jugendrichterin Heisig beschreibt diese Clans in ihrem Buch mit den Worten: "Die Kinder wachsen weitgehend unkontrolliert in diesen kriminellen Strukturen auf."

Skyline Berlin (Foto: dpa)

Von der Stadt aufs Land abschieben - wohin mit minderjährigen Kriminellen?

Lieber in den Knast als ins Heim

Werde nachgewiesen, dass die Kinder im Familienauftrag handelten, dann plädiert Körting in solchen Fällen dafür, die Kinder den Eltern wegzunehmen. Um sie anschließend in Heimen außerhalb der Hauptstadt unterzubringen, weit weg vom Berliner Drogenmilieu. Das hält Ismail Ünsal vom Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerk in Berlin-Neukölln grundsätzlich für einen nachvollziehbaren Ansatz. Ein Ansatz, der eins allerdings übersehe: Heime, egal welcher Art, hätten bei deutsch-arabischen Familien einen abscheulichen Ruf. Ünsal erzählt vom Fall einer Familie, die ihm jüngst sagte: "Es ist besser, wenn mein Kind in den Knast geht, statt dass es außerhalb Berlins in ein Heim kommt."

Senator Körting hält sein Konzept einer räumlichen Trennung zwischen Kinderdealern und Drogenszene für alternativlos. Denn eins wolle er in keinem Fall: "Ich will keine Kinderknäste, also keine Kindergefängnisse bauen." Da kann Jugendhilfe-Mitarbeiter Ünsal zwar zustimmen, doch seine Schlussfolgerung ist eine andere. Sein tägliches Brot ist es, deutsch-arabische Familien in ihrer Erziehungsarbeit im Problembezirk Berlin-Neukölln zu unterstützen. Daher weiß er, dass an der direkten Arbeit mit den Eltern kein Weg vorbeiführt. Es gehe nur mit ihnen, sagt er und relativiert noch einmal den Eindruck des Massenphänomens: "Es sind sehr wenige Eltern, die dulden, dass ihre Kinder straffällig werden. Viele wissen es nicht."

In geschlossenen Heimen wegsperren?

Einige Lokalpolitiker fordern, die straffällig gewordenen Kinder in geschlossenen Kinderheimen einzusperren. Wogegen Körting sich im Prinzip wehrt, dann aber im Detail ähnliches fordert: "Mein Ansatz ist, dass die Kinder pädagogisch betreut werden, aber die pädagogische Betreuung und die Lage des Heims muss so sein, dass es das Heim defacto nicht erlaubt, dass sie wegkommen." Kinderdealer wegsperren oder nicht, verurteilen oder betreuen. Noch scheint der richtige Umgang mit dem Problem der minderjährigen Kinderdealer nicht gefunden.

Autor: Richard A. Fuchs

Redaktion: Kay-Alexander Scholz

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