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Musik

"Der Colón Ring" im Film

Bei der Wagner-Inszenierung brodelte es hinter den Kulissen; ein Dokumentarfilm erzählt jetzt die Geschichte dieser schweren Theatergeburt. Die Premiere in einem Berliner Kino war ein voller Publikumserfolg.

Wenige Wochen vor der Erstaufführung in Buenos Aires werden Noten seitenweise aus dem Partiturheft herausgerissen. Instrumentalisten drohen mit der Abreise. Der Dirigent, vom Orchesterklang genervt, verlässt wutentbrannt den Proberaum. An der Bühnenvorrichtung wird gehämmert. Eine Hauptrolle wird kurzfristig umbesetzt. Eine erprobte Sopranistin kämpft mit der größten Herausforderung ihrer Karriere. Eine junge Regisseurin strahlt Energie und Tatkraft aus. Man spürt, dass die Produktion wesentlich von ihrem Engagement abhängt.

"Verrat! Betrug!" schmettert Linda Watson als Brünnhilde auf der Bühne. Szenenwechsel - hinter den Kulissen: Es wird deutlich, dass der Verrat nicht im Stück, sondern im wirklichen Leben passiert, und alle Akteure fragen angespannt: Wird die Premiere, wird der Film scheitern?

Wettlauf mit der Zeit

Brünnhilde (Linda Watson) und Wotan (Jukka Rasilainen) in einer Szene aus der Walküre Foto: Samira Schultheiss/DW

Weltstar Linda Watson alias Brünnhilde an der Seite von "Wotan"

Die Vorgeschichte: Richard Wagners Vieropernzyklus "Der Ring des Nibelungen" sollte im November 2012 in einer gekürzten Fassung im größten Theater Südamerikas, dem Teatro Colón in Buenos Aires, aufgeführt werden. Die Regie sollte Katharina Wagner, Urenkelin des Komponisten, führen. Doch diese findet sechs Wochen vor der Premiere unzureichende Probenbedingungen vor, reist am selben Tag wieder ab, erscheint eine Woche später wieder mit einem Anwalt an ihrer Seite. Man trennt sich einvernehmlich. Vier Wochen vor der Premiere wird eine neue Regisseurin gefunden. Valentina Carrasco darf Bühnenbild und Besetzung übernehmen, Konzept und Personenregie muss sie selber in kürzester Zeit erfinden und umsetzen.

Immer dabei: Filmregisseur Hans Christoph von Bock, der das Enstehen des Werks auf Leinwand bannte. Wer die Hochglanz-Klassikfilmproduktionen der DW kennt, muss sich bei ihm auf einen raueres Produkt im Stil von Reality TV einstellen.

Und spannungsreicher konnte die Fernsehdokumentation einer Opernpremiere nicht sein. Könnte einem Filmemacher nichts Besseres geschehen als die jähe Absage der Wagner-Urenkelin? Projektleiter Rolf Rische empfand das allerdings nicht so. "Das war schon mehr als ein Rückschlag. Das war fast ein Zusammenbruch", sagte er. Dennoch: "Es gab entscheidende Faktoren, dass man dabei geblieben ist: Weltstars wie Linda Watson sind nicht abgereist. Anstatt die Auseinandersetzung mit Katharina Wagner auf eine juristische Spitze zu treiben, hat der Theaterdirektor den praktischen Weg gesucht."

Wagner light?

Cord Garben Bild: privat,

Cord Garben hat nichts gegen Kürzungen

Wagner gilt als laut - und vor allem lang. Der Musikproduzent Cord Garben behauptet keck: "Man kann zwanzig Seiten aus der 'Ring'-Partitur streichen, und niemand, der die Partitur nicht kennt, bemerkt das." Lachen und Applaus im Kinopublikum. "Frevel" oder "Sakrileg" sagt heute niemand mehr zur Frage der Kürzung. Ob sich der Komponist im Grab umgedreht hat? Auch hier kann Garben beruhigen: "Im Frühjahr war ich in Bayreuth, weil ich eine CD gemacht habe: Hauptszenen aus dem "Ring", bearbeitet für zwei Klaviere. Wir haben an Wagners Grab gestanden und Fotos gemacht, und es ist nichts passiert."

Die gekürzte Fassung soll Wagnerneulingen den Einstieg erleichtern und Theaterhäusern mit eingeschränkten finanziellen Mitteln die Inszenierung ermöglichen. Dennoch waren Solisten über "gerade die" gekürzten Stellen im immerhin fast achtstündigen "Colón Ring" empört. Und die Regie? Mehrfach im Film spricht sich der sichtlich überfordert wirkende Theaterdirektor Pedro Pablo Garcia Caffi Mut zu, räsoniert über einen "Plan B". Doch sein Gesichtsausdruck spricht eine andere Sprache. Kichern im Publikum.

Retterin in der Not

Regisseurin Valentina Carrasco Foto: c) dpa - Bildfunk

Valentina Carrasco sprang in letzter Minute als Regisseurin ein

Valentina Carrasco soll die Produktion retten und Regie führen. Hatte auch sie einen Plan B? "B steht im Spanischen für 'bombero' wie Feuerwehr", sagte sie der DW im Interview am Abend der Filmpremiere. "Ich bin gekommen, um das Feuer zu löschen. Ich habe mir nur ein mögliches Konzept ausgedacht. Es gab keine Zeit, an ein weiteres zu denken. Ich bat um 48 Stunden Bedenkzeit, habe mich über das Team vor Ort vergewissert und sagte dann zu."

Ein schlüssiges und unverwechselbares Konzept sah man dann bei der Premiere am 27. November in Buenos Aires: Der Göttervater Wotan erscheint in Generalsuniform als ehemaliger Präsident Juan Perón, sein Gattin Fricka im Evita-Look – zwei argentinische Herrscherlegenden. Bei Carrasco raubte der Zwergenkönig Alberich nicht das Rheingold, sondern einen Säugling. Der güldene Reichtum der Welt wird durch Kinder symbolisiert. Kinder, die in der Zeit der Militärdiktatur im Argentinien ein schreckliches Schicksal erlebten: Ihre Eltern wurden aus politischen Gründen verhaftet, gefoltert und ermordet, sie selbst zur Adaption freigegeben. Jahrelang wussten sie nicht, wer sie waren und woher sie stammen.

Carrasco inszenierte damit ein provokantes und unangenehmes Stück Musiktheater, das sich der politischen Aufarbeitung im Lande annahm. Entsprechend kühl und distanziert reagierte die lokale Kritik, die internationale dagegen wohlwollend bis enthusiastisch.

Ende gut…

So wie die Inszenierung entwickelte auch der Dokumentarfilm im Verlauf seiner 93 Minuten einen Spannungsbogen, der eindrucksvoll das Dilemma aller Beteiligten dokumentierte. Regisseurin Valentina Carrasco gestand, dass sie während der Proben auf eine wichtigere Instanz vertraute: "Ich denke immer an die Worte des argentinischen Autors Jorge Luis Borges. Es ging einmal um eine schlechte Übersetzung von Don Quichote. Er sagte dann: 'Der Quichote ist stark genug, jede miserable Herausgabe zu überleben'. Im Falle der Ring-Inszenierung habe sie sich ähnlich gefühlt, gab sie zu: "Egal wie mangelhaft die Adaptierung von Cord Garben, egal wie schlecht meine Regie oder Roberto Paternostros Dirigieren: Wagner ist stärker als wir alle zusammen."

Langer, anhaltender Applaus im Delphi Filmpalast für die Dokumentation, die am 11. und 18. Mai im DW-TV in den Sprachen Deutsch, Englisch, Spanisch und Arabisch ausgestrahlt wird. Dokumentation und Multikamera-Mitschnitt des "Colón Rings" wurden von der DW in Zusammenarbeit mit Bernhard Fleischer Moving Images produziert. Der Gesamtmitschnitt wird im Mai zum 200. Geburtstag Richard Wagners auf dem Label C Major Entertainment erscheinen.

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